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Augsburg

25.02.2020

In der Uniklinik sieht man organisierte Sterbehilfe kritisch

Emotional und kontrovers wurde im April 2019 vor dem Bundesverfassungsgericht das gesetzliche Verbot der organisierten Sterbehilfe diskutiert. Am Mittwoch wird das Urteil verkündet.
Bild: epd, Werner Krueper

Plus Im Schock über die Diagnose wollen viele todkranke Patienten sterben. Doch oft gewinnen die letzten Lebenstage an Bedeutung. Zwei Mediziner berichten.

Der letzte Wunsch eines 40-jährigen Patienten war stabiles Internet. Der leidenschaftliche Spieler zockte gerne im Netz. Der Todkranke wollte sich von seinen Mitspielern aus aller Welt verabschieden. Sein Wunsch wurde erfüllt – auf der Palliativstation der Augsburger Uniklinik. Dort ist nicht nur der Tod zum Greifen nahe, sondern auch das Leben. Oder besser, die Restzeit des Lebens, die noch besondere Momente beinhalten kann. Deshalb sehen die leitenden Oberärzte der Abteilung die gewerbsmäßige Sterbehilfe kritisch. Mit Spannung erwarten sie das Urteil, das diesen Mittwoch dazu am Bundesverfassungsgericht fallen soll.

Sterbehilfe als Dienstleistung steht in Deutschland unter Strafe. Seit Dezember 2015 verbietet der Paragraf 217 des Strafgesetzbuches die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“. Das Bundesverfassungsgericht verhandelt seit gut einem Jahr über Beschwerden gegen dieses Verbot. Am Klinikum Augsburg gibt es seit zehn Jahren eine Palliativstation. Hier werden Menschen umsorgt, die an einer unheilbaren Krankheit im fortgeschrittenen Stadium leiden. Die Leiter der Station, die Oberärzte Irmtraud Hainsch-Müller und Christoph Aulmann , werden immer wieder von Patienten mit dem Wunsch nach Sterbehilfe konfrontiert. Dabei fällt ihnen eines auf.

Leiter der Palliativstation Uniklinik Augsburg: "Angst vor unerträglichen Schmerzen"

„Im Verlauf des Aufenthalts bei uns nehmen diese Patienten meist Abstand davon, sofort sterben zu wollen“, weiß die 63-jährige Medizinerin. Oft sei es der Schock nach einer schweren Diagnose , der den Todeswunsch zunächst aufkommen lässt. Und Ängste. Angst vor unerträglichen Schmerzen. Angst, wie man die Hoffnungslosigkeit angesichts des nahenden Endes ertragen soll. „Die soziale Komponente spielt auch eine Rolle“, erklärt Aulmann : „Manche Patienten wollen ihren Familien nicht zur Last fallen. Andere wiederum haben niemanden und fürchten einen einsamen Tod.“

In der Uniklinik sieht man organisierte Sterbehilfe kritisch

Auf der Palliativstation hilft das Team aus Ärzten, Pflegekräften, Psychoonkologen, Physio- und Musiktherapeuten sowie sozialen Beratern und Seelsorgern den Kranken und deren Angehörigen auf vielerlei Art. Sei es durch Gespräche, Therapien oder Erfüllung von Wünschen. Die meisten Patienten unterschiedlichen Alters sind an Krebs erkrankt. Die Aufenthaltsdauer ist begrenzt. Die Behandlung, bei der die Schmerztherapie eine wichtige Rolle spielt, dauert bis zu 14 Tage. Dann werden die Erkrankten entweder in ein Pflegeheim, ins Hospiz oder nach Hause entlassen. Manche sterben noch auf der Station. Auch das kommt vor. Wie wohl im Fall der Familie Hauser.

Sie leiten die Palliativstation am Uni-Klinikum Augsburg und sehen gewerbsmäßige Sterbehilfe kritisch: Christoph Aulmann und Irmtraud Hainsch-Müller.
Bild: Bernd Hohlen

Sie darf bei ihrer todkranken Mutter im Patientenzimmer übernachten

Seit wenigen Tagen ist Magdalena Hauser * Patientin auf der Palliativstation. Vor sechs Wochen wurde bei der 74-Jährigen Krebs diagnostiziert. Wie ihre Tochter Rita* erzählt, wird die Mutter diese Nacht vermutlich nicht überleben. Die 44-Jährige sitzt mit Familienangehörigen im Aufenthaltsraum. Es gibt eine Sitzgruppe, ein Klavier, Bücher, einen Esstisch, eine Kaffeemaschine und einen Kühlschrank, aus dem man sich bedienen darf. Lampen verströmen warmes Licht. Rita Hauser hält auf der Couch inne, bevor sie zur Mutter aufs Zimmer zurückkehrt. Sie will die Sterbenskranke auch in der Nacht nicht alleine lassen. „Man stellt mir ein Bett zu ihr ins Zimmer.“ Die Augsburgerin ist dankbar für diese Möglichkeit.

Unerwartet hat das Schicksal in der Familie zugeschlagen. „Bis vor Kurzem noch war meine Mutter immer gesund. Sie ist unsere Familienchefin, die alles zusammenhält – jetzt geht alles so schnell.“ Sie selbst habe bereits die Seelsorge auf der Station in Anspruch genommen. „Es ist toll, was hier für die Kranken und für die Angehörigen getan wird“, sagt sie. Hainsch-Müller nennt die Abteilung, die sie selbst mit aufgebaut hat, gerne einen „Ort der Menschlichkeit“.

Kondolenzbuch in der Pallativ-Station des Universitätsklinikums: Hier sieht man die organisierte Sterbehilfe kritisch.
Bild: Bernd Hohlen

Im Angesicht des Todes wird das Zwischenmenschliche noch wichtiger

Dem Team der Palliativstation ist das Zwischenmenschliche wichtig. „Wenn das Lebensende absehbar ist, legen wir den Fokus auf die Beziehungsebene. Sie ist in dieser Phase das Wichtigste.“ Mehr bleibt oft nicht mehr. Hainsch-Müller und Aulmann halten nichts von gewerbsmäßiger Sterbehilfe. Sie wissen aus Erfahrung, was in den letzten Tagen und Wochen eines Sterbenskranken noch möglich sein kann.

„Natürlich sind sich die Patienten bewusst, dass es für sie keine Heilung mehr gibt“, meint Aulmann. Trotzdem hegten sie noch Hoffnungen. „Dass etwa der nächste Tag gut wird, dass sich eine familiäre Situation klärt, sie einen wichtigen Menschen sehen oder noch einmal das Haustier streicheln können.“ Unlängst hätten Angehörige einen Hund mit auf die Station gebracht. „Wir hatten auch schon ein Chamäleon zu Besuch“, ergänzt Hainsch-Müller. Neulich habe ein 18 Jahre alter Patient Besuch von seiner Clique bekommen. „Da war was los.“

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Kritik an gewerbsmäßiger Sterbehilfe: Um letzte Erlebnisse gebracht

Auf der Palliativstation gehe es neben medizinischer Versorgung und Schmerztherapie um die guten Momente, die ein Patient noch erleben kann. Vorausgesetzt, er will das. „Es kann noch so viel passieren in den letzten Wochen.“ Die beiden Mediziner befürchten, dass eine gewerbsmäßige Sterbehilfe die Betroffenen um solche letzte Erlebnisse berauben könnte. Einfach weil sie ein Angebot auf vorzeitiges Ableben zu schnell in Anspruch nehmen könnten. „Genau dem wollen wir mit unserer Arbeit, wie viele Ehrenamtliche in der Hospizhilfe, entgegenwirken“, begründet Hainsch-Müller. Und betont gleichzeitig, dass in der Palliativmedizin kein unnötiges Leid verlängert wird.

„Bei starken Schmerzen ist es unser Auftrag, so zu dosieren, dass der Schmerz erträglich wird. Eine dadurch verkürzte Lebenszeit widerspricht nicht dem hippokratischen Eid, also unserem Berufsethos.“ Will ein Patient nicht mehr essen oder trinken, werde er keinesfalls zwangsernährt. „Unser Auftrag ist es, ihn zu unterstützen.“ In so einem Fall erhalte der Betroffene eine Schleimhautpflege und Medikamente. „Wir sind eine der reichsten Gesellschaften auf der Welt. Wir sollten es uns leisten können, todkranke Menschen bis zum Schluss zu umsorgen“, findet Hainsch-Müller. Einem Menschen vorzeitig beim Ableben zu helfen, hat weder in ihrer Wertevorstellung noch in der ihres Kollegen Platz. *Namen geändert

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