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Augsburg

11.07.2018

Heimliche Notiz beendet das Martyrium

Ein Augsburger wollte Sex kaufen, wurde stattdessen aber entführt. Nun erzählt er von zweieinhalb Tagen, an denen er Todesängste durchlitt.
Bild: Bernd Hohlen (Symbol)

Ein Augsburger wollte Sex kaufen, wurde stattdessen aber entführt. Nun erzählt er von zweieinhalb Tagen, an denen er Todesängste durchlitt.

Es ist die Stunde des Opfers. Seit Anfang Juni läuft vor der 3. Strafkammer des Landgerichts ein Prozess, in dem zwei Männer und eine Frau wegen erpresserischen Menschenraubs angeklagt sind. Nun sagte der Augsburger, der schwer verletzt zweieinhalb Tage in ihren Händen war, als Zeuge aus. Beeindruckend ruhig berichtet der 56-Jährige über das Martyrium, das er zwischen dem 12. und 14. 2017 durchlitten hatte.

Es war ein Samstagabend. Der Diplomingenieur ruft in seiner Wohnung im Internet ein Dating-Portal auf. Er chattet mit der blonden 22-Jährigen, die ihm jetzt als Angeklagte gegenübersitzt, ist bereit für mehrere Stunden Sex 700 Euro zu zahlen. Noch in der gleichen Nacht hebt er das Geld ab, fährt 225 Kilometer nach Öhringen in Baden-Württemberg. Als er am Sonntagmorgen dort eintrifft, erweist sich die angegebene Adresse als falsch. „Julie“ habe ihn angewiesen in ein Gewerbegebiet zu fahren.

Als er dort aus seinem Auto steigt und auf ein Haus zugeht, stürzten sich zwei maskierten Männer auf ihn. Dem Augsburger, ein schlanker, großgewachsener Mann, gelingt es sich loszureißen, doch er kommt nicht weit. Die Frau sprüht ihm Pfefferspray ins Gesicht, fast gleichzeitig fährt ihn ein schwarzer Audi an. „Fast direkt von vorne“, erinnert sich der Zeuge. Er sei mit Oberkörper und Kopf auf die Motorhaube geknallt, dann aufs Straßenpflaster gerutscht. Erneut stürzen sich beide Männer auf ihn, einer zielt mit einer Pistole auf seinen Kopf. „Ich sollte in den Audi einsteigen.“ Doch der Augsburger kann nicht aufstehen. Er hat einen Beinbruch erlitten. Noch am Boden liegend habe er die 700 Euro auf die Motorhaube gelegt, so der Zeuge. Er hofft, dass die Täter sich damit zufriedengeben. Er irrt sich.

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Plötzlich roch er verschüttetes Benzin

Sie tragen den Schwerverletzten in den Audi und fahren mit ihm weg. Die Frau fährt sein Auto. Weil die beiden Fahrzeuge unterwegs mit knapper Not einer Polizeikontrolle entwischt sind, wollen sie, um keine Spuren zu hinterlassen, das Fluchtauto zu verbrennen. Der Augsburger, dem die Augen verbunden sind, hört Benzinkanister klappern, riecht verschüttetes Benzin. Er erleidet Todesängste. „Ich habe gefragt, wollt ihr mich jetzt verbrennen.“ Eine Antwort bleibt aus, doch dann wird er in ein anderes Auto getragen, wo er für eine Weile allein bleibt. Dann kommt Mike A., ihr Anführer, zurück. „Oh Gott, ich dachte, ich werde jetzt erschossen“, erinnert sich das Opfer. Denn er trägt zu dem Zeitpunkt keine Augenbinde und sein Entführer steht ihm unmaskiert gegenüber. Er sei von dem jetzt auf der Anklagebank sitzenden 25-Jährigen gefragt worden, „was ich zu bieten hätte, wenn sie mich freiließen“. Der Augsburger verspricht 40000 Euro. Weil er dazu sein Laptop benötigt, fahren Täter und Opfer nach Augsburg, dann weiter nach München. Bei einem Autoverleih im Norden der Stadt mieten sie einen Geländewagen. Was nicht so einfach ist. Keiner von ihnen kann einen Führerschein vorweisen. Der verletzte Augsburger, im Auto sitzend, unterschreibt den Mietvertrag. Hier unterbricht Richter Roland Christiani den Zeugen, will wissen, warum dieser nicht dem Händler signalisiert habe, dass etwas an der Sache faul sei. „Ich hatte Angst um mein Leben“, antwortet der 56-Jährige, der mit Rechtsanwältin Mandana Mauss zum Prozess kam. „Ich habe mitgespielt.“ Aus demselben Grund telefoniert er mit seinem Bankberater, macht es möglich, dass einer der Angeklagten 40000 Euro am Automaten holen kann.

Nachbar hört Hilferuf

Einer heimlich geschriebenen Notiz und dem Umstand, dass sein Bewacher eingeschlafen war, verdankt der Mann seine Freilassung. Mike A. und seine Freundin hatten den Verletzten mit Kevin S. in der Wohnung zurückgelassen. Der 56-Jährige lag im Schlafzimmer, rechnete damit, wenn die Sache gut für ihn ausgeht, ins Krankenhaus zu kommen. „Ich habe mir Notizen gemacht, was ich mitnehmen muss.“ Dabei schrieb er auch eine Notiz über seine Entführung, die er versteckte. Als sein Bewacher eingeschlafen war, schrie der 56-Jährige um Hilfe, was ein Nachbar hörte und Polizei und Rettungsdienst alarmierte. Kevin S. ließ sie in die Wohnung. Als sich ein Sanitäter sein Bein anschaute, drückte ihm der Verletzte einen Zettel in die Hand, mit der Notiz, er sei Opfer einer Entführung. Der Sanitäter informierte heimlich einen der Polizisten. Der Täter wurde überwältigt. Der Prozess wird fortgesetzt.

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