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Oper-Premiere

17.03.2014

„Pelléas et Mélisande“: Das blaue Kleid behält sie bis zuletzt

Als Mélisande (Cathrin Lange) schon stirbt, dringt Golaud (Dong-Hwan Lee) noch immer in sie: Ist es zwischen seinem Bruder und ihr zum Äußersten gekommen?
Bild: A.T.Schaefer/Theater Augsburg

Ein Mann nimmt eine junge Frau zu sich, doch die folgt ihrem eigenen Gefühl und liebt einen anderen. Das Theater Augsburg setzt „Pelléas et Mélisande“ als Drama einer Selbstbehauptung in Szene.

Familie kann ein ungemütlicher Ort sein, manchmal eine regelrechte Hölle. Ende des 19. Jahrhunderts begann man, unter den Mantel des bis dahin tunlichst Verschwiegenen zu blicken. Auch Maurice Maeterlinck streift das Thema in seinem Drama „Pelléas et Mélisande“ (1893), in dessen Vordergrund eine Eifersuchtstragödie steht. Die Regisseurin Yona Kim schält nun in einer Neuinszenierung den thematischen Strang der prekären Familie heraus aus dem Stück und verknüpft es mit dem Motiv weiblicher Selbstbehauptung. Am Theater Augsburg hat sie sich „Pelléas et Mélisande“ vorgenommen – nicht das Schauspiel, sondern die gleichnamige Oper von Claude Debussy, welche Maeterlinck einst nach dem Wortlaut vertonte.

Heikle Sippschaftsverhältnisse geraten ins Wanken, wenn Außenstehende hinzutreten. Vor allem, wenn sie nicht ins System passen. Als Golaud erstmals auf Mélisande trifft, wirkt die junge Schönheit wie eine Spätheimkehrerin von einer Party in ihrem leuchtend blauen Kleid – der pure Gegensatz zu den cremefarbenen Tönen, die bei Golaud und seiner Familie vorherrschen. Mélisande wird, als sie seine Frau wird, ihren Kleidungsstil dem seinen anpassen; doch unter der konservativen Rock-und-Blusen-Kombi behält sie stets ihr blaues Kleid. Sie trägt es auch, als sie stirbt, Zeichen dafür, dass sie sich nicht hat deformieren lassen.

Für die Sphäre, in die Mélisande durch die Verbindung mit Golaud eintritt, hat Bühnenbildner Christian Schmidt ein einheitliches Setting geschaffen, ein großbürgerliches, gewollt steriles Interieur mit Anklängen ans Fin de Siècle, doch mit der nötigen Offenheit für zeitlich-örtliche Allgemeingültigkeit (Gleiches gilt für die Kostüme von Saskia Rettig). Das Geschehen spielt sich wesentlich in diesem einen Raum ab, Szenen in freier Natur, wie bei Maeterlinck, gibt es in dieser Inszenierung nicht: Sinnbild der Enge. Selbst die Brunnen, die in „Pelléas“ eine so bedeutsame Rolle spielen, gründen hier gleich neben Palme, Esstisch und Liegesofa.

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Allerdings erfährt diese Großbürgerstube immer wieder eine Weiterung in den Rückraum der Bühne. Wenn die Jalousie hochfährt, tut sich neuerlich ein Zimmer auf, das jedoch ein Spiegel des Innenlebens der handelnden Figuren ist: ihrer Erinnerungen, Träume, Ängste. Mélisande etwa sieht dort einmal, was ihrer Liebe zu Golauds jüngerem Halbbruder Pelléas entgegensteht: die Familie in Gestalt von Golaud, seiner Mutter Geneviève und seinem Großvater Arkel.

Eine unheimliche Gesellschaft

Regisseurin Kim zeigt diese Familie als seelisch Deformierte. Dem Patriarchen Arkel muss man, so, wie er auftritt, Missbrauch zutrauen. Seine Tochter Geneviève fröstelt permanent, Yniold, der kleine Sohn aus Golauds erster Ehe, ist nicht nur Opfer der psychischen Zudringlichkeit seines Vaters, sondern trägt auch Züge eines verschlagenen Charakters. Golaud wiederum gibt den Druck, den er gewiss einst selbst im Familiengefüge erfuhr, an andere weiter. Er versucht, Mélisande nach seinem Bilde zu formen (was misslingt), wird gewalttätig und am Ende zum Mörder an Pelléas, indirekt auch an seiner Frau. Doch Mélisandes Beharren auf Selbstbestimmtheit obsiegt – in Gestalt ihrer Tochter. So jedenfalls ließe sich das letzte Bild deuten, das eine wiedererstandene Mélisande zeigt, im blauen Kleid.

Die Inszenierung verzichtet auf Drastik. Wenn Golaud drohend Pelléas in den Brunnen blicken lässt, ist das bei Yona Kim weit entfernt von der Schauerlichkeit, die Maeterlinck und Debussy im Sinn hatten. Die latente, streckenweise offensichtliche Grausamkeit des Geschehens steht auch bei der musikalischen Realisation eher im Hintergrund. Kapellmeister Roland Techet, der mit „Pelléas“ seine erste Opernpremiere in Augsburg vorlegt, setzt vor allem in der ersten Hälfte des Abends ganz auf ein weiches, fließendes, gemeinhin als „impressionistisch“ erachtetes Klangbild. Manchmal wünschte man sich da mehr Trennschärfe. In den beiden letzten Akten jedoch zieht Techet die Zügel an, lässt die glänzend aufgelegten Augsburger Philharmoniker drangvoller, spannungsreicher artikulieren. Packend sind die Zwischenspiele geraten.

Mit Giulio Alvise Caselli und Cathrin Lange sind die titelgebenden Rollen sängerisch und darstellerisch hervorragend besetzt. Der Bariton bewegt sich so agil wie unangestrengt auch in hoher Lage, gibt zudem dem Pelléas die Kontur eines leidenschaftlich Entflammten; während die Sopranistin als Mélisande endlich einmal zeigen kann, dass sie Stimm- und Gestaltungspotenzial auch für große Partien besitzt. Dong-Hwan Lees Ausdruckskraft im Lyrischen ist erneut allen Lobes wert – man höre nur seine Mezza- voce-Reue am Ende der Oper. Dass man sich Golaud auch dunkler, getriebener vorstellen könnte, fällt nicht entscheidend ins Gewicht. Die ausgezeichnete Ensemble-Leistung wird komplettiert von Vladislav Solodyagin, zu dessen Bass-Gewalt sich Prägnanz gesellt. Die Gäste schließen sich nahtlos an: