1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Feuilleton regional
  4. Die unglaubliche Geschichte der Fuggerkapelle

Kunst in Augsburg

25.08.2019

Die unglaubliche Geschichte der Fuggerkapelle

Der erste Renaissance-Bau nördlich der Alpen – die Fuggerkapelle in der Anna-Kirche in Augsburg markiert den Beginn einer neuen künstlerischen Epoche.
Bild: Eckhart Matthäus

Vor 500 Jahren schufen sich die Fugger eine Familiengrablege, die ihresgleichen sucht. Dann kam Martin Luther mit der Reformation nach Augsburg.

Wie ein Krimi hört sich diese Geschichte an. Zwei Putten, vor 500 Jahren vom Bildhauer Hans Daucher für die Fuggerkapelle angefertigt, tauchen plötzlich auf dem Kunstmarkt auf. Bislang war man immer davon ausgegangen, dass der Bildhauer insgesamt sechs angefertigt hatte, um die Fuggerkapelle in der St.-Anna-Kirche zu verzieren. Fünf Original-Putten waren noch erhalten, nun war man mit dem Umstand konfrontiert, dass es sieben waren. Ein Rätsel, das umso fantastischer anmutet, als dass es 500 Jahre nach der Einweihung der Fugger-Kapelle ans Licht kommt.

Ebenso wendungsreich wie dieser Kunst-Krimi um die Putten ist die Geschichte der Fuggerkapelle, für die sie angefertigt worden waren. Gemeinhin sagt man ja immer, dass dieser Kircheneinbau in der St.-Anna-Kirche der erste Renaissance-Bau nördlich der Alpen sei, ein künstlerisches Kleinod, der Anbruch eines neuen Kunststils, das Zeichen eines Epochenwechsels. Wer sie sich ansieht, bemerkt es schnell: antikisierende Rundbögen im Westchor, Marmor als Hauptmaterial, ein neuer künstlerischer Zugriff, der starke Anleihen an die venezianische Kunst der Zeit hat.

Albrecht Dürer hat an der Gestaltung der Fuggerkapelle mitgewirkt

Christoph Emmendörffer, der Leiter des Maximilianmuseums, ist mit der Geschichte der Fuggerkapelle bestens vertraut, auch, weil er sich wegen der beiden Putten, die nun mit den anderen fünf im Maximilianmuseum zu sehen sind, intensiv mit der Entstehungsgeschichte auseinandergesetzt hat. Er bestätigt, dass Albrecht Dürer an Entwürfen für die Kapellen-Gestaltung mitgewirkt hat. Mit ihm werden Adolf und Hans Daucher, Hans Burgkmair, Jörg Breu der Ältere und Hans Hieber als weitere Künstler genannt.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Warum haben die Fugger diese prächtige Kapelle bauen lassen, für die sie damals noch mehr Geld ausgaben als für den Bau der Fuggerei, also ein Vermögen? Damals gehörten die Kaufleute schon zu den Größten in Augsburg, allerdings verwehrten ihnen die Augsburger Patrizier den Aufstieg in den reichsstädtischen Adel. Kaiser Maximilian, zu dem die Fugger enge Handelsbeziehungen unterhielten, erhob die Augsburger Kaufleute bereits 1511 in den Adels- und 1517 in den Reichsgrafenstand, aber davon ließen sich die anderen Augsburger Patrizier-Familien nicht beeindrucken. Sie blieben stur.

Alle männlichen Nachkommen sollten in der Kapelle bestattet werden

Also wollten die Fugger in Augsburg unterstreichen, welcher soziale Rang ihnen eigentlich zustehe. „Sie wollten zur Führung der Stadtgesellschaft gehören“, sagt Emmendörffer. Also schufen sie sich mit der Stiftung der Fuggerkapelle eine Familiengrablege, die dies weithin deutlich machen sollte. Alle männlichen Nachkommen sollten fortan dort bestattet werden. Als Ort suchten sie sich dafür St. Anna aus, damals noch katholische Klosterkirche. Sie einigten sich mit den Mönchen, die Anna-Kirche zu erweitern – um die Fugger-Kapelle. In der Stiftung war auch festgelegt, dass die Mönche im Gegenzug regelmäßig Messen für die Fugger lesen sollten.

Wie kunstvoll die Fuggerkapelle ist, zeigt auch ein Blick nach oben auf das Gewölbe des Daches.
Bild: Eckhart Matthäus

Die ersten Planungen gehen auf das Jahr 1506 zurück. 1509 wurde ein Vertrag zwischen Karmeliterkloster und den Fuggern unterzeichnet, 1512 war der Bau am neuen Westchor abgeschlossen, woraufhin die künstlerische Ausgestaltung begann. Offiziell eingeweiht wurde die Kirche am 17. Januar 1518 – ein Prachtbau, in dessen Gruft erst einmal Jakob Fuggers Brüder Georg (gestorben 1506) und Ulrich (gestorben 1511) bestattet wurden. Jakob lebte noch.

Sechs Putten von Hans Daucher zierten die Balustrade

Ein Problem gab es bei der Abgrenzung der Kapelle in den Altarraum. Der Bildhauer und Rothschmied Peter Vischer aus Nürnberg war beauftragt, ein prächtig verziertes Abschlussgitter für die Kapelle zu erschaffen. Aber 1518 war es noch nicht fertig. Also behalf man sich, wie Emmendörffer erzählt, erst einmal mit einer Notlösung – einer Steinbalustrade. Und Achtung, jetzt kommen die Putten in der Geschichte der Fuggerkapelle ins Spiel. „Nackt“ sollte diese Balustrade nicht sein, also setzte man dort sechs Putten des Bildhauers Hans Daucher darauf.

Bis hier lief alles nach Plan, dann allerdings trat ein Mönch aus Wittenberg auf den Spielplan der Weltgeschichte. Nur Monate nach der Einweihung der Fuggerkapelle hielt sich Martin Luther in Augsburg auf – in den Fuggerhäusern verhandelte er mit dem päpstlichen Legaten Cajetan. Untergebracht war Luther bei den Karmelitern von St. Anna. Dort fielen seine reformatorischen Gedanken zuallererst auf fruchtbaren Boden – also bei den Mönchen, mit denen die Fugger in ihrer Stiftung handelseinig geworden waren.

Die Mönche fühlten sich nicht mehr an die Stiftung gebunden

Im Jahr 1521 errichtete Jakob Fugger die Stiftung der Fuggerkapelle gemeinsam mit der Stiftung der Fuggerei und der Prädikatur bei St. Moritz, wobei die Fuggerkapelle von den drei Stiftungen am besten ausgestattet war.

Auf der Balustrade vor der Kapelle sitzen die Daucher-Putten.
Bild: Eckhart Matthäus

Emmendörffer erzählt, dass aber schon kurze Zeit später die Mönche von St. Anna, die mit den Gedanken und Ideen Martin Luthers konform gingen, sich nicht mehr an die Stiftung gebunden fühlten. Woraufhin Jakob Fugger alle Zahlungen an die Karmeliten einstellte. Aber das störte die Mönche nicht und brachte sie nicht von dem neu eingeschlagenen Weg ab.

Der Konvent wurde zur Keimzelle der Reformation

Der Prior des Konvents, Johannes Frosch, schloss sich der Reformation an, legte 1523 sein Amt nieder, trat 1525 aus dem Orden aus und wurde getraut. Die Mehrzahl der Mönche folgte diesem Beispiel, sodass die Klosterräume schon 1530 weitgehend leer standen.

Alles hatten die Fugger bei der Stiftung ihrer Familiengrablege genau bedacht, die besten Künstler waren beauftragt, der Anspruch war gewaltig – nur eines konnten sie nicht voraussehen, dass ausgerechnet dieser Ort und dieser Konvent zur Keimzelle der Reformation in Augsburg wurden.

Die Fugger investierten nicht weiter in die Kapelle

Dies alles ist wichtig, um Emmendörffers Theorie von den sechs Daucher-Putten zu verstehen. Drei von ihnen tragen einen Lorbeerkranz und stehen damit für Emmendörffer für die drei Fugger-Brüder. Allerdings lebte 1521 Jakob Fugger noch. Deshalb vermutet Emmendörffer, dass es diesen siebten Daucher-Putto gegeben hat, der als Platzhalter bis zum Ableben Jakob Fuggers in der Kapelle stehen sollte.

Dann kam die Reformation mit aller Macht. Fugger stornierte das Gitter bei dem Nürnberger Rothschmied Vischer, er investierte nicht weiter in die Kapelle. Woraufhin die Stadt Nürnberg das Kunstwerk von Vischer für das Rathaus erwarb. Im frühen 19. Jahrhundert wurde dieses Gitter nach Frankreich verkauft, heute sind nur noch einige wenige Teile davon erhalten, wie Emmendörffer weiß.

Nur mit Sondergenehmigungen waren die Bestattungen möglich

Eine Woche vor Jakob Fuggers Tod, am 25. Dezember 1525, fand erstmals in Augsburg in der St. Anna-Kirche eine evangelische Abendmahlsfeier statt. Jakob Fugger wurde in seiner Kapelle bestattet, aber das Pendel in der Stadt schlug immer weiter zugunsten der Reformation aus. „Die Auseinandersetzung in der Stadt und auch mit dem Rat der Stadt wurde schärfer“, sagt Emmendörffer. Schon Jakob Fuggers Neffen Raymund (1535) und Hieronymus (1538) konnten nur noch mit Sondergenehmigungen in der Fuggerkapelle bestattet werden. Von da an diente die Fuggerkapelle nicht mehr als Familiengruft. Allerdings wurden die Fugger im Sterbejahr von Hieronymus als Patrizier in den reichsstädtischen Adel Augsburgs aufgenommen.

Emmendörffer vermutet, dass wegen der schwierigen Situation keinerlei Veränderungen mehr an der Fuggerkapelle vorgenommen worden sind. Deshalb sei der Jakob-Fugger-Putto mit dem Lorbeerkranz auch nicht mehr auf der abgrenzenden Steinbrüstung angebracht worden.

Das Chorgestühl wurde herausgerissen

Der Altar, der heute wieder in der Fuggerkapelle zu sehen ist, wurde 1581 in die neu gebaute Markuskirche der Fuggerei übertragen. Schweren Schaden richtete die evangelisch-lutherische Anna-Gemeinde im Zug des Reformationsjubiläums 1817 an, wie Emmendörffer sagt. „Das drei Meter hohe Chorgestühl wurde herausgerissen, die Balustrade mit den Putten entfernt.“ 1821 wurden diese Kunstgegenstände den Fuggern übergeben. Auf der Liste von damals sind sechs Putten-Figuren erwähnt.

Das 20. Jahrhundert sollte wieder Besserung bringen. 1921/22 kam es zu Renovierungsarbeiten an der Fuggerkapelle, die den alten Zustand vor 1817 wieder herstellen sollten. In diesem Zug wurde auch der Altar von der Markuskirche wieder zurück an seine ursprüngliche Stelle gebracht, allerdings um 180 Grad gedreht. Und die Putten kehrten wieder zurück, allerdings waren da nur noch fünf Original-Stücke vorhanden. Ein sechster Putto wurde als Kopie angefertigt. Heute sind in der Kapelle nur noch Nachbildungen zu sehen, die fünf Originale und die beiden Neuerwerbungen werden im Maximilianmuseum ausgestellt.

Und die Fugger? Die Nachfahren von Georg, Ulrich und Jakob feiern heute mindestens ein Mal im Jahr einen katholischen Familiengottesdienst in der St. Anna-Kirche, wie Wolf-Dietrich Graf von Hundt, der Administrator der Fugger-Stiftungen berichtet – die Stiftung der Kapelle hat die Umbrüche, die die Reformation mit sich brachte, überdauert. Deshalb gibt es in der evangelischen Anna-Kirche die katholische Fuggerkapelle.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren