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Augsburg

04.09.2015

Warum Sozialwohnungen kaum noch zu bekommen sind

Die Warteliste für Sozialwohnungen ist in Augsburg lang. Unser Foto zeigt das „Reese Paradise I“ in Kriegshaber, das das Pferseer Familienunternehmen Deurer gebaut hat.
Bild: Annette Zoepf

Immer mehr Menschen mit kleinem Geldbeutel finden in Augsburg keine Bleibe. Investoren gäbe es, trotzdem passiert nicht viel. Woran liegt das?

Die Firma Deurer hat noch nicht einmal den Keller eines Hauses mit Sozialwohnungen fertig, da gibt es schon eine lange Warteliste, sagt Seniorchef Hubert Deurer. Tausende Bedürftige sind bei den Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften gemeldet. Stadtweit gibt es nur noch 6000 Wohnungen mit Mietpreisbindung. Die Stadtregierung trug daher der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (WBG) auf, jährlich 100 neue Wohnungen zu errichten – eine Herkulesaufgabe, wie Experten sagen.

In dieser Situation meldet sich das Evangelische Siedlungswerk (ESW). Es hat seinen Sitz in Nürnberg, aber auch 150 Wohnungen in Augsburg, unter anderem im Herrenbach. 250 weitere würde es in den nächsten Jahren errichten – das geht aber nicht. Das Siedlungswerk findet keine Flächen. Geschäftsführer Hannes B. Erhardt sagt: „Es ist aussichtslos, mit privaten Investoren zu konkurrieren.“ Er habe sich an die Stadt gewandt – erfolglos. Sie habe nichts anzubieten. In anderen Städten hat das ESW bessere Erfahrungen gemacht. Nürnberg und München schreiben seit Jahren bei Bebauungsplänen einen verpflichtenden Anteil von mindestens 30 Prozent gefördertem Wohnraum vor. Die Mietpreisbindung läuft dort bis zu 40 Jahre. Es gebe zum Beispiel Modelle, bei denen der Grundstückspreis auf niedrigem Niveau fixiert ist und der Investor mit dem besten Konzept den Zuschlag bekommt, so Erhardt.

Das Pferseer Familienunternehmen Deurer ist seit Jahrzehnten im Sozialwohnungsbau tätig. Zuletzt errichte es über 120 Wohneinheiten auf dem Sheridan-Areal, 153 auf dem Reese-Gelände. Letztere sind noch nicht alle fertig – aber schon vergeben. Die Firma ist stark in München im Einsatz. „Wir würden aber gerne mehr in Augsburg bauen“, so Deurer. Auch er fordert von der Stadt eine Orientierung am „Münchner Modell“.

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Baureferent Gerd Merkle sagt: „Bei der Stadt Augsburg werden effektive Möglichkeiten erprobt, wie die Errichtung von gefördertem Wohnungsbau durch Bebauungspläne mit städtebaulichen Verträgen sichergestellt werden kann.“ So werde eine „soziale Komponente“ eingefordert, beispielsweise geförderter Wohnungsbau, studentisches Wohnen, betreutes Wohnen oder Pflegeheim. „Ein pauschaler Schlüssel, zum Beispiel 30 Prozent Sozialer Wohnungsbau in allen Bebauungsplänen, wird dagegen nicht als sinnvoll erachtet.“ Investoren müssten bereits viele Kosten übernehmen und die Gewinne aus Bauland seien in Augsburg weit niedriger als in München.

Der Königsbrunner Bauunternehmer Michael Dumberger sagt jedoch auch über Augsburg: „Die Grundstücke sind überteuert.“ Er spricht von bis zu 600 Euro pro Quadratmeter. „Das ist pure Spekulation.“ Gleichzeitig ist der Anreiz für den Bau geförderter Wohnungen längst nicht mehr so groß wie früher. Dieter Uitz, Leiter des stätischen Wohnungsamtes, weiß, was sich die Investoren wünschen: Höhere Zuschüsse und eine Absenkung der Baustandards und Regelungen, die viel Geld verschlingen.

600 Wohnungen soll die WBG in den nächsten Jahren errichten

Es gibt zwar einen Zuschuss, aber die zinsverbilligten Darlehen sind nicht mehr attraktiv. Trotzdem gelingt es, Wohnungen mit einer Kostenmiete von 7,50 bis 8,50 Euro zu errichten – normal sind 10 bis 10,50 Euro. Die Mieten sind einkommensabhängig. Mieter erhalten zwischen einem und drei Euro pro Quadratmeter Zuschuss, erklärt Mark Dominik Hoppe, Geschäftsführer der städtischen WBG. 600 Wohnungen soll sie in den nächsten Jahren errichten. Wenn Hoppe das Bauvolumen nennt, erkennt man die Dimension: 120 Millionen Euro. Die WBG muss die selben Grundstückspreise zahlen wie andere Investoren.

Dumberger sagt, in Augsburg herrsche ein Verdrängungswettbewerb. „Und wenn nicht mehr Grundstücke ausgeschrieben werden, wird sich das nicht ändern.“ Doch hier stößt die Stadt an ihre Grenzen. Die Kasernenareale, die in den 90er Jahren unerschöpflich schienen, sind so gut wie voll. Das Areal südlich der Friedrich-Ebert-Straße ebenfalls. Neue Baugebiete mit „sozialer Komponente“ sind laut Merkle im Martini-Areal (350 Wohneinheiten), auf dem Dierig-Gelände (Pfersee), in der St.-Anton-Siedlung, nördlich der Hessing-Kliniken, in der IGEWO-Siedlung (Haunstetten) und im Dehner-Park (beim Gartenmarkt in Kriegshaber) geplant.

Ohne städtische Maßnahmen, Nachverdichtung, kleinere Wohnungen, höhere Gebäude und ähnliche Maßnahmen der besseren Flächennutzung werde es trotzdem nicht gehen, sind sich die befragten Bauträger einig – egal ob kommunal oder privat. "Kommentar

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