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Augsburg

15.08.2020

So stemmen sich Bewohner des Ellinor-Holland-Hauses gegen die Pandemie

Familienvater Hamed Abasi aus Afghanistan hat vor Kurzem seine Ausbildung zum Fahrzeuglackierer abgeschlossen. Mit seiner Frau und seinen Töchtern lebt er im Ellinor-Holland-Haus.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Seit drei Jahren lebt Hamed Abasi im Ellinor-Holland-Haus. Nach seiner Ausbildung wollte er nun durchstarten – doch dann kam Corona. So geht die Einrichtung damit um.

Hamed Abasi hat alles daran gesetzt, dass er seine Ausbildung besteht. Er stand in den vergangenen Monaten jeden Morgen um 5 Uhr auf und lernte eineinhalb Stunden für seine Prüfungen, dann fuhr er zu seiner Arbeitsstelle. Nach seinem Arbeitstag nahm er Nachhilfe in Mathe und Deutsch. Sein Einsatz hat sich gelohnt: Seit Ende Juli ist der 29-Jährige ein gelernter Fahrzeuglackierer. Einen Job hat der Familienvater deshalb aber nicht. „Durch Corona war bei uns im Autohaus in den vergangenen Monaten viel weniger los“, sagt er und fragt sich, wie es weitergeht.

Obwohl sein Meister sehr zufriedenen mit ihm und seiner Arbeit gewesen sei, habe er von seinem Lehrbetrieb nicht übernommen werden können. Das macht ihn fassungslos: Die weltweite Pandemie hat ihm genau dann einen Strich durchs Leben gemacht, als er dachte, angekommen zu sein.

Seit drei Jahren lebt die Familie im Augsburger Ellinor-Holland-Haus

Im April 2014 kam der Afghane nach Deutschland. Seit drei Jahren lebt er mit seiner Frau Fateme und den Töchtern Yasamin, 8, und Rojin, 5, im Ellinor-Holland-Haus. In der Einrichtung der Stiftung Kartei der Not leben Menschen, die den Halt verloren haben und aus eigener Kraft nicht mehr in ein selbstbestimmtes Leben finden können. Im Ellinor-Holland-Haus hat die Familie nach ihrem Einzug vor drei Jahren erst einmal wieder durchatmen und Tritt fassen können.

„Alles lief gut. Als die Familie bei uns einzog, hatte Hamed gerade mit seiner Ausbildung begonnen. Wir dachten, dass er eine feste Arbeitsstelle haben wird und durchstarten kann, wenn die Familie wieder auszieht“, sagt Sozialpädagogin Susanne Weinreich. Im Ellinor-Holland-Haus leben Menschen auf Zeit: Nach drei Jahren ziehen die Bewohner in der Regel wieder aus. Spätestens dann sollen sie ihr Leben wieder selber in die Hand nehmen können.

Corona ist eine große Herausforderung für die Menschen im Ellinor-Holland-Haus

Alles sah auch für Hamed Abasi und seine Familie gut aus – doch dann kam Corona und wirbelte nicht nur seine Pläne durcheinander, sondern stellte die ganze Hausgemeinschaft vor große Herausforderungen. Das gewohnte Miteinander wurde durch das Virus im Frühjahr abrupt unterbrochen. Weinreich: „Normalerweise wird hier sehr viel Wert auf Gemeinschaft gelegt. Das Haus lebt von persönlichen Kontakten. Doch die wurden erst einmal auf null gestellt.“

Bild: Wagner

Anfragen konnten nur noch telefonisch gestellt werden, Kinder aus verschiedenen Haushalten durften nicht mehr miteinander spielen. In einem wöchentlichen Schreiben hielten Susanne Weinreich und ihr Team die Bewohner auf dem Laufenden, gaben Tipps, wie sich die Kinder beschäftigen konnten. „In unserer Einrichtung leben allein 30 Schulkinder, die per Laptop oder Smartphone an Homeschooling teilgenommen haben. Unser Drucker lief heiß, weil so viele Arbeitsblätter ausgedruckt werden mussten.“

Kümmerer im Ellinor-Holland-Haus mussten während Corona viele Ängste abbauen

Susanne Weinreich und ihr Team mussten in den vergangenen Monaten viele Fragen beantworten, Lösungen finden und vor allem eines: Sie mussten versuchen, Ängste abzubauen. Sie sprangen ein, wenn Eltern ihren Kindern bei der Umsetzung des Online-Unterrichts nicht helfen konnten. Sie unterstützten Bewohner, die plötzlich an ihren Kursen nicht mehr teilnehmen konnten, Ansprechpartner in Ämter und Behörden nicht erreichten. „Aufgrund der großen Hausgemeinschaft und von zahlreichen Risikopatienten, die bei uns leben, waren wir sehr streng. Besuche waren über eine lange Zeit gar nicht erlaubt“, betont die Sozialpädagogin. Auch die ehrenamtlichen Helfer, die normalerweise in der Einrichtung im Textilviertel ein- und ausgehen, konnten den Bewohnern nicht wie üblich unter die Arme greifen. „Sie haben uns aber mit zahlreichen Spenden sehr unterstützt. Sie haben Spielsachen, Malsachen, Puzzles und Fahrräder für die Bewohner organisiert.“

Gerade für die jungen Bewohner waren die ersten Monate eine besondere Herausforderung. Ein Chat für Jugendliche über Smartphones wurde initiiert. „So wollten wir deeskalieren.“ Einige Familien waren gerade erst vor der Corona-Krise ins Ellinor-Holland-Haus eingezogen – die Zeit, um eine Verbindung aufzubauen, blieb ihnen nicht. Bei Sabine Müller und ihrer Familie war es so. Für die übliche Integration in die Hausgemeinschaft fehlte ihnen die Gelegenheit. Die vergangenen Monate haben sie somit sehr zurückgezogen verbracht. Sie hätte aber auch mit dem nötigen Abstand festgestellt, wie bemüht Mitarbeiter und Bewohner waren, alles am Laufen zu halten.

Kuratoriumsvorsitzende Ellinor Scherer dankt den Bewohnern

„Durch die Krise konnten so auch positive Erfahrungen gemacht werden, die die Bewohner in ihrem Selbstvertrauen gestärkt haben“, betont Arnd Hansen, Geschäftsführer der Stiftung Kartei der Not. Die Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung, Ellinor Scherer, wandte sich in einem Brief auch persönlich an die Bewohner. „Wir haben es geschafft, bis heute keine Corona-Erkrankung im Haus zu haben, weil Sie alle so toll mitgemacht haben und auch sehr vorsichtig waren. Das freut uns sehr und dafür sprechen wir Ihnen allen ein großes Lob aus.“

 

Durch die Corona-Krise habe sich vor allem die Kommunikation im Haus verbessert, sagt Susanne Weinreich. „Wir sprechen jetzt alle mehr miteinander.“ Ab September soll auch wieder die Hausgemeinschaft zusammenkommen – zumindest sollen Treffen in Kleingruppen ermöglicht werden. Während die Mitglieder der Einrichtung Schritt für Schritt wieder zueinanderfinden wollen und nach einigen Auszügen nun auch wieder neue Bewohner aufgenommen werden, wird sich Familie Abasi bald verabschieden. „Natürlich ist die Wohnungssuche ohne Arbeitsvertrag gerade sehr schwierig“, weiß auch Susanne Weinreich. Sie unterstützt die Familie jedoch mit dem Netzwerk des Ellinor-Holland-Hauses. Sieben Bewerbungen hat Hamed Abasi außerdem bereits geschrieben und hofft, dass er bald eine Stelle findet.

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