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Augsburg-Stadt

12.07.2015

Flüchtlinge: „Habt keine Angst vor uns, wir haben selber welche“

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Hashem kam schon als Flüchtling zur Welt. Im Iran, wohin seine Familie aus Afghanistan geflogen war. Doch auch dort wurde sie schikaniert.

Hashem, Matiullah und Abdoulaye waren fast noch Kinder, als sie allein aus dem Iran, Afghanistan und Senegal aufbrachen: So leben sie in Augsburg.

Immer mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen in der Stadt an, aktuell leben rund 100 von ihnen in Wohngruppen. Anfangs sind sie mehrere Monate in Clearing-Stellen untergebracht, in denen geklärt wird, woher sie kommen, wie es ihnen gesundheitlich und psychisch geht, welche Hilfe sie brauchen. Danach ziehen sie in Wohngemeinschaften, die ihnen Schutz und Stabilität bieten. Eine davon ist „Puerto“ des Vereins Condrobs in der Gögginger Oskar-von-Miller-Straße. Acht junge Männer sind hier untergebracht, jeder in einem eigenen Zimmer. Es gibt eine Küche, ein Esszimmer, im Keller stehen ein paar Fitnessgeräte in der Waschküche, gerade wird ein Meditationsraum hergerichtet. Man wolle den Jugendlichen jede Möglichkeit bieten, ihre Erlebnisse zu verarbeiten, erklärt Bernhard Schiller, der die Wohngruppe leitet. In ihren Köpfen rattere es unaufhörlich, sagt er: „Man sitzt hier, aber die Flucht läuft innerlich weiter.“ Viele sind depressiv, haben Schlafstörungen, bei manchen kommen Traumata hoch. Außerdem brauchen sie Hilfe dabei, sich an das Leben in Deutschland zu gewöhnen. Viele haben noch nie eine Spülmaschine gesehen. Rund um die Uhr ist jemand da, es gibt ein Team von vier Diplompädagogen plus wechselende Nachtwachen. Einen Tag pro Woche kommt jemand vom psychologischen Fachdienst. So sollen die Jugendlichen auf die Selbstständigkeit vorbereitet werden. Denn mit 18 müssen sie ausziehen. Weil Wohnungen fehlen, landen sie dann oft in einer der großen Unterkünfte.

Matiullah darf bei Kuka anfangen

Die Wohngemeinschaft kostet mehrere tausend Euro im Monat für jeden der acht jungen Männer, die aus Afghanistan, Somalia, Nigeria, Kongo, Senegal und Eritrea stammen. Aber die Erfolge sind groß: Die Jugendlichen besuchen die Übergangsklassen in der Berufsschule oder machen einen Vorbereitungskurs auf den Quali bei dem Bildungsträger BIB. Ihr Deutsch ist gut. Matiullah darf im Rahmen einer Fördermaßnahme im September bei Kuka als Industriemechaniker-Azubi anfangen.

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Abdoulaye aus Senegal, der gerade für den Quali lernt, möchte Mechatroniker werden. Ihm fehlt aber noch eine Lehrstelle. Der 19-Jährige ist ehrgeizig, er verließ sein Land, weil die Chancen dort gleich Null sind, heuerte auf einem Schiff nach Spanien an und schlug sich nach Deutschland durch. Er will lernen, einen Job bekommen. Und vor allem will er wissen, ob er in Deutschland bleiben darf, für eine Ausbildung und auch danach. Auch er ist schon zwei Jahre hier, in dieser Zeit hat man ihn, wie seine Mitbewohner, noch nicht einmal im Rahmen des Asylverfahrens angehört. Dieser Schwebezustand zermürbe die Jugendlichen, erklärt der Diplompädagoge Schiller. Sinnvoll sei eine Anhörung nach sechs Monaten, dann eine zügige Entscheidung. Doch er weiß auch: Beim Bundesamt für Migration stapeln sich 5000 unbearbeitete Akten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge.

Hashem macht das Warten fertig

Auch Hashem macht das Warten fertig. Er kann nachts nicht schlafen, bekommt Medikamente, kann sich nicht aufs Lernen konzentrieren. Er hat nur zwei Jahre die Schule besucht, dann musste er arbeiten, Der 17-Jährige kam schon als Flüchtling zur Welt, im Iran, wohin seine Familie aus Afghanistan geflohen war. Im Iran leben zwei Millionen afghanische Flüchtlinge als Illegale, werden schikaniert, müssen Schmiergelder zahlen, um nicht ins Gefängnis geworfen oder abgeschoben zu werden. Hashem brach auf nach Europa. Hier macht er sich wie auch Matiullah Sorgen um seine Familie, weiß nicht, ob er sie je wiedersehen wird. Hashems Mutter ist krank, bei der von Matiullah kommen immer wieder Taliban vorbei und fragen nach ihrem Sohn.

"Wir haben selber Angst..."

Die beiden sitzen am Esstisch, während nebenan in der Küche die anderen Jungs das Essen kochen. Sie wissen, dass viele Deutsche glauben, sie kämen nur des Geldes wegen, aber so sei es nicht: „Niemand würde sein Kind wegschicken wegen Geld.“ Und niemand müsse vor ihnen Angst haben. „Wir haben selber Angst, weil wir nicht wissen, was die Zukunft bringt.“

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