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Augsburg

21.07.2019

Der große Drogen-Report: So ist die Lage in Augsburg

Die Polizei präsentiert einen größeren Drogenfund: Cannabis finden die Beamten in Augsburg am häufigsten.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Plus Am Anfang steht eine normale Verkehrskontrolle, am Ende fliegt ein Netz von Dealern auf. Wie Kripo-Chef Gerhard Zintl die Drogenszene in Augsburg einschätzt.

Das Kokain war im Geheimfach eines Koffers versteckt. Zwei Kuriere, eine Frau und ein Mann, brachten den Koffer mit dem Zug von Zürich nach Augsburg. In einem Hotelzimmer in Bahnhofsnähe sollte die Droge dann an einen Augsburger Abnehmer verkauft werden – an einen Mann namens „Hugo“. Rund 1,5 Kilo befanden sich in dem Koffer. Auf dem Augsburger Schwarzmarkt hätte man damit mindestens 90.000 Euro einnehmen können. Doch das Geschäft platzte. Denn „Hugo“ war ein V-Mann der Polizei. Der Deal wurde überwacht, noch in dem Hotelzimmer stellten Polizisten das Kokain sicher. Der Einsatz des V-Mannes hat sich für die Strafverfolger gelohnt. Mehrere Beteiligte an dem Kokaingeschäft wurden inzwischen vom Augsburger Landgericht zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Wer sind die Kunden, die in Augsburg Kokain kaufen? Ist die Droge wirklich so weit verbreitet, wie immer wieder gemutmaßt wird – gerade bei den Besserverdienenden? Auch bei der Kriminalpolizei weiß man darauf keine eindeutige Antwort. „Kokain spielt bei uns im Vergleich zu anderen Drogen keine so große Rolle“, sagt der Augsburger Kripo-Chef Gerhard Zintl. Kokain-Konsumenten sei es durchaus möglich, über lange Zeit ein normales Alltagsleben zu führen, auch im Beruf. Vielleicht, so mutmaßt der Ermittler, fallen sie auch deshalb weniger auf. Der Preis dürfte dafür sorgen, dass sich nicht jeder Kokain leisten kann. Wer ein Gramm des weißen Pulvers kaufen will, zahlt dafür nach Erkenntnissen der Polizei in Augsburg zwischen 60 und 100 Euro. Der Preis für ein Gramm Heroin liege um die 60 Euro, Cannabis gebe es für rund zehn Euro.

Einsatz in der Drogenszene am Kö, sichergestelltes Badesalz auf einer Waage, Fixerbesteck am Oberhauser Bahnhof. Viele Süchtige werden selbst zu Dealern, sagt Kripo-Chef Gerhard Zintl.
Bild: Silvio Wyszengrad

Der Kriminalpolizei geht es vor allem darum, die größeren Händler zu erwischen – sowie jene, die die Drogen nach Augsburg transportieren. Einfacher ist das in den vergangenen Jahren nicht geworden. Bestellungen werden heute auch übers Internet abgewickelt, auch im sogenannten Darknet, in dem man als Nutzer weitgehend anonym agieren kann. Geliefert werden die Drogen nicht mehr zwingend von einem Dealer, auch der Postversand spielt eine immer größere Rolle. Kripo-Chef Gerhard Zintl sagt, die Ermittlungen im Internet seien zwar mitunter schwierig, aber keinesfalls aussichtslos. „Es gelingt uns auch hier immer wieder, Personen zu identifizieren.“ Auch bei der Augsburger Kriminalpolizei gibt es inzwischen mehrere speziell ausgebildete Internet-Kriminalisten.

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Ermittlungen im Drogenmilieu: Wie ein Netz, das man an einer Stelle zu fassen bekommt

Oftmals sind es aber Zufallsfunde, welche die Drogenfahnder auf die richtige Spur führen. Etwa, wenn bei einer Verkehrskontrolle ein Autofahrer mit Drogen erwischt wird. Oft sind die Betroffenen bereit, eine Aussage zu machen und den Ermittlern zu verraten, woher sie die Drogen bezogen haben. Im Betäubungsmittel-Strafrecht gibt es eine Kronzeugenregelung, die einen Strafrabatt verspricht für jene, die bei der Polizei „auspacken“. Gerhard Zintl sagt, es sei wie ein Netz, das man an einer Stelle zu fassen bekomme. Oft ergebe sich dann ein größerer Komplex mit einer Reihe von Verdächtigen. 407 Fälle von Drogenhandel und -schmuggel hat die Polizei in der Stadt Augsburg im vergangenen Jahr aufgedeckt. In rund zwei Drittel aller Fälle (258) ging es dabei um Cannabis, gefolgt von aufputschenden Amphetaminen (84 Fälle), Heroin (32) und Kokain mit bereits nur noch 17 Fällen.

