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Pflege

14.02.2012

Der tägliche Kampf mit schlechten Bedingungen

Bezahlung und Arbeitsbedingungen sind in der Pflege viel diskutierte Themen – auch in Augsburg.
Bild: Foto: dpa

Teure Ausbildung, geringer Lohn und hohe Belastung sorgen für Frust. Praktiker diskutieren mit Vertretern des Sozialministeriums

Unter Pflegekräften hat sich viel Frust angestaut. Das bekamen zwei Mitarbeiter des Sozialministeriums bei ihrem Besuch in Augsburg zu spüren. Am Vormittag diskutierte Sozialstaatssekretär Markus Sackmann mit Geschäftsführung, Einrichtungsleitung und Pflegefachkräften des Caritas-Seniorenzentrums St. Verena. Am Abend prasselte bei einer Diskussionsrunde mit Fachleuten aus Heimen und Kliniken Kritik auf Ministerialdirigent Franz Wölfl ein. Den Austausch hatte der gesundheitspolitische Arbeitskreis der CSU organisiert.

In keinem anderen Job müssen Lehrlinge zahlen

Zur Sprache kam unter anderem die Ausbildung. „Das Schulgeld ist widersinnig. In jedem anderen Beruf müssen die Lehrlinge nicht für ihre Ausbildung zahlen“, sagte Brigitta Hofmann, Geschäftsführerin der CAB Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH. So würden Interessenten abgeschreckt. Ministerialdirigent Wölfl verteidigte das System. Die Politik sei nicht allein verantwortlich. Ausbildung und Bezahlung seien Sache der Träger.

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Sackmann hatte zuvor angekündigt, er wolle das Thema angehen. „Ich setze darauf, dass die Pflegeversicherung künftig die Kosten der Ausbildung übernimmt, wenn die von der Europäischen Union gewollte gemeinsame Ausbildung für Kranken- und Altenpfleger kommt.“ Für Entlastung könnte nach Ansicht der Diskutierenden die Akademisierung der Ausbildung sorgen. „Das Management kommt bislang zu kurz“, sagte etwa Winfried Fischer vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen Bayern. Dabei müssten aber auch Hauptschüler mitgenommen und qualifiziert werden, forderte der Berufsschullehrer Michael Caspers.

Wölfl sieht die Pflege auf dem richtigen Weg. Schließlich werde vom Gesundheitsministerium ein Gesetz vorbereitet, das Dementen Rechnung tragen soll. „Zurzeit fallen sie bei der Pflegeversicherung durch den Rost.“ Auch hält er den Weg „ambulant vor stationär“ für richtig. Deswegen werde es einen Fördertopf geben, mit dem Wohnungen altersgerecht hergerichtet werden können. Bis zu 10000 Euro könne die Förderung betragen.

Sichtlich ungehalten war Jörg Fröhlich, Leiter des Servatius-Stiftes in Augsburg, über diese Ausführungen. „Der Ansatz ambulant vor stationär steht seit 1996 im Sozialgesetzbuch. Sie sollten mal die Umsetzbarkeit hinterfragen.“

Personalmangel wird immer schlimmer

In die gleiche Kerbe schlug Martin Neumeier, Leiter des städtischen Eigenbetriebs Altenhilfe, zu dem das Servatius-Stift gehört. Schon heute pflegten 250000 Frauen in deutschen Haushalten alte Menschen. In diesem „gesetzlichen Graubereich“ seien mehr Personen beschäftigt als in ambulanten Diensten. Aus seiner Sicht wird die stationäre Betreuung wichtiger, weil die Menschen älter werden und Demenz zunimmt.

Auch andere Dauerbrenner im Pflegebereich wurden heftig diskutiert, so die Bezahlung und die Arbeitsbelastung. Es werde noch schwieriger, Personal zu finden, prognostizierte Neumeier. „Wir sind nicht die einzige Branche, die Leute sucht, und wir sehen uns geburtenschwachen Jahrgängen gegenüber und immer mehr zu betreuenden Menschen.“

Nur 16 Jahre im Beruf

Dass es bereits heute Probleme gibt, darauf verwies Sabine Berninger, stellvertretende Pflegedirektorin im Krankenhaus Josefinum. Die Verweildauer im Beruf liege nur bei 14 bis 16 Jahren – weit unter anderen Branchen. Aus Sicht von Johannes Wilhelms, Pflegedirektor am Klinikum, wird eine Personalrekrutierung jenseits von Europa wohl unvermeidlich sein.

Heimleiter Jörg Fröhlich warf der Politik Verlogenheit vor. Diese betone zwar stets die Bedeutung der Pflege, verlange in Verhandlungen aber, dass an der Personalschraube gedreht werde. Darauf entfallen in der Pflege etwa 70 Prozent aller Kosten.

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