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Augsburg

02.11.2019

Sechs Jahre nach tragischem Unfall: "So wie wir jetzt leben, bin ich wunschlos glücklich"

Die emotionale Nähe zwischen Jürgen Ender und Cornelia Will ist greifbar. Auch wenn der 55-Jährige nach seinem Unfall pflegebedürftig ist, erlebt das Augsburger Paar viele glückliche Momente miteinander.
Foto: Michael Hochgemuth

Plus Im November 2013 verunglückte Jürgen Ender auf den Philippinen. Sein Rücktransport geriet zu einer beeindruckenden Hilfsaktion. Wie geht es ihm und seiner Frau heute?

Der Schicksalsschlag jährt sich im November zum sechsten Mal. Seitdem führen Cornelia Will und Jürgen Ender ein komplett neues Leben. Es ist ein Leben mit Einschränkungen, Mühen und Hürden. Aber auch mit vielen schönen Momenten. Der Augsburger war 2013 auf den Philippinen mit dem Motorrad verunglückt. Er überlebte nur knapp, lag dort monatelang in einer Klinik. Für einen Heimtransport fehlte dem Ehepaar das Geld. Schließlich wurde Ender in einer bemerkenswerten Hilfsaktion zurück nach Augsburg geholt. Wie es ihm heute geht?

Der Augsburger sitzt im Rollstuhl

„Gut“, antwortet Jürgen Ender auf die Frage und strahlt. Es ist dieses Leuchten in seinen Augen, in das sich seine Frau vor über 30 Jahren mitunter verliebt hat. Der verheerende Unfall konnte ihm das gewinnende Strahlen nicht nehmen. „Ich würde jeden Tag aufs Neue auf dich hereinfallen und alles auf mich nehmen“, sagt Cornelia Will zu ihrem Mann und streicht über sein Knie. Jürgen Ender sitzt in seinem Rollstuhl. Mediziner hatten damals prophezeit, er habe einen langen Weg vor sich, um zurück ins Leben zu finden. Er schaffte es schneller.

Der 55-Jährige hört aufmerksam zu, was seine Frau erzählt. An der Wand vor ihm hängt eine große Weltkarte. Viele Orte darauf hat Ender in seinem anderen Leben bereist. Als er noch gesund war und nicht eingeschränkt. Er reiste auch gerne alleine, wie vor sechs Jahren auf die Philippinen. Als am 24. November 2013 das Telefon bei Cornelia Will in der gemeinsamen Jugendstilwohnung im Antonsviertel klingelte, dachte die Physiotherapeutin zunächst an ein Missverständnis.

Jürgen Ender lag im Koma

Ein Polizist informierte sie, dass ihr Mann auf der Insel Mindanao einen Unfall hatte und schwerst verletzt worden war. „Am Tag zuvor hatten wir doch noch telefoniert und besprochen, wo wir gemeinsam Silvester verbringen“, erzählt die 54-Jährige. Doch das Schicksal fragt niemanden, wenn es zuschlägt. Jürgen Ender hatte bei dem Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Wie es zu dem Unglück kam, konnte nie festgestellt werden. Der Augsburger lag im Koma. Danach konnte er nicht sprechen. Er war teilweise gelähmt, wurde über eine Magensonde ernährt und war an einen Katheter angeschlossen. Alle paar Wochen flog Cornelia Will auf die Philippinen, um am Krankenbett ihres Mannes zu sitzen. Zugleich musste sie in Augsburg ihrem Beruf weiter nachgehen. Als Ender endlich transportfähig war, kam der nächste Schock.

Die private Krankenversicherung deckte seinen Rücktransport nicht ab. Das Geld des Ehepaares reichte nicht, um den Transport aus eigener Tasche zu zahlen. In ihrer Verzweiflung wandte sich die Ehefrau damals an unsere Redaktion. Berichte über den Fall lösten eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Bürger spendeten rund 23.000 Euro auf ein extra dafür eingerichtetes Konto der Christuskirche. Damit wurden vor allem die Kosten für die Rückholung gedeckt. Ein Team um Rettungssanitäter Johannes Hierl, die Flugambulanz Augsburg und Notarzt Stefan Doesel brachten den Patienten im Sommer 2014 nach Hause. Sie machten es ehrenamtlich.

„Ich dachte mir, es kann doch nicht sein, dass wir der ganzen Welt helfen, aber unsere Leute nicht zurückholen“, meint Doesel heute rückblickend. Der Arzt, der seine Praxis in Haunstetten hat, begleitet das Ehepaar weiterhin. Enders gesundheitliche Fortschritte im Lauf der Zeit haben ihn überrascht. „Ich hatte ihn das erste Mal auf dem Stand eines Wachkomapatienten gesehen“, so der 51-Jährige. Doesel fügt hinzu: „Das ist vor allem der Verdienst seiner Frau. Es ist beeindruckend, was sie durch Zuwendung und Engagement aus ihm herausholt.“

Ein Pflegeheim wäre nicht in Frage gekommen

Das Paar lebt längst in einem behindertengerechten Apartment im Mehrgenerationenhaus im Domviertel. Jürgen Ender kann inzwischen wieder sprechen, essen, schlucken und mit Unterstützung sogar ein paar Schritte laufen. Sein Kurzzeitgedächtnis lässt ihn jedoch immer noch im Stich. Cornelia Will schreibt ihm jeden Tag das aktuelle Datum in ein Büchlein, damit sich ihr Mann orientieren kann. Es sind auch so kleine Aufmerksamkeiten, die ihm im Alltag helfen. Will wäre es nie in den Sinn gekommen, ihren Mann in einem Pflegeheim unterzubringen. „Ich schiebe ihn nicht ab, ich will mit ihm leben“, hatte sie kämpferisch vor fünf Jahren gesagt. Heute ist Jürgen Ender zwar immer noch pflegebedürftig. Aber das Ehepaar könne nicht nur ein gemeinsames, sondern auch ein glückliches Leben führen, betont die Ehefrau mit den tiefgründigen Augen. „Wir haben viel Spaß miteinander.“ Sie überlegt kurz. „Eigentlich unternehmen wir heute mehr als früher.“ Vor dem Unfall stand die Arbeit im Vordergrund.

Das Ehepaar war selbstständig in der Marktforschung tätig, bis Will auf Physiotherapie umschulte und Ender vermehrt mit Aktien handelte. Die Augsburgerin arbeitet heute noch als Physiotherapeutin. In der Zeit kümmert sich ein Pfleger um ihren Mann. Sie legt großen Wert auf gemeinsame Unternehmungen. „Jürgen soll etwas erleben.“ Ihr ist das wichtig.

Will fährt mit ihm in den Urlaub nach Südtirol oder nach Ligurien ans Meer – dabei hat sie stets die Barrierefreiheit im Blick. Sie hat einen Sitzski für ihren Mann besorgt und eine Art Fahrrad, das man am Rollstuhl befestigt, damit Jürgen Ender in die Pedale treten kann. Die Ehefrau fördert und fordert ihren Mann, wo sie nur kann. Im Sommer, sagt Will, seien sie das erste Mal in der Freilichtbühne gewesen. Das Musical „Jesus Christ Superstar“ habe ihrem Mann so lange gefallen, bis Jesus ausgepeitscht wurde.

Zu Besuch auf der Augsburger Freilichtbühne

„Schon nach 20 Peitschenhieben rief Jürgen laut ,aufhören – es ist genug‘“, berichtet sie lachend. Als der Hauptdarsteller auch noch ans Kreuz genagelt wurde, habe ihr Mann dann gesagt: „Es reicht.“ Cornelia Will weiß, dass er das auch genauso meint. Sie verließ mit ihm die Aufführung. „Er ist jetzt immer gleich sehr direkt.“ Die Ehefrau schätzt diese Eigenschaft. „Geht es dir gut?“, unterbricht Ender unvermittelt die Erzählungen seiner Frau.

Die emotionale Nähe der beiden ist greifbar, ihre Fürsorge ist gegenseitiger Natur. „So wie wir unser Leben jetzt führen können, bin ich wunschlos glücklich“, sagt Cornelia Will. Aufgeben war für beide nie eine Option.

Lesen Sie dazu auch: Das Schicksal von Jürgen Ender: „Mein Mann ist mein größtes Geschenk“

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