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Augsburg

14.08.2015

Werbeoffensive: Promis setzen sich für Stolpersteine ein

Elf Gedenksteine wurden bereits angefertigt
Bild: Anne Wall

Die Initiative für das Gedenken an NS-Opfer startet eine Werbeoffensive mit bekannten Namen. Der Landesrabbiner kritisiert ein "fast ideologisches Verhalten". Wie geht es weiter?

München hat sich entschieden. Dort dürfen keine „Stolpersteine“ zum Gedenken an Naziopfer auf öffentlichem Grund verlegt werden. Der Münchner Stadtrat lehnte diese Form des Gedenkens kürzlich mehrheitlich ab. Stattdessen wurden Opfertafeln an Wohnhäusern oder Erinnerungsstelen befürwortet. Die Augsburger Initiative für Stolpersteine will sich von dieser Entscheidung nicht entmutigen lassen. Sie hat eine ganze Reihe prominenter Unterstützer um sich geschart, die für ihr Anliegen werben. Eine Entscheidung im Augsburger Stadtrat steht noch aus.

Senta Berger ist dafür

Im Vorfeld der politischen Weichenstellung hat der Initiativkreis jetzt eine lange Liste mit Briefen von Befürwortern der Stolpersteine zusammengestellt und verschickt. Dazu zählen Prominente wie das Ehepaar Senta Berger und Michael Verhoeven, Schriftstellerin und Moderatorin Amelie Fried, der bayerische Musiker Hans Well oder Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Unter den Befürwortern melden sich aber auch Nachkommen von Augsburger NS-Opfern zu Wort – etwa Josef Pröll, der Sohn der Augsburger Widerstandskämpfer Josef und Anna Pröll, oder Amalie Speidel, geborene Lossa, eine Überlebende der Augsburger Jenischen.

„Als einzig verbliebenes Familienmitglied wünsche ich mir nichts sehnlicher als die Verlegung von Stolpersteinen in Augsburg für meinen im KZ verstorbenen Vater, für meinen Bruder Ernst, vielleicht auch für die übrigen Mitglieder meiner Familie“, schrieb sie im Mai an Oberbürgermeister Kurt Gribl.

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Kommission sucht neue Lösungen

In Augsburg stecken die Stolpersteine seit über einem Jahr in der Warteschleife. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat elf Gedenksteine für Straßen und Plätze angefertigt, die bislang nicht verlegt werden durften. Zuletzt hat sich der Stadtrat im Frühjahr 2014 mit dem Thema beschäftigt. Damals gab es aber noch keine Entscheidung. Stattdessen wurde beschlossen, eine Expertenkommission einzusetzen. Sie bekam den Auftrag, auch noch andere Formen der Erinnerung zu suchen und zeitnah Lösungen zu präsentieren.

Hintergrund ist, dass in der Öffentlichkeit kontrovers und auch sehr emotional über die Stolpersteine diskutiert wird. Der Initiativkreis wirbt für diese Mahnmale, die von engagierten Bürgern bestellt und bezahlt werden. Sie sollen mitten im öffentlichen Raum an verfolgte Juden, Freiheitskämpfer, Homosexuelle, Euthanasieopfer und viele andere Opfer des Nazi-Terrors erinnern.

Landesrabbiner Henry Brandt und die Israelitische Kultusgemeinde in Augsburg sprechen sich jedoch vehement gegen Stolpersteine auf der Straße aus. Für sie ist der Gedanke unerträglich, dass auf Namen von Holocaust-Opfern herumgetrampelt werden könnte. Oberbürgermeister Kurt Gribl warb mit Blick auf die heftigen Kontroversen für eine breite Einigung. Erinnerungskultur müsse im gesamtgesellschaftlichen Konsens erfolgen und dürfe nicht zu dauerhaften Konflikten führen, argumentierte er.

Rabbiner Brandt ist dagegen

In München hat der Stadtrat die Stolpersteine vor allem deshalb abgelehnt, weil dort ein klares Nein von der Israelitischen Kultusgemeinde kam. Man wollte sich über das Votum der größten Opfergruppe nicht hinwegsetzen. In Augsburg argumentiert der Initiativkreis für Stolpersteine nun, man respektiere die ablehnende Haltung von Landesrabbiner Brandt. Er spreche aber nur für die jüdischen Opfer, nicht für alle anderen.

Brandt betont jedoch auf Anfrage, er lehne die Stolpersteine als Erinnerungsform grundsätzlich für alle Opfer des Nationalsozialismus ab. Er spreche zwar nicht für andere Gruppen, dürfe aber seine Meinung sagen. Wenn Stolpersteine für Juden nicht passend sind, dann würden sie aus seiner Sicht auch alle andern Opfer beleidigen. „Eine Sonderbehandlung für jüdische Opfer wäre auch Unfug, denn alle Menschen sind gleich“, sagt er.

Im Gegenzug kritisiert der Landesrabbiner, die Befürworter der Stolpersteine hätten sich an dieser Form des Gedenkens „fast ideologisch festgebissen“. Dabei müssten doch eigentlich die Erinnerung als solche und eine konsensfähige Lösung im Mittelpunkt stehen. Thomas Hacker vom Initiativkreis hält dem entgegen: „Wir stehen allen Formen des Gedenkens positiv gegenüber, aber ein Konzept ohne Stolpersteine wäre schade.“

Im Herbst Thema im Stadtrat

Während die öffentliche Debatte läuft, will Kulturreferent Thomas Weitzel hinter den Kulissen zu Ergebnissen kommen. Bis zum Herbst werde er die Vorschläge der Expertenkommission zu den Stolpersteinen und möglichen Alternativen zusammenfassen, kündigt er an. Voraussichtlich Ende September oder Anfang Oktober soll es ein abschließendes Statement mit allen Pro- und Kontra-Argumenten für den Stadtrat geben.

Weitzel sagt, „die Münchner Entscheidung soll nicht das Vorbild für Augsburg sein“. Es gebe viele gute Vorschläge, um einen eigenen Augsburger Weg zu finden. Wird es ein Weg mit Stolpersteinen sein? Offenbar eher nicht. „Ein Konzept zum Gedenken, das allen Meinungen gerecht wird, wird es nicht geben“, meint der Kulturreferent.

Was er nicht sagt: Das Wort des Landesrabbiners und neuen Augsburger Ehrenbürgers dürfte für den Stadtrat politisches Gewicht haben.

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