Newsticker

Steigende Infektionszahlen: Bundesregierung spricht für ganz Belgien eine Reisewarnung aus
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. "Manchmal ist der Schmerz überall"

27.06.2009

"Manchmal ist der Schmerz überall"

Überall Bilder. Auf der Fensterbank neben zwei Engeln, auf dem Regal, an der Wand. Ein junger Mann lächelt aus ihnen heraus, lebenslustig - doch Mathias lebt nicht mehr. Heute vor einem Jahr starben er und seine Freunde Mathias H., Dominika M. und Sissy H. bei einem schrecklichen Unfall auf der B 17. Mathias war mit seinem roten BMW zu schnell in eine Baustelle gefahren und der Wagen prallte gegen eine Betonwand. Von einer Sekunde auf die andere wurden vier Menschenleben ausgelöscht. Und das Leben von Claudia und Rudolf Kastner änderte sich schlagartig. Sie verloren nicht nur ihren Sohn. Sie wurden von der Presse verfolgt, ihr Haus wurde von Reportern belagert und Rudolf Kastner musste sogar in zwei Münchner Boulevardzeitungen von seinem eigenen Tod lesen. Er sei an gebrochenem Herzen gestorben, hieß es. In unserer Zeitung erzählen Kastners nun erstmals öffentlich, wie es ihnen damals erging und wie sich ihr Leben verändert hat.

Frau und Herr Kastner, es ist sicher nicht leicht, über den Tod Ihres Sohnes und den Unfall zu sprechen...

Claudia Kastner: Ja, das ist es wirklich nicht. Es ist kaum zu glauben, dass ein Jahr vergangen ist. Für uns ist es immer noch wie vorgestern. Der Schmerz ist noch immer groß. Aber wir haben uns dazu entschlossen, trotzdem darüber zu reden, damit zum Jahrestag nicht wieder irgendwelche Geschichten von den Boulevardzeitungen erfunden werden.

Rudolf Kastner: Die ersten drei Wochen nach dem Unfall waren die schlimmsten. Die täglichen Schlagzeilen in den Medien, die Verwechslung der Mädchenleichen, die Sensationsgier der Reporter, die Vermutungen, die Falschmeldungen, die so weit gingen, dass ich in der Zeitung von meinem eigenen Tod las. Und im Dorf die Leute verwundert aber erfreut zu mir sagten: Du lebst ja.

"Manchmal ist der Schmerz überall"

Wie haben Sie damals von dem Unfall erfahren?

Claudia Kastner: Vier Tage vor dem Unfall waren wir erst in dieses Haus eingezogen. Deshalb erreichte uns die Polizei nicht und wir erfuhren erst am nächsten Morgen, was passiert war.

Rudolf Kastner: Ich wollte die letzten Kartons aus der alten Wohnung holen. Plötzlich kamen ein Polizeiauto und ein Notarztwagen vorgefahren. Der Polizist sagte, er müsse mir eine Mitteilung wegen meines Sohnes machen. Ich fragte ihn, ob Mathias verletzt sei. Der Polizist antwortete: Nein, ihr Sohn ist tot und drei andere auch. Durch den Herzinfarkt, den ich ein Jahr zuvor erlitten hatte, wurde ich vorsorglich ins Klinikum eingeliefert, das ich aber zum Glück am Abend wieder verlassen konnte. Mein Herz war in Ordnung und doch war es innerlich zerbrochen.

Claudia Kastner: "Unser Mathias ist tot" - diese Worte meines Mannes werde ich nie vergessen. Sie haben sich in meinen Kopf eingebrannt. Ich wollte laut schreien, aber es kam kein Ton heraus. Im ersten Moment denkst Du, das kann nicht sein. Ich habe doch am Vorabend noch mit ihm telefoniert. Unser Sohn war so voller Ziele, voller Leben. Die letzten zwei Jahre hatte er mit Lernen verbracht. Er sagte oft: "Mama, wenn ich die Schule beendet habe, dann wird alles leichter." Drei Tage nach dem Unfall gab es Zeugnisse an der Technikerschule und seines war eines der besten. Den Vertrag bei der Firma Renk hatte er schon unterschrieben. Und dann veränderte sich von einer Sekunde auf die andere alles.

Rudolf Kastner: Mit einem Schlag wird Dir bewusst, dass Du Dein Kind nie wieder sehen wirst. Nie mehr umarmen kannst. Die Leere, die Verzweiflung, die man spürt, machen einem in diesem Moment das Weiterleben fast undenkbar.

Wer hat Ihnen danach geholfen?

Claudia Kastner: Die ersten vier Wochen wurden wir von Herrn Lenz vom Kriseninterventionsteam betreut. Er hat uns dann die Adresse der Gruppe "Verwaiste Eltern" gegeben. Ich gehe dort regelmäßig hin. Wir treffen uns auch privat. Bei den verwaisten Eltern sind neue Freundschaften entstanden. Diese gleichen Schicksale verbinden mehr, als Worte je ausdrücken könnten. Die Leute geben mir das Gefühl, dass sie alle wissen, was wir erlebt haben. Die Worte dieser betroffenen Eltern nimmst Du anders auf als die von Außenstehenden. Sie gehen tiefer.

Rudolf Kastner: Meine Frau muss darüber reden. Ich mache das mit mir selber aus. Jeder trauert anders. Ich fahre mit dem Auto umher und schalte so ab. Das Schlimmste ist, daheimzusitzen und nichts zu machen. Dann kommt man ins Grübeln und das frisst einen auf.

Claudia Kastner: Besonders geholfen haben mir meine beste Freundin und unsere beiden neuen Nachbarn. In dieser Zeit haben wir gemerkt, wer unsere richtigen Freunde sind. Dafür sind wir ihnen sehr dankbar.

Und wie verhält sich Ihr Umfeld?

Claudia Kastner: Viele Leute meiden das Thema, andere wiederum fragen, wie geht's Dir? Soll ich da sagen, gut? Das wäre gelogen. Und will jemand wirklich die Wahrheit hören?

Rudolf Kastner: Viele Leute wissen aus Verlegenheit nicht, was sie sagen, wie sie sich verhalten sollen. Was uns sehr freut und hilft: Mathias' Freunde kommen uns regelmäßig besuchen, sie rufen an. Es gehen auch sehr viele aufs Grab. Das hätten wir nie gedacht.

Claudia Kastner: Sie wollen wirklich wissen, wie es uns geht, nehmen großen Anteil. Mathias' Freundin kommt in regelmäßigen Abständen und hilft, wo sie nur kann. Auch sein allerbester Freund besucht uns. Sie waren unzertrennlich. Wenn ich ihn ansehe, dann sehe ich Mathias vor mir. Ich denke an die Zeit, als sie noch lachend durchs Haus rannten.

Haben Sie Kontakt zu den anderen Eltern? Gab es Schuldzuweisungen, weil Mathias am Steuer saß?

Rudolf Kastner: Nein. Es gibt auch keine direkten Schuldzuweisungen.

Claudia Kastner: Die Mutter des Beifahrers ist auch bei den verwaisten Eltern. Zu den anderen Eltern gibt es keinen Kontakt.

Bei dem Unfall wurde eine Autofahrerin schwer verletzt. Haben Sie Kontakt zu ihr aufgenommen?

Rudolf Kastner: Ja. Sie war sehr, sehr anständig. Sie hat Verständnis gezeigt, obwohl sie den Schaden hatte. Sie hat uns keine Vorwürfe gemacht.

Claudia Kastner: Unser Sohn hat den Unfall nicht mit Absicht gebaut. Für ihn war Freundschaft alles. Er hätte nie absichtlich andere Menschen verletzt. Wir können bis heute nicht verstehen, dass wir ihn für immer verloren haben. Es gibt immer wieder den Moment, da denkt man, die Tür geht auf und er kommt herein.

Haben Sie sich nach dem Unfall Vorwürfe gemacht?

Rudolf Kastner: Man macht sich Vorwürfe, und zwar nicht wenige. Wir fragen uns immer wieder, was hätten wir tun können? Doch wir kommen zum Schluss: eigentlich nichts. Es hat uns sehr weh getan, dass die Medien ihn so vorverurteilt haben, denn keiner weiß, was in den letzten Sekunden in dem Auto passiert ist.

Claudia Kastner: Unser Sohn hat mit Sicherheit einen Teil Schuld. Aber man weiß nicht, was der Auslöser war. Hat ein Handy geklingelt? War er durch die Fröhlichkeit unkonzentriert und erkannte die Baustelle daher viel zu spät? Der Mann, den sie als Letztes überholten, sagte, dass alle vier lachend im Auto saßen. Als die Ersthelfer nach dem Unfall die Autotür öffneten, lief noch das Radio. Doch sie waren alle tot. Das Erste, was einem da einfällt, ist Warum?

Rudolf Kastner: Warum ist er nicht geradeaus in die Poller der Baustelle gefahren? Dann wäre ihnen nichts passiert. Warum haben sie Mathias fahren lassen? Warum sagte keiner, fahr langsamer oder wir nehmen ein Taxi? Du fragst Dich, hättest Du ihm ein anderes Auto kaufen sollen? Aber Fachleute haben uns gesagt, bei dem Unfall hätten auch 30 Airbags nichts gebracht. Was bleibt, sind viele Fragen, auf die es wohl nie eine Antwort geben wird.

Wie verarbeiten Sie die Trauer?

Claudia Kastner: Wir haben im ganzen Haus Bilder von Mathias aufgestellt. Das gibt uns das Gefühl, dass er immer noch bei uns ist, uns nah ist. Wir reden viel über ihn und denken jeden Tag an ihn.

Rudolf Kastner: Wir haben vieles aufgehoben, was ihm gehörte. Meine Tochter hat seine Möbel und seine Stereoanlage bekommen. Jeder seiner Freunde durfte sich einen Gegenstand als Andenken aussuchen.

Claudia Kastner: Ich gehe täglich an sein Grab und zünde ihm eine Kerze an, damit er Licht hat. Unser Sohn hatte Angst vor der Dunkelheit. Ihm geht es gut, wo er jetzt ist, das rede ich mir ein, um den Schmerz im Zaum zu halten. Ich spreche mit ihm, als wäre er noch da. Ich schimpfe auch mit ihm. Warum hast Du nicht aufgepasst? Jeder Mensch macht Fehler, aber warum wurde Mathias so hart dafür bestraft?

Rudolf Kastner: Er fehlt uns. Wir vermissen sein Lachen und seine Fröhlichkeit. Als ich 2007 mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus lag, besuchte er mich und sagte: "Papa, Du darfst nicht sterben, Du musst doch noch meine Kinder schaukeln." Da habe ich ihm gesagt: "Junge, Du brauchst mich jetzt nicht mehr." Und heute muss ich sehen, wie ich ohne ihn klarkomme. Manchmal kommt der Punkt, wo der Schmerz überall ist. Wenn ich in der Garage etwa sein Motorrad sehe oder im Keller seine Sachen. Das tut einfach nur weh.

Claudia Kastner: Oder wenn ich den roten BMW desselben Modells aus dem Nachbarort vorbeifahren sehe, dann versetzt es mir jedes Mal einen Stich.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert?

Claudia Kastner: Man lebt bewusster. Früher habe ich kein Wegkreuz am Straßenrand richtig wahrgenommen. Jetzt, wo wir selber eines haben, sehe ich jedes. Wir sind auch gelassener geworden. Ich habe eine Beule ins Auto gefahren, bin ausgestiegen und es war mir egal. Ich schaute zum Himmel und sagte, schau Mathias, ich hatte Glück. Es war ja nur Blech. Früher hätte ich mich geärgert. Heute ist es so, dass ich mir denke, es ist nichts so schlimm wie den Tod des eigenen Kindes mitzuerleben. Vieles von dem, worüber wir uns früher Sorgen gemacht haben, ist plötzlich komplett unwichtig geworden.

Rudolf Kastner: Man verliert die Weitsicht und lebt nur noch von heute auf morgen. Was nützt das Planen, wenn man doch weiß, dass von einer Sekunde auf die andere alles anders werden kann.

Claudia Kastner: Mathias hatte sein ganzes Leben vorgeplant. Er wollte heiraten, Kinder kriegen, einen Apfelbaum pflanzen.

Rudolf Kastner: Er hat immer gesagt: "Papa, warum hast Du nach meiner Geburt keinen Apfelbaum gepflanzt?" Bei der Beerdigung hat der Pfarrer einen Baum gesegnet, wir haben ihn gemeinsam mit Mathias' Freunden bei uns im Garten eingepflanzt. Heute trägt er sieben Äpfel. Wir warten sehnsüchtig darauf, dass sie reif werden. Interview: Lea Thies

Verwaiste Eltern Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden letzten Mittwoch im Monat ab 16 Uhr und jeden zweiten Montag im Monat ab 18 Uhr im Mehrzweckraum des Bunten Kreises, Steglinstraße 2 in Augsburg. Ansprechpartner ist Hannelore Rohrmoser, Telefon (08 21) 70 52 61.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren