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07.09.2019

Konrad Oberländers Schule des Sehens

Der Künstler und Galerist Konrad Oberländer war besessen von Kunst. Hier ist er im Rahmen seiner letzten Einzelausstellung zu sehen, die im Februar und März dieses Jahres im Rathausfoyer Stadtbergen gezeigt wurde.
Bild: Marcus Merk

Konrad Oberländer, Galerist mit unbestechlichem Blick, ist tot. Über Jahre hinweg prägte er als national beachteter Ausstellungsmacher das Kunstgeschehen.

Oh ja, er war eine schwierige, eine kantige, eine schroffe Person. Auch Menschen, die ihm wohl wollten, auch Menschen, die ihm Schwestern und Brüder waren im Geiste, konnte er kräftig über den Mund fahren, anherrschen. Erschien ihm eine Bemerkung von Unkenntnis angekränkelt, entfuhr ihm der schiere Ärger. Und nicht jeder wollte sich dem regelmäßig aussetzen.

Aber er war eben nicht nur eine schwierige, kantige, schroffe Person. Er war auch eine Persönlichkeit, noch dazu von Moral. Zu ihm als Juristen gehörten auch Gerechtigkeitssinn und Hilfsbereitschaft – vom gastlichen Hause, das er zusammen mit seiner liebenswürdigen Frau Irene, auch einer Juristin, pflegte, einmal ganz abgesehen.

Konrad Oberländer lebt, feiert, schimpft, lobt, urteilt nicht mehr

Geistvolle Gespräche und künstlerische Debatten kamen beiden immer gelegen. Dann ging es lang. Dann floss der Wein.

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Das ist nun nicht mehr in dieser Form. Die Kunstszene Augsburgs, in seiner Spitze eh nicht überschäumend, hat wenige Monate nach dem allzu frühen Tod der wunderbaren Künstlerin Burga Endhardt einen weiteren schweren Schlag zu verkraften: Konrad Oberländer lebt, feiert, schimpft, lobt, urteilt nicht mehr. Und damit fehlt nicht weniger als eine Instanz auch auf Landes- oder Bundesebene.

Er war Jurist, Personalvertreter, SPD-Mitglied, ein hervorstechender Zeichner

Was alles war dieser Konrad Oberländer in seinem am 17. Januar 1938 südlich von Budapest begonnenen und 2019 am 4. September in Augsburg, Uniklinikum, geendeten Leben! Er war Jurist, er war Personalvertreter, er war SPD-Mitglied, er war einmal BBK- und „Ecke“-Vorstand, er war Fußballfan, er war ein hervorstechender Zeichner und Augsburger Kunstförderpreisträger, er war Buchhändler – und zwar ein Buchhändler für schöne, gute, halt bibliophile Publikationen –, er war ein großer Leser, er war ein national beachteter und respektierter Ausstellungsmacher, er war Galerist.

Er war besessen von der Kunst.

Deutsche Ateliers abgeklappert und bedeutende Arbeiten eingesammelt

Und weil Konrad Oberländer besessen war, profitierten in Augsburg, ja im gesamten süddeutschen Raum die, die die Kunst lieben. Zwischen 1984 und 2001 kamen, reisten sie zur „Nationalen der Zeichnung“ in Augsburg – eine maßstabsetzende Ausstellungsreihe für Arbeiten auf Papier – jeweils aktuell den „state of the art“ spiegelnd. Im Vorfeld hatten Konrad Oberländer und seine Frau jeweils deutsche Ateliers abgeklappert und bedeutende Arbeiten zu Ausstellungszwecken eingesammelt – durchaus auch Tipps und Hinweise auf beachtenswerte Künstler(innen) annehmend.

So kam eine beachtete Leistungsschau deutscher Zeichner zustande – nicht in Berlin oder Düsseldorf oder Köln, sondern in Augsburg, zuletzt in der Toskanischen Säulenhalle! Dass dabei die dritte Auflage 1986 den Titel „Der bedrohte Mensch“ trug und die elfte 1996 die Überschrift „Bildnis – Schädel – Maske“, umreißt signifikant eine künstlerische Überzeugung Oberländers: Dass vor allem der Mensch und das Existenzielle im Mittelpunkt der Kunst stehen sollten. Und so unterhielt er diesbezüglich geradezu eine „Schule des Sehens“, eine Anstalt ästhetischer Bildung.

Kunst, die mehr wollte, als nur ansprechen

Und dieses natürlich auch als Ganzjahresgalerist, als der er insbesondere ein Auge warf auf eigenständige, eigenwillige Kunst abseits des gefälligen Mainstreams. Wer Oberländer besuchte, ob in seiner Galerie im Färbergässchen in der Nähe des Königsplatzes oder später in Leitershofen, der wurde regelmäßig mit Kunst konfrontiert, die mehr, viel mehr wollte als nur ansprechen. Sie wollte nicht selten den Finger in die Wunde halten.

Vielleicht war dies sein größter Verdienst neben vielen Ausstellungen bekannter Künstler: Dass er den noch jungen Bildhauer Dietrich Klinge nach dessen elfjährigem Studium früh entdeckte, präsentierte und durch Galeristen- (aber nicht Kunsthändler-)Arbeit förderte, genauso wie den in Augsburg tätigen Harry Meyer. Und zwar zu einer Zeit, als es noch üblich war, über Kunst- und Qualitätskriterien und über Gründe eines eventuellen Misslingens zu sprechen.

Seine ästhetische Anschauung war unbestechlich

Genau das bedauerte Konrad Oberländer nämlich in seinen letzten Jahren, die von mehreren Krankheiten und einhergehenden Beschwerden tief gezeichnet waren: Dass junge Künstler nicht mehr bereit seien, darüber zu debattieren – um Vorteil daraus zu ziehen.

Nun ist Konrad Oberländer, dieses Original, gestorben. Seine ästhetische Anschauung war unbestechlich. Sein Denken, seine Auffassungsgabe waren schon zu seinen Lebzeiten Mangelware. Die Kunst und ihre Anhänger haben allen Grund zu trauern.

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