Wie groß der Drogen-Schwarzmarkt in Augsburg ist, kann die Polizei nur schwer abschätzen. Da das Personal der Kripo begrenzt ist, müssen die Ermittler Schwerpunkte setzen. Besonders im Auge hatte die Polizei zuletzt unter anderem den Königsplatz und den Helmut-Haller-Platz vor dem Oberhauser Bahnhof. Das sind Treffpunkte der Süchtigenszene, an denen auch mit Drogen gehandelt wird. Nachdem es an beiden Plätzen verstärkt Probleme und vereinzelt auch Übergriffe auf unbeteiligte Passanten gab, verstärkte die Polizei die Kontrollen. Das spiegelt sich in den Zahlen wider: Während im Jahr 2015 am Oberhauser Bahnhof nur rund 20 Drogendelikte aufgedeckt worden sind, waren es im vorigen Jahr mehr als 150. Am Königsplatz sind auch Flüchtlinge in den Handel mit Drogen verwickelt. Nach Einschätzung der Augsburger Kripo spielen sie aber keine Hauptrolle auf dem Augsburger Schwarzmarkt. An allen Straftaten mit Drogen, die voriges Jahr aufgedeckt wurden, hatten Asylbewerber und Flüchtlinge einen Anteil von rund zehn Prozent.

Wer hat das Geschäft mit Drogen in Augsburg in den Händen?

Große Banden, die das Geschäft in Augsburg in den Händen haben, gibt es nach Einschätzung von Kripo-Chef Gerhard Zintl aktuell nicht. Es gebe kleinere organisierte Strukturen, die vor allem daraus entstehen, dass Süchtige sich mit dem Weiterverkauf von Drogen eine Einnahmequelle verschaffen. Man könne auch nicht feststellen, dass es einzelne Nationalitäten oder ethnische Gruppen gebe, die sich auf den Handel mit bestimmten Drogen spezialisieren. Der Anteil der Ausländer an den Drogenstraftaten in Augsburg lag voriges Jahr bei rund 30 Prozent. Das ist – vor allem im Vergleich zu anderen Formen der Kriminalität – nicht besonders viel. Auch spezielle Handelsrouten lassen sich laut Kripo nicht ausmachen. Früher gab es zum Beispiel die sogenannte „Balkanroute“, die jedem Fahnder ein Begriff war. Generell sei es so, sagt Kripo-Chef Zintl, dass die Drogen meist aus jenen Nachbarländern kommen, die relativ nahe gelegen sind.

In Ostbayern spielt Tschechien eine größere Rolle. Für Augsburg dagegen nicht. Deshalb gibt es hier kein so großes Problem mit der in Tschechien offenbar weiter verbreiteten „Todesdroge“ Crystal Meth. Derzeit steht ein 32-jähriger Mann in Augsburg vor Gericht, der im Crystal-Rausch einer 25-jährigen Augsburgerin den Hals aufgeschlitzt hat – sie wäre beinahe verblutet. Der Mann lebte aber nicht hier, sondern im Großraum München.

Ein größeres Problem in Augsburg sind sogenannte Badesalze. Das sind ebenfalls im Labor hergestellte Drogen, die aufputschen und berauschen. Und auch ihre Wirkung gilt als ziemlich unkontrollierbar. Kripo-Chef Zintl sagt, zahlreiche Todesfälle der vergangenen Jahre seien auf die Badesalze zurückzuführen. Oft hätten die Drogenopfer verschiedene Substanzen gleichzeitig eingenommen. Zuletzt haben die Drogenhilfe Schwaben und die Polizei intensiv über die Risiken von Badesalzen informiert. Gerhard Zintl hofft, dass sich das auf die Zahl der Drogentoten positiv auswirkt. Im vorigen Jahr starben laut Polizei 33 Menschen in Nordschwaben wegen des Konsums illegaler Drogen.

Einsatz in der Drogenszene am Kö, sichergestelltes Badesalz auf einer Waage, Fixerbesteck am Oberhauser Bahnhof. Viele Süchtige werden selbst zu Dealern, sagt Kripo-Chef Gerhard Zintl.
Bild: Jörg Heinzle

Informanten aus der Szene spielen bei den Ermittlungen immer wieder eine Rolle, außerdem setzt die Polizei auch verdeckte Ermittler ein. Einer dieser Ermittler war auch beteiligt daran, einen Augsburger auffliegen zu lassen, der einen Handel mit Haschisch betrieb – eher nebenbei, um seine eigene Sucht zu finanzieren. Er arbeitete in der Schweiz und nutzte das Pendeln, um Haschisch nach Augsburg zu bringen und hier zu verkaufen.

Die Kunden stammten unter anderem aus der Augsburger Gastro-Szene. Bei der letzten Fahrt in die Schweiz soll ein verdeckter Ermittler dabei gewesen sein. Der Schweiz-Pendler ist inzwischen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Die Drogen soll er teils bei sich zu Hause gebunkert haben – in derselben Straße, in der auch das Polizeipräsidium liegt.

Lesen Sie dazu auch ein Interview mit dem Streetworker Andreas Köjer: Wie wirken sich die Polizeikameras auf die Drogenszene am Kö aus?

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22.07.2019

Und der Link zur WHO ist sehr interessant. Den muss man allen senden die glauben Canabis ist harmlos.

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21.07.2019

Zu Peter P.
Natürlich sind die Auswirkungen von Canabis negativ. Genauso wie die von Alkohol.
Und warum Menschen, denen die Gefahr von legalen Drogen bewusst ist, auswandern sollen, ist mir nicht klar.
Es gibt halt keine gute und schlechte Drogen. Es gibt legale und illegale Drogen. Alles ist vielschichtig und komplex, wenn man es hinterfragt. Da gibt es halt keine einfachen Lösungen.

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21.07.2019

Zu Peter P.
Vor jeder Fussballübertragung kommt Werbung für Bier. Finde ich bescheuert, vorwiegend wenn man bedenkt, dass auch Kinder und Jugendliche zuschauen.
Und Ihr Beitrag liest sich wie eine Verlautbarung der Alkoholindustrie.
Wenn man die öffentlichen Besäufnisse z.B. auf dem Oktoberfest anschaut, sehe ich nichts von Geselligkeit. Da gehts für viele nur ums volldröhnen.
Von den illegalen Drogen habe ich kaum Ahnung. Aber man hört, dass viele Menschen Kanabis in geselliger Runde konsumieren. Finde ich nicht gut, ist aber wohl so.
Klar ist ein guter Wein eine feine Sache (finde ich zumindest). Aber Alkohol ist eine Droge. Da helfen alle Ausreden nichts.

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21.07.2019

>> Und Ihr Beitrag liest sich wie eine Verlautbarung der Alkoholindustrie. <<

Es ist unschön, wenn Sie Argumente mit Denunziation beantworten.

>> Wenn man die öffentlichen Besäufnisse z.B. auf dem Oktoberfest anschaut, sehe ich nichts von Geselligkeit. <<

Sie müssen halt mit den richtigen Leuten hingehen und die linksgrüne Brille zu Hause lassen.

>> Aber man hört, dass viele Menschen Kanabis in geselliger Runde konsumieren. Finde ich nicht gut, ist aber wohl so. <<

Der WHO glaubt man nur, wenn es gegen den Autoverkehr und Luftschadstoffe geht!?

https://www.drogenbeauftragte.de/presse/pressekontakt-und-mitteilungen/archiv/2016/2016-2-quatarl/aktuelle-who-studie-zum-thema-cannabiskonsum.html?L=0

>> Aber Alkohol ist eine Droge. Da helfen alle Ausreden nichts. <<

Wem das mit dem öffentlichen Alkohol nicht gefällt, dem bieten sich großartige Länder auf dieser Welt zum Auswandern an.

https://www.spiegel.de/panorama/iran-todesurteil-gegen-zwei-maenner-wegen-alkoholkonsums-a-840789.html



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21.07.2019

Das ist kein Bericht über Drogen sonder über illegale Drogen. Sonst hätte auch über die riesigen Bestände an Bier und Wein (den ich auch gerne konsumiere) usw. berichtet werden müssen.
Solange Werbung für legale Drogen mit tausenden von Alkohlgeschädigten und Toten jählich zulässigen ist, ist das alles ein Hohn. Alkohol ist oft die Einstiegsdroge. Dann ist der Weg nach unten offen. Und die Polizei muss einen Kampf führen gegen Süchtige, hochangesehene kokainsüchtige Geschäftsleute, Kleinkriminelle, die Mafia usw.

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21.07.2019

Bei Bier und Wein steht vielfach das Geschmackserlebnis an erster Stelle; bei illegalen Drogen ist ausschließliche Ziel die Bewusstseinsveränderung.

Bier und Wein werden vielfach in geselliger Runde konsumiert - Konsumenten illegaler Drogen haben vielfach keine stabilen sozialen Strukturen um sich herum.

Und Werbung für Wein muss man im Alltag schon sehr motiviert suchen - da ist eigentlich nichts. Man muss einfach gelassen sein, wenn sich Menschen mit schädlichen Substanzen selbst schädigen. Und mit den Zahlen der Alkoholtoten ist es wie mit den NOx Toten; es sind vorzeitige Todesfälle, wo sich vielfach auch verschiedene gesundheitliche Risikoprofile überdecken.

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