1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. So nah ist Paris: Wie Augsburger die Anschläge erlebten

Augsburg

17.11.2015

So nah ist Paris: Wie Augsburger die Anschläge erlebten

„Je suis Paris – ich bin Paris“ steht auf dem Schild, das Hansjörg Brunhuber um 12 Uhr zur Schweigeminute vor dem Rathaus hält. Ein Grüppchen Menschen hat sich dort spontan versammelt.
Bild: Anne Wall

Der Lehrer Udo Legner war nur wenige Gehminuten von den Anschlägen in Paris entfernt. Er und andere Augsburger fühlen mit den Menschen in Paris.

Udo Legner hat eine Lebensgefährtin in Paris. Am Freitag war er in einer Wohnung ganz in der Nähe der Anschlagsorte. Michel Grosjean ist gebürtiger Pariser, lebt seit 40 Jahren in Augsburg. Sein Cousin und dessen Sohn waren in dem Fußballstadion: Viele Augsburger haben Verbindungen nach Paris, viele zeigten sich tief betroffen. Stellvertretend sagt Hansjörg Brunhuber: „Wir dürfen uns jetzt unsere Freiheit nicht nehmen lassen.“

Schweigeminute vor dem Rathaus

Brunhuber gehört zu dem Grüppchen Menschen, das sich am Montag um 12 Uhr zur Schweigeminute vor dem Rathaus versammelt. Einige halten Kerzen, eine Frau legt Rosen ab. Busse und Straßenbahnen halten eine Minute an, die meisten Menschen nicht. Einige doch. Es sind Franzosen wie Emmanuelle Bersez, die auch Tage danach keine Worte für den Schrecken findet, aber auch Deutsche wie Brunhuber, der im Rahmen der Aktion Sühnezeichen ein Jahr in Frankreich arbeitete. Einer seiner Freunde saß in einem Café in dem Viertel, in dem die Attentate stattfanden. Hätte der Kellner nicht so lange für die Rechnung gebraucht, wer weiß, was passiert wäre...

Viele Menschen waren in der Nacht auf Samstag bis 2 oder 3 Uhr wach, saßen vor dem Fernseher, so auch Legner. Bis 1 Uhr konnte er die Wohnung seiner Freunde, bei denen er zum Fußballschauen war, nicht verlassen. Alles war abgesperrt. Jeder versuchte, seine Kinder zu erreichen, die unterwegs waren. „Das 10. und 11. Arrondissement ist sehr multikulti, ein Weggehviertel“, sagt Legner, der Lehrer am Maria-Theresia-Gaymnasium ist. Wie Michel Grosjean glaubt er, dass der Terror ein gezielter Angriff auf die Lebensart ist. „Es wurden ja auch arabischstämmige Franzosen ermordet“, sagt Grosjean. Er hat am Samstag und Sonntag viele Freunde in Paris angerufen. Keinem sei etwas passiert, aber manche trauern um Bekannte oder Verwandte. So sei bei dem Musikkonzert eine Frau im Rollstuhl umgebracht worden, die einer seiner Freunde kennt. „Man sagte schon nach Charlie Hebdo, dass noch einmal etwas passieren kann. Aber alle wollen leben und zeigen, dass sie keine Angst haben“, sagt er.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Beeindruckt von der Solidarität

Legner ist beeindruckt, wie die Menschen ihre Solidarität zeigten. Vor Blumengeschäften im Viertel bildeten sich lange Schlangen. Doch war auch beklemmend, was er in vielen Jahren nie erlebt hatte: Museen und Kinos geschlossen, am Sonntag – da saßen die Pariser schon wieder in ihren geliebten Straßencafés – strikte Ausweiskontrollen im Zug nach Hause. Trotzdem: Natürlich will er wieder nach Paris.

Doch das Geschehen beeinflusst das Leben in Augsburg durchaus. Das MT-Gymnasium wollte laut Legner eine Fahrt nach Paris zur Partnerschule vorbereiten – damit warten die Lehrer nun erst einmal ab. Aufgrund der Terror-Ereignisse völlig abgesagt wurde der Besuch einer 20-köpfigen Studentengruppe der Technischen Hochschule von Augsburgs Partnerstadt Bourges. Auf dem Rathausplatz ist Trauerbeflaggung angeordnet. Die Industrie- und Handelskammer befürchtet Export-Rückgänge für Firmen der Region, vor allem für die Branchen Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau, Kfz-Zulieferung und Verpackungstechnologie.

Zwei Gedenkveranstaltungen

Ebenso gibt es eine Welle der Solidarität. Zwei Gedenkveranstaltungen sind bislang geplant. Zur ersten lädt am Dienstag um 19 Uhr im Annahof der Runde Tisch der Religionen. „Die Morde erschüttern uns auch, weil die Attentäter mit ihrem Hass in die Mitte unserer Gesellschaft zielen: Sie wollen Misstrauen zwischen den Religionen säen, sie wollen das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens zerstören“, sagt Pfarrer Nikolaus Hueck im Namen des Gremiums. (Am Mittwoch 18.30 Uhr, Königsplatz/Kurze Bahnhofstraße) folgt eine Kundgebung der Association des Familles Francophones d’Augsburg unter dem Motto „Nous sommes unis – Wir sind vereint“. Etwa 600 französische Staatsangehörige leben in Augsburg; die Veranstaltung steht aber Menschen aller Nationalitäten und Kulturen offen. Auch viele muslimische Vereine haben ihr Entsetzen und Mitgefühl bekundet. Corinne Lemmer, Vorsitzende der AFF, sagt: „Die Terroristen haben Plätze des Zusammenlebens ausgesucht, wo Grenzen zwischen Kultur, Herkunft und Religion überwunden sind. Sie wollen uns spalten, wir werden sie nicht gewinnen lassen.“

Designerin Nontira Kigle hat nach den Attentaten ein Peace-Zeichen gestaltet, das sich am Werk von Jean Jullien orientiert.
Bild: Anne Wall

Designerin Nontira Kigle hat das Geschehen anders verarbeitet: Sie gestaltete ein Peace-Zeichen mit Eiffelturm und Friedenstaube in den französischen Landesfarben. Als Vorlage wählte sie das Schwarzweiß-Bild von Jean Jullien, das im Internet zum Symbol des Friedens wurde. Im Rahmen eines Online-Tagebuchprojekts gestaltet sie täglich ein Bild. „An diesem Tag kam kein anderes in Frage“, sagt sie. „Man darf den Hass nicht gewinnen lassen.“

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20_WYS89451.tif
Veranstaltung

Ein Blick hinter die Kulissen Augsburgs

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden