Der Start ins Leben war für Marcel nicht so, wie ihn sich Eltern für ihr Kind wünschen. Der heute Fünfjährige erlitt laut Kinderärztin Monika Seidel "am Ende der ausgetragenen Schwangerschaft" einen Schlaganfall, dessen Folgen ihn wohl zeitlebens begleiten werden. Ein Gefäßverschluss der linken Halsschlagader führte dazu, dass seine rechte Körperhälfte motorisch dauerhaft beeinträchtigt ist. Inzwischen gelingt es ihm aber, sich mit Hilfe und Hilfsmitteln selbst aufzustellen und eine aufrechte Position einzunehmen. Hilfe bekommt er in einer Augsburger Klinik.
Auch wenn die Hessing-Klinik ihren Status als Sozialpädriatisches Zentrum zuletzt an das Augsburger Josefinum verlor, so ist die in Göggingen verbliebene Frühförderstelle für viele Eltern eine große Erleichterung geblieben. Dort können mehr als Mobilität und Motorik von Kindern gezielt trainiert werden. Der äußerst redselige Marcel etwa bekommt zusätzlich logopädische Unterstützung, um seine Kommunikationsfähigkeit nachhaltig zu verbessern. Außerdem soll eine heilpädagogische Spieltherapie Freude und Interesse am Miteinander unterstützen. In dem interdisziplinären Haus mit seinen inklusiven Kindergartengruppen ist Marcel eines von 80 betreuten Kindern mit und ohne Handicap.
Seine Betreuer nennen ihn offen und freundlich, attestieren ihm ein fröhliches Naturell und loben, dass er "immer mitmacht". Dabei treffen der für Hilfsmittel und Orthesen zuständige Motopäde Uwe Döhr und Cora Niederhofer, Abteilungsleiterin der Physiotherapie, durchaus manchmal auf "Verweigerer" ihrer Bemühungen. Zusammen mit Pädagogin Katrin Rau sind sie Marcels Vertrauenspersonen, in deren sicherer Gesellschaft er bei einem Treffen auch Fremden gegenüber aufgeschlossen bleibt.
Marcel quasselt munter drauflos
"Nein, nein", ist eine Antwort, die er besonders gerne gibt. Dabei redet Marcel so schnell, dass ihn oft nur versteht, wer ihn besser kennt. An der Seite beziehungsweise auf dem Schoß seines Vaters Mario Grabowski quasselt der Junge munter drauflos. Er erzählt von einem Fahrrad, dass es grün und er schon gestürzt sei, aber ohnehin immer nur "mit Helm" aufsteige. Sein Lieblingsthema aber sind laut Katrin Rau Züge und Eisenbahnen, die ihm nach Erzählung der Pädagogin bewusst machen, dass er beim Zusammenkoppeln seine spastische rechte Hand unterstützend einsetzen kann.
Begeisterung wirkt laut Rau wie eine "Gießkanne aufs Gehirn". Ohnehin orientiere sich das Team stets an den Stärken seiner Schützlinge. Marcel beispielsweise könne "ganz toll den Lift holen". Dass er das nach wie vor bevorzugt mit der Linken tut, sei zweitrangig. Und so kann sich Katrin Rau auch nicht daran erinnern, dass es bei Marcel jemals eine Phase gegeben hätte, in der er nicht mehr wollte. Im Gegenteil: Er freut sich jeden Tag aufs Neue, wenn er vom orangefarbenen Storz-Bus in Lagerlechfeld abgeholt wird, um in den Kindergarten gebracht zu werden.
Je länger das Gespräch mit den Erwachsenen dauert, umso häufiger verliert sich Marcels Blick in weiter, unbekannter Ferne. Dem Vater gelingt es aber immer wieder, die flüchtigen Gedanken einzufangen und die Aufmerksamkeit seines Sohnes zurückzubringen. Der verstummt nur so lange, bis ihn der Vater durch eine sanfte Berührung an der Schulter wieder in die Gegenwart holt und ihn daran erinnert, dass er gerade etwas gefragt wurde. Wie auf Knopfdruck heben sich die Lider und der Kopf dreht sich in Richtung seiner Gesprächspartner. Als wolle er sagen, 'Ich höre', ist der Bub wieder ganz bei der Sache.
Vater spricht über sichtbare Erfolge
Wie Mario Grabowski bestätigt, hat Marcel "ein komplexes Krankheitsbild". Doch wie er sich in der Obhut der Hessing-Frühförderung geistig weiterentwickelt, sei schön anzusehen. Dankbar ist der selbstständige Elektriker, dass Marcel alle Therapien an einem Ort erhält und er nicht jede einzeln mit seinem Sohn aufsuchen muss. Ein weiterer Vorteil sei die Vernetzung: Die Hessing-Mitarbeiter seien in ständigem Austausch. So besprechen sie regelmäßig, welche Fortschritte der Junge mache, wo verstärkter Handlungsbedarf bestehe oder welche Hilfsmittel er benötige. Mario Grabowski ist sich im Klaren darüber, dass er ohne seine "starke Frau" und die Unterstützung der Frühförderstelle seine Selbstständigkeit ungleich schwerer praktizieren könnte.
Nach der Entbindung um 4.20 Uhr in den Schwabmünchner Wertach-Kliniken musste Marcels Mutter wegen hohen Blutverlusts selbst erst einmal versorgt und operiert werden. An das, was in den frühen Morgenstunden des 5. Juli 2016 geschah, erinnert sie sich heute deshalb "wie in einem Film". Nach einer "tollen Schwangerschaft" ohne Komplikationen habe sie ihren Sohn erst nach fünf Tagen zum ersten Mal schreien gehört. Denn: Nachdem der Säugling flach atmete und zu krampfen begann, sei er wegen Sauerstoffmangels mit dem Notarzt ins Uniklinikum nach Augsburg gebracht worden. Dort wurden der Gefäßverschluss und die damit einhergehende Gehirnschädigung diagnostiziert. Seither beweist Marcel immer wieder, dass er entsprechend seinem von Mars abgeleiteten Namen ein Kämpfer ist.
Der 39-jährige Mario Grabowski und seine Frau Vanessa, 29, wollten trotz all dieser Komplikationen "auf jeden Fall noch ein zweites Kind". Ein Gentest brachte die Gewissheit, dass diesem Wunsch medizinisch nichts entgegenstand. Seinen kleinen Bruder Ben, 3, nennt Marcel heute seinen "besten Freund". Und für Vanessa Grabowski war es, wie sie sagt, "ihr" schönstes Geburtstagsgeschenk, als Marcel am 15. Juli die Intensiv-Station verlassen durfte.