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Augsburg

13.01.2018

Kann Augsburg meine neue Heimat werden?

Vor kurzem zog sie nach Augsburg. Wieder eine neue Stadt, wie so oft schon in ihrem Leben. Nun fragt sich Anahit Chachatryan, ob Augsburg ihre neue Heimat werden kann – und wovon das eigentlich abhängt. 

Geboren in Armenien, aufgewachsen in der Ukraine und in Deutschland, viel gereist – unsere Autorin Anahit Chachatryan ist viel herumgekommen. Was ist Heimat?

Neu in Augsburg. Wieder einmal habe ich alles hinter mir gelassen und bin in eine neue, für mich fremde Stadt gezogen. Das scheint sich wie ein roter Faden durch mein Leben zu ziehen. Ich bin in Armenien geboren und aufgewachsen. Später zogen wir in die Ukraine. Pünktlich zu meiner Einschulung lebten wir in Deutschland, in Koblenz, wo ich nun endlich eine ganze Weile verbringen sollte.

Zum Studium zog ich nach Mainz, verbrachte die Semesterferien in aller Welt. Die freie Wahlmöglichkeit meines Wohnorts brachte mich schließlich nach Bologna, Italien. Wieder eine neue Stadt, eine neue Kultur, ein neues Leben. Nach einer kurzen Rast im italienischen Dolce Vita führte mich mein Weg nach München für ein Traineeship und zurück nach Mainz, um mein Studium zu beenden. Wieder eine Lebensphase vorbei – und nun? Augsburg sollte es werden, weil ich wieder in die Nähe der Berge wollte. Nach der Rastlosigkeit der letzten Jahre ist es angenehm, anzukommen, durchzuatmen, zum Nachdenken zu kommen. Ich frage mich: Was bedeutet Heimat in der heutigen Zeit? Kann Augsburg meine Heimat werden, obwohl ich noch keinerlei Bezug zu der Stadt habe?

Heimat ist...

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„Heimat ist dort, wo meine Eltern leben und ich geboren und aufgewachsen bin.“ Das war früher! Social Media-Plattformen bieten grenzenlose Möglichkeiten der globalen Kommunikation und Vernetzung. Reiseziele werden immer exotischer. Getrieben von einer Vielfalt an Möglichkeiten – Auslandsstudium, günstige Reisen – will meine Generation die Welt entdecken, sich von fremder Musik inspirieren lassen und eintauchen in fremde Kulturen. Gleichzeitig wird unser Lebensstil immer regionaler. Nach vielen Reisen möchten wir oft „einfach mal ankommen“. Was bedeutet das für unser Heimatverständnis? Die sogenannte „Wanderlust“ und die Sehnsucht nach Geborgenheit – das sind die beiden Pole meiner Welt. Prägend ist ein ständiges Aushandlungsspiel zwischen Nähe und Ferne. Ich habe gelernt, dass auch Menschen in der Ferne nah sein können. Wenn ich im Ausland bin, habe ich Heimweh. In der Heimat angekommen, ergreift mich wieder ein Fernweh. Manchmal wird das Ferne zum Eigenen und das Nahe zum Fremden – wie beim österreichischen Lyriker Theodor Kramer, der von den Nationalsozialisten als Schriftsteller und Sozialdemokrat verfolgt wurde, 1939 ins Londoner Exil ging und erst 1957 nach Wien zurückkehrte. Von ihm stammt dieser Satz: „Erst in der Heimat bin ich wirklich fremd.“

Jede Reise, jeder längere Aufenthalt an einem anderen Ort prägt die Persönlichkeit. Wenn ich zurückkehre, mute ich den Dagebliebenen neue Gedanken und Weltansichten zu. Neues und Unbekanntes macht Angst und kann verfremden: Ein Jahr weg und du bist uns fremd geworden. Gehörst du noch zu uns?

Deswegen ist Heimat für mich nicht mehr nur an einen Ort gebunden, sondern viel eher ein Gefühl von Zugehörigkeit. Wenn ich verreise oder für eine längere Phase irgendwo lebe, dann bin ich nicht nur eine Touristin, sondern baue eine tiefere, emotionale Beziehung zu Land und Leuten auf. Wenn ich den Riesling aus Rheinhessen im Supermarkt sehe, kommen Bilder aus meiner Studentenzeit in Mainz hoch. Wenn ich Berge sehe, erinnere ich mich an meine Kindheit in Armenien. Ein Aperitivo mit Antipasti und Spritz lässt das Gefühl von geselligen Abenden in Bologna hochkommen und ich liebe den Sonnenuntergang auf der Krim, wenn nur noch das Meeresrauschen zu hören ist. Elvis Presley beschreibt in einem Song, was Heimat für mich ist: „Home is where the heart is!“ Heimat ist, wo das Herz ist. Heißt es also, dass ich jeden Ort auf der Welt zu meiner Wahlheimat deklarieren kann? Auch Augsburg?

Was ist Heimat?

Dafür müsste geklärt werden, was Heimat bedeutet. Denn neben Bratwurst, Oktoberfest und Kindergarten hat die deutsche Sprache ein weiteres begriffliches Alleinstellungsmerkmal: die Heimat. Aus der historischen Betrachtung heraus wird deutlich, warum sich der Begriff gerade hier entwickelt hat. Ursprünglich war die Heimat im Mittelalter ein Rechtsbegriff, bekam zur Industrialisierung eine romantische Färbung, entwickelte sich im Nationalsozialismus zu einer ideologischen Waffe und wurde schließlich zur idyllischen Vorstellung der heilen Welt nach zwei Weltkriegen. Die Bedeutung des Begriffes hat sich in Deutschland über Jahrzehnte mehrfach verändert – abhängig von Gesellschaftsform, Politik und Lebensentwürfen. Das beweist vor allem eines: Eine allgemeingültige Definition von Heimat gibt es nicht.

Folgen der Globalisierung

Betrachte ich das Zeitgeschehen, stelle ich fest, dass gerade die Globalisierung und der damit einhergehende Verlust der Heimat „die Heimat“ überhaupt erst wieder zum Thema machen. Soziologisch betrachtet ist Heimat der Ort, an dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die Identität, Charakter, Mentalität, Einstellung und Weltauffassung prägen. Durch die Nähe zu anderen Kulturen und Mentalitäten treten in der globalisierten Gesellschaft aber immer wieder Verfremdungsprozesse ein. Der Mensch verändert sich mit den neuen Erfahrungen im Lauf des Lebens. Politische Teilhabe, Schutz, Existenzsicherung und der Kontakt zu anderen Menschen, um wahrgenommen zu werden und Anerkennung zu bekommen, sind weitere Faktoren der Heimat. Der römische Politiker und Philosoph Marcus Tullius Cicero fasste es einst gut zusammen: Ubi bene, ibi patria (Wo es gut ist, da ist mein Vaterland).

Ob Augsburg zu meiner neuen Heimat wird, kann sich nur im Lauf der Zeit herausstellen. Werde ich mich mit den regionalen Eigenheiten und Einstellungen identifizieren können? Werde ich mich hier wohlfühlen? Eines teile ich bereits jetzt mit den Augsburgern: die Draußen-Kultur, egal bei welchem Wetter, und die Liebe zu den Bergen.

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