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Jubiläum

14.02.2015

Der große evangelische Vordenker

Der evangelische Theologe Ernst Troeltsch (1865 – 1923) galt zu Lebzeiten als der „Einstein der Geisteswissenschaften“. Er zeigte den Kirchen den Weg in die freiheitlich-pluralistische Gesellschaft. Vor 150 Jahren wurde er in Haunstetten geboren.
Bild: epd

Vor 150 Jahren wurde einer der wichtigsten Theologen des frühen 20. Jahrhunderts in Haunstetten geboren. Ernst Troeltsch ist der geistige Wegbereiter der Volkskirche

Als Ernst Troeltsch am 1. Februar 1923 starb, erschienen in Europa und den USA in der Presse fast 140 Nachrufe auf diesen „Einstein der Geisteswissenschaften“. Seine Gedanken zur „Zusammenbestehbarkeit“ von religiösem Glauben und empirischem Wissen ließen um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert die akademische Welt nicht nur im Deutschen Kaiserreich aufhorchen. Zeitlebens hatte sich der evangelische Theologe um die Versöhnung der Kirche mit der Moderne bemüht. Vor 150 Jahren, am 17. Februar 1865, wurde Ernst Troeltsch als ältester Sohn einer Arztfamilie in Haunstetten geboren.

Deshalb hält die Ernst-Troeltsch-Gesellschaft ihren XI. Internationalen Kongress dieses Jahr vom 16. bis 18. Februar in Augsburg. Das Thema lautet: „Freiheitsglaube – Liberale Religion heute“. Dabei geht es um drängende Fragen, die mit Erstarken eines fundamentalistischen Islamismus und einer zunehmenden Entchristlichung des öffentlichen Lebens noch deutlicher hervortreten: Wie liberal kann Religion sein? Wie werden Religionen pluralismusfähig? Braucht der liberale Staat überhaupt Religion? Wer möchte, kann im Augustanasaal zuhören. Auf jeden Fall öffentlich ist der Festvortrag „Lob des Kompromisses – Ernst Troeltsch als Ethiker“, den am Faschingsdienstag, 17. Februar, um 19 Uhr in St. Anna der Münchner Theologe Prof. Friedrich Wilhelm Graf als Vorsitzender der Troeltsch-Gesellschaft hält.

Augsburg, wo er seine humanistische Bildung als Klassenbester am Gymnasium bei St. Anna empfing, ließ der Arztsohn mit 19 hinter sich. Troeltsch studierte Theologie in Erlangen, Berlin und Göttingen. Mit 26 war er Doktor, mit 29 Professor. Man lobte seine außerordentliche Kraft in der schnellen Lektüre, kritischen Aneignung und konstruktiven Verarbeitung der aktuellen Literatur. Troeltsch erkannte den zunehmend schnelleren gesellschaftlichen Wandel seiner Epoche, insbesondere die Durchsetzung der modernen, kapitalistischen Ökonomie, der unaufhörlichen Erosion des überkommenen Kirchenglaubens, dem Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik und der Dominanz des historischen Denkens. Die Religion geriet mehr und mehr in die Defensive, galt als überholt und irrational. Wie sollte sich Theologie als akademisches Fach behaupten?

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Ernst Troeltsch, seit 1894 Lehrstuhlinhaber an der führenden Universität Heidelberg, stellte sich als Theologe dem Dilemma, dass einerseits die frei fragende Vernunft die Religion rationalistisch entzaubern könnte und dass andererseits die Religion im Dunkel göttlicher Offenbarung entschwindet. An ihrer erlösenden und erhebenden Kraft und ihres heiligen Geistes, die allein Maß ihrer Wahrheit sein kann, ließ Troeltsch auch nicht rütteln. Doch wendet er Religion aus der Verankerung als eine verbindliche Weltdeutung und verlagert sie ins Leben des einzelnen Gläubigen, als eine Kraft, die die Seelen völlig ergreift und verwandelt.

Als im deutschen Protestantismus noch staatskirchliche Verhältnisse herrschten und im Katholizismus sogenannte „Modernisten“ verfolgt wurden, um reformerische Kräfte niederzuhalten, trat Ernst Troeltsch bereits für eine „elastisch gemachte Volkskirche“ ein. „Er meint damit eine Kirche, die sich nicht über Lehre und Dogma definiert, sondern eine Institution und Organisation, die die Vielfalt ganz unterschiedlicher Frömmigkeitsformen zu akzeptieren vermag und in sich pluralismusfähig ist“, erklärt Graf. Troeltsch war davon überzeugt, dass sich die Erneuerung des Christentums in der Moderne nur durch einen die Konfessionsgrenzen überschreitenden ökumenischen Austausch „ernsthafter Gläubiger“ befördern ließe. „Troeltsch ist kein Kulturkämpfer. Er interessiert sich intensiv für den Katholizismus und sagt, dort gibt es im Kern dieselben Probleme wie im traditionellen Luthertum“, sagt Graf. Die Zukunft sah er in einem überkonfessionellen „Christentum der Gesinnung“.

Der Professor Ernst Troeltsch, der 1915 für Kultur-, Geschichts-, Gesellschafts- und Religionsphilosophie nach Berlin berufen wurde, feierte dort triumphale Erfolge. Er las zum Teil vor über 1000 Hörern. Nach Ausrufung der Republik galt er einige Zeit sogar als Kandidat für das Amt des Reichspräsidenten und ging als Abgeordneter der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei in die Preußische Nationalversammlung. Im Preußischen Kultusministerium gestaltete Troeltsch als Unterstaatssekretär die Neuordnung des Staat-Kirche-Verhältnisses mit. Als erster deutscher Intellektueller warnte er schon 1922 vor dem deutschen „Faszistentum“.

So sehr sein Tod 1923 die Welt erschütterte, so rasch geriet Ernst Troeltsch in Vergessenheit. Seit Ende der Zwanziger werde er nicht mehr als „konstruktiv-hilfreiche Figur“ wahrgenommen, weiß Graf. „Weiter viel gelesen wird er in den englischsprachigen Ländern und von dort kommt in den 60er Jahren allmählich eine Troeltsch-Renaissance nach Deutschland zurück.“ Die Bayerische Akademie der Wissenschaften setzt seit 2002 die kritische Gesamtausgabe der Werke von Ernst Troeltsch fort – und gab zum 150. Geburtstag ein Schwerpunktheft ihrer Zeitschrift Akademie Aktuell (Ausgabe 1/2015) heraus.

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