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Kultur im Lockdown

06.03.2021

Kreativität im Lockdown: Wie geht es Künstlern aus der Region?

Maximilian Prüfer 2019 bei einer Ausstellung in der Schwäbischen Galerie in Oberschönenfeld.
Foto: Marcus Merk (Archiv)

Plus Nur zu Hause, kaum Austausch, wenig Begegnung mit dem, was für Inspiration sorgt: Wie geht es Künstlern damit? Vier Betroffene erzählen.

Es ist so eine Sache mit der Kreativität. Viele Künstler können auf Nachfrage gar nicht genau erklären, woher ihre Ideen eigentlich kommen. Sie kommen eben einfach, alles kann zur Inspirationsquelle werden. Doch wie sieht das derzeit aus, wo es keine Interaktionen in gewohnter Form und Menge gibt, keine Nachmittage im Café, keine Abende in der Bar? Wie inspirierend ist die eigene Wohnung, wenn man über Monate kaum etwas anderes sieht?

Maximilian Prüfer ist Künstler in Augsburg und lebt seit knapp sieben Jahren ausschließlich von seinem künstlerischen Schaffen. Er weiß, dass die Situation für viele seiner Kollegen ein wahr gewordener Albtraum ist. Trotzdem: „Ich finde, die Pandemie bietet auch Chancen – so hart es klingt.“ Man könne sich viel stärker auf offenstehende Möglichkeiten fokussieren, darauf, was wirklich wichtig sei.

„Im Prinzip selektieren die Corona-Maßnahmen den Horizont. Das gibt die Möglichkeit, zu entschleunigen und anders auf die Dinge zu blicken.“ Er selbst habe nicht festgestellt, dass er in den vergangenen Monaten weniger kreativ gewesen sei, ganz im Gegenteil. Schon lange habe er nicht mehr so gute Arbeiten geschaffen wie im Jahr 2020. „Natürlich habe ich auch Angst. Aber ich will mich nicht dem Sumpf hingeben und runterziehen lassen. Ich versuche einfach das Beste und lege darum wahnsinnig viel Konzentration in jede einzelne Arbeit.“ Aktuell arbeitet Prüfer parallel an einem digitalen und an einem analogen Projekt.

Der Corona-Lockdown war für Regisseurin Gianna Formicone nicht unproduktiv

Ähnlich ging es der freien Regisseurin Gianna Formicone. Für sie sei das Jahr 2020 nicht unproduktiver gewesen als die vorherigen, erzählt sie. „Im ersten Lockdown war es schon komisch, auf einmal nichts mehr machen zu können.“ In dieser Zeit habe sie ihren kleinen Garten genutzt und viel in der Sonne gelegen. „Da habe ich meinen Gedanken wirklich freien Raum gegeben und darüber nachgedacht, wie mich die Situation betrifft – und über das Thema Kontakte ist letztlich im September das Stück ,Contact(less)‘ entstanden.“ Ihre Kreativität und Inspiration habe Corona nie wirklich beeinträchtigen können.

Die Regisseurin Gianna Formicone
Foto: Gianna Formicone

Auch die Kinderbuchautorin und -illustratorin Daniela Kulot hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Für sie seien zwar durchaus Begegnungen sehr inspirierend. Trotzdem habe sie sich durch den Lockdown nicht in ihrer Kreativität eingeschränkt gefühlt. „Ich bin jetzt mehr im Internet unterwegs, auch da finde ich viel Inspiration“, erzählt sie. Sei sie vor Beginn der Pandemie oft abends mit Freunden unterwegs gewesen, habe sie jetzt eben mehr Zeit, sich online die Werke anderer Künstler anzuschauen und davon inspirieren zu lassen.

Sie habe jetzt viel Ruhe mit sich selbst, viel mehr Muse, sei nicht abgelenkt. Besonders kreativ sei sie in der morgendlichen Halbschlafphase und bei Spaziergängen in der Natur, von denen sie jetzt besonders viele mache. Und nicht zuletzt helfe auch ihr Umfeld: „In dem Atelierhaus, in dem ich arbeite, sind auch andere Künstler eingemietet. Das schafft diese gewisse kreative Atmosphäre, die für mich sehr wichtig ist."

Daniela Kulot in ihrer Schreib- und Malwerkstatt.
Foto: Daniela Kulot

Saxofonist Jan Kiesewetter probt während des Corona-Lockdowns mit einem Schlagzeuger

Auch dem Saxofonisten Jan Kiesewetter tut der Kontakt zu anderen Musikern gut. Aktuell trifft er sich regelmäßig mit einem Schlagzeuger, um gemeinsam zu proben. Trotzdem geht ihm das Spielen auf der Bühne ab: „Der Kontakt zum Publikum fehlt gerade einfach, der Austausch mit den Zuschauern und unter den Musikern selbst.“ Kontakt zu ihrer Zielgruppe hat Daniela Kulot normalerweise bei Lesungen. Zwar ist deren Zahl mit 20 bis 40 im Jahr eher überschaubar. Es sei aber trotzdem immer schön und vor allem hilfreich, direkte Reaktionen auf ihre Bücher zu bekommen, erzählt die Autorin.

Jan Kiesewetter konnte trotz des Lockdowns weiter künstlerisch kreativ bleiben.
Foto: Mercan Fröhlich

Dem Saxofonisten Jan Kiesewetter dagegen, der häufig in seinem Spiel improvisiert, hat, so klagt er, in letzter Zeit die Inspiration gefehlt. „Viele Quellen, die Kreativität fördern, sind gerade einfach nicht da. Zudem fehlt mir die Perspektive: Niemand kann sagen, wie lange es noch so sein wird. Da fragt man sich schon mal, warum man überhaupt etwas machen soll.“ Natürlich schaffe man Kunst auch für sich selbst; doch die Idee bei einem Musiker sei ja die Präsentation der eigenen Schöpfungen.

Aber, sagt Kiesewetter, es gebe immer wieder Zeiten, in denen es mit der Inspiration nicht klappe, das sei ganz normal und werde sich bestimmt auch wieder ändern. „Jede Situation kann inspirierend sein, auch ein Lockdown.“ Immerhin, ganz auf Kontakt verzichten musste der Musiker nicht: Die Hälfte seiner Einnahmen stammt aus dem Saxofon-Unterricht, den er – natürlich online – weiterhin gegeben hat.

Ganz auf Kontakt verzichten musste der Musiker trotz des Corona-Lockdowns nicht

Für Gianna Formicone war wegen der fehlenden Perspektive insbesondere der November eine schwierige Zeit. Denn normalerweise stünden eigentlich schon im Mai die Projekte des kompletten darauffolgenden Jahrs fest, während sie im vergangenen November gerade einmal bis zum März vorplanen konnte. „Im ersten Lockdown wusste man ja noch nicht, wie lange das Ganze dauern würde, da war ich noch entspannt. Im Winter hat dann zeitweise einfach die Perspektive gefehlt.“ Doch das habe sich geklärt.

Inzwischen ist ihr Kalender wieder gut gefüllt, viele der Projekte sind allerdings, wie auch schon im vergangenen Jahr, digital. „Ich bin digital nicht besonders erfahren“, sagt Formicone. „Aber es waren spannende neue Erlebnisse, und ich bin froh, dass es diese Möglichkeit für uns gibt. Mit dem Film ,Heldin Nummer 0‘ für das Brechtfestival oder dem Audiowalk für das Junge Theater Augsburg sind bereits zwei quasi digitale Arbeiten entstanden.“ Sie lasse sich von der Situation nicht runterziehen. „Ich war schon immer ein positiver Mensch. Natürlich habe ich auch Tiefpunkte, aber die versuche ich wegzukriegen. Ich mag es lieber, wenn es mir gut geht.“

Dazu gehört bei ihr insbesondere ein geregelter Tagesablauf. Als Selbstständige hat sie sich sowieso bereits an einen gewissen Rhythmus gewöhnt. Doch auch die Fähigkeit, sich eine schöne Zeit zu machen, hat ihr geholfen. „Ich leide natürlich total darunter, dass man so wenige Menschen sehen darf. Meine Familie wohnt in Italien, darum sind meine Freunde hier meine Familie.“ Doch sie mache es sich schön, gehe so oft es möglich sei nach draußen in die Sonne, koche sich etwas Gutes, tanze in ihrer Wohnung. „Das gibt mir dann auch wieder Schwung und gute Laune.“ Und das fördert ja auch bekanntlich die Kreativität.

Um die Situation von Künstlern im Lockdown geht es auch in einer Folge unseres Podcasts "Augsburg, meine Stadt". Jetzt reinhören:

 

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