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Bayern

18.02.2020

Wie kann es für Senioren auf dem Land gelingen, in Würde zu altern?

Rita und Johann Völk sind mit ihrem Heimatdorf Kellmünz verbunden. So geht es vielen Senioren, die ihr ganzes Leben in den Dörfern, wo sie geboren wurden, verbracht haben.
Bild: Maria Heinrich

Plus Kleine Orte in Bayern haben es schwer, sich für den demographischen Wandel zu wappnen. Zwei Dörfer aus Schwaben zeigen, wie sie sich verändern wollen – und wo es Hilfe gibt.

Die Aufregung ist groß bei Frau Weber. Vergangene Nacht hat keine einzige Laterne in ihrer Straße geleuchtet, es war stockfinster. Ganz aufgebracht erzählt sie dem Bürgermeister davon, als er an ihrem Grundstück vorbeigeht. Ein eisiger Wind peitscht durchs Dorf, aber davon lässt sich die Seniorin nicht beeindrucken. Sie steht in Pantoffeln und Strickjacke am Zaun ihres Grundstücks, in der einen Hand die gerollte Zeitung, die andere sorgenvoll an ihre Wange gelegt. „Halleluja, ich hab’ gar nicht schlafen können heut’ Nacht, so Angst hab’ ich gehabt.“

Die Sorgen der Bürger liegen dem Bürgermeister am Herzen

Bürgermeister Michael Obst versucht, die aufgebrachte Seniorin wieder zu beruhigen. „Wenn Sie das nächste Mal wieder Angst haben, dann rufen Sie einfach an.“ Das Angebot ist ehrlich gemeint. Hinterher sagt Obst: „Mir liegen die Sorgen der Bürger am Herzen – besonders die der Senioren.“

Seit fast sechs Jahren ist Obst Bürgermeister von Kellmünz im Landkreis Neu-Ulm. Die 1500-Einwohner-Marktgemeinde schmiegt sich an einen steilen Hügel, der sich neben dem Flusslauf der Iller erhebt. Von dort oben, gleich neben einer römischen Ruine, hat man einen wunderbar weiten Blick bis zu den schneebedeckten Gipfeln der Alpen. Eigentlich ist Kellmünz ein schmucker Ort. Die Kirche mit dem Zwiebelturm in der Dorfmitte, das Illertal direkt vor der Haustür, die netten Gebäude mit Fensterläden und gepflegten Vorgärten. Wären da nicht die Fragen, die den Bürgermeister und die Einwohner umtreiben.

Da ist zum Beispiel der Hausarzt am Ort, der schon über 60 ist. Wie lange wird er seine Praxis noch betreiben? Wird man je wieder einen Allgemeinarzt für Kellmünz finden? Dann gibt es kein eigenes Pflegeheim. Wer soll die Senioren betreuen, wenn sie nicht mehr alleine leben und sich versorgen können? Der Bahnhof, der nicht barrierefrei ist. Wie soll man mit Rollator mobil bleiben, wenn man nicht in den Zug einsteigen kann?

Hausärztemangel, Pflegenotstand, keine Bank mehr am Ort, der letzte Metzger hat schon vor Jahren zugemacht – es ist eine lange Liste an Problemen, die nicht nur Kellmünz, sondern ganz viele Dörfer in Bayern beschäftigen. Sie treffen vor allem die Senioren auf dem Land, denn besonders dort steigt der Anteil älterer Menschen. Viele Junge ziehen für die Ausbildung oder für den Start ins Berufsleben in die größeren Städte, ihre Eltern und Großeltern bleiben aber auf dem Land zurück.

Auch bei den Senioren darf es etwas kosten

Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung ist die Zahl der Menschen, die 67 Jahre oder älter sind, bereits zwischen 1990 und 2018 um 54 Prozent von 10,4 Millionen auf 15,9 Millionen gestiegen. Sie soll in den nächsten zwanzig Jahren um weitere sechs Millionen auf mindestens 21 Millionen wachsen. Michael Obst aus Kellmünz tut viel dafür, um die Situation vor Ort zu verbessern. Seit einigen Jahren gibt es zum Beispiel einen von den Bürgern getragenen Dorfladen, der sehr beliebt ist. Aber Obst weiß auch, dass er etwas unternehmen muss, um für die Zukunft vorzusorgen. Er rechnet damit, dass Kellmünz in den nächsten fünf Jahren fast doppelt so viele Menschen über 65 haben wird wie aktuell. „Das ist für unsere Gemeinde eine große Herausforderung.“

Michael Obst hat sich deshalb einen Plan ausgedacht, eine Vision. Er will in der Ortsmitte, auf zwei alten Hofstellen direkt gegenüber der Kirche, die die Gemeinde erworben hat, eine Art Seniorenzentrum bauen: ein Ort für betreutes Wohnen, ein „Seniorenhort“, wie Obst es nennt, mit Praxisräumen für einen mobilen Pflegedienst und einen Belegarzt. „Es muss unser moralisches Ziel sein, Seniorenbetreuung nicht zu zentralisieren, sondern auf jede kleine Gemeinde herunterzubrechen“, fordert Obst.

Für den Bürgermeister ist es eine Sache der Verantwortung. Die älteren Menschen hätten ihr ganzes Leben in ihrem Heimatort verbracht, hätten mit ihren Steuern, ihrem Engagement, ihrer Vereinsarbeit und ihren Familien die Grundlage gelegt – für die Menschen im Ort, die sich heute in Kellmünz niederlassen, ihre Kinder großziehen und ihr Leben planen. Es sei mehr als ungerecht, diese Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen und in eine fremde Stadt abzuschieben, weil es nur dort einen Platz in einem Pflegeheim gibt. „Das darf nicht sein. Wir dürfen nicht sagen, in die Alten investieren wir nichts mehr. Es darf auch bei den Senioren etwas kosten.“ Aber wie viel darf es tatsächlich kosten?

Für das Seniorenzentrum am Ort rechnet Obst mit einem Betrag in Millionenhöhe. „Das ist für unser Dorf mit so einer kleinen Verwaltung eine Mammutaufgabe, die wir gar nicht alleine stemmen können.“ Der Bürgermeister hat sich deshalb Hilfe geholt – und sich für den „Marktplatz der Generationen“ angemeldet. Das ist ein Projekt des bayerischen Sozialministeriums, das Gemeinden unterstützt, ihren Bürgern ein Altern in Würde zu ermöglichen. Wer wünscht sich nicht, mit 90 Jahren noch in den eigenen vier Wänden zu wohnen? Sich möglichst lange selbst zu versorgen? Gebraucht zu werden, Kontakte zu pflegen und aktiv zu sein?

Die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Früher lebten Senioren mit Kindern und Enkeln in einem Haus und hatten ein soziales Netz. Heute ziehen junge Menschen für die Ausbildung oder zum Studieren in eine andere Stadt, Kinder und Enkel leben nicht mehr in direkter Nähe zu Eltern und Großeltern. Auch Nachbarschaftshilfe ist längst nicht überall selbstverständlich. Dieser Veränderungen ist sich auch Bayerns Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) bewusst: „Der demografische Wandel gehört zu den größten sozialen Herausforderungen im ländlichen Raum.“ Gerade für kleine Kommunen auf dem Land sei der Aufbau seniorengerechter Strukturen eine große Aufgabe.

Die Nahversorgung wird zum Problem

Das Sozialministerium fördert deshalb seit 2017 den „Marktplatz der Generationen“. Bereits 42 Kommunen haben teilgenommen, davon vier aus Schwaben. Im Februar sind 30 weitere Gemeinden dazugekommen. Neben Kellmünz an der Iller sind das Heretsried im Kreis Augsburg, Hollenbach im Kreis Aichach-Friedberg sowie die Gemeinden Oberroth und Osterberg, ebenfalls aus dem Landkreis Neu-Ulm. Der „Marktplatz der Generationen“ wolle dabei helfen, „einen Schub zu geben, damit Engagement vor Ort Spaß macht“ – und das Leben für Ältere einfacher wird. Dafür bekommen die Gemeinden einen professionellen Berater für zweieinhalb Jahre zur Seite gestellt. Er hilft, Ideen zu entwickeln – das kann zum Beispiel ein Dorfladen sein, ein Seniorentreff oder ein Fahrdienst.

Vieles davon entstehe längst nicht mehr „einfach so“, sagt Karlheinz Dommer von der Landimpuls GmbH, der das Projekt bayernweit betreut. Der Berater soll die Gemeinden aber auch in Sachen Förderungen unterstützen. „Deshalb haben wir uns beworben“, sagt Kellmünz’ Bürgermeister Michael Obst. „Wir brauchen jemanden, der uns an die Hand nimmt und der sich richtig gut auskennt, welche Förderungen wir für welche Projekte beantragen können.“

Was der„Marktplatz der Generationen“ bewegen kann, haben die Bürger der Gemeinde Wehringen gelernt. Das 3000-Einwohner-Dorf liegt im südlichen Landkreis Augsburg zwischen Wertach und Lech, die Singold fließt direkt durch den Ort hindurch. Viel ist nicht los an diesem frühen Nachmittag, nur selten fährt ein Auto durch die Wohngebiete, Menschen sieht man kaum, nur wenige gehen bei diesem ungemütlichen Wetter vor die Haustür.

Eine Frau ist dann doch mit dem Hund unterwegs. Und ist bereit zu erzählen. „Es gibt bei uns mittlerweile viel Gutes für die Senioren“, erzählt sie und zieht sich ihre Mütze tiefer in die Stirn, „aber das mit den Supermärkten ist schwierig“. Bürgermeister Manfred Nerlinger weiß genau, was die Frau damit sagen will. „Die Nahversorgung bei uns im Ort ist ein Problem“, sagt er. Das drei Kilometer entfernte Bobingen sei überversorgt mit Supermärkten, aber trotzdem zu weit entfernt für Senioren, die kein Auto haben. „Zu uns kommt einfach kein Laden.“

Wehringen ist seit August 2017 bei dem Projekt des Sozialministeriums dabei. „Seither hat sich viel getan für die Älteren im Ort“, erzählt Bürgermeister Nerlinger. Mittlerweile gibt es einmal im Monat einen Generationentreff mit Kaffee und Kuchen in der alten Dorfwirtschaft. „Da trifft sich immer eine lockere Runde, da wird geratscht und gesungen, es kommen bestimmt 50 Leute.“ Die Gemeinde hat einen Seniorenwegweiser veröffentlicht – ein 40 Seiten dickes Heft mit Informationen speziell für die Senioren im Ort. „Es ist voll mit wichtigen Kontakten, Freizeitangeboten, Terminen für Feste und Veranstaltungen und Hinweisen rund um Pflege und Betreuung“, erklärt der Bürgermeister. Und das ist noch nicht alles. In Wehringen hat sich eine Nachbarschaftshilfe gegründet, die Senioren bei alltäglichen Aufgaben wie Einkaufen oder Rasenmähen unter die Arme greift. Es gibt einen Fahrdienst, wenn jemand mal zum Arzt muss. Und im Gemeinderat kümmert sich ein Seniorenbeauftragter um die Belange der älteren Mitbürger.

Es klappt nur mit ganzem Herzen und voller Energie

Einmal in der Woche – jeden Mittwoch von 15 bis 18 Uhr – findet auf dem Rathausplatz in Wehringen ein Wochenmarkt statt. „Die Produkte dort kommen direkt vom Erzeuger, sind regional und bio.“ An den Ständen werden viele Grundnahrungsmittel angeboten, das ist den Wehringern besonders wichtig, wenn sie dort einkaufen. „Der Markt ist auch eine gute Möglichkeit, um unter der Woche einfach mal zusammenzukommen und zu ratschen.“

Hier hat sich viel bewegt in den vergangenen Jahren. „Ich bin stolz auf meine Wehringer“, sagt der Bürgermeister. Aber er hat auch einen Tipp für andere Gemeinden, die jetzt beim „Marktplatz der Generationen“ dazukommen. „Es klappt nur, wenn man mit ganzem Herzen und voller Energie an die Sache rangeht. Halbherzig wird das nichts.“ Das weiß auch der Kellmünzer Bürgermeister Michael Obst. Aber der Aufwand ist es ihm wert. „Denn wir wollen unsere Senioren so lange wie möglich am Ort halten. Das sind wir ihnen doch schuldig.“

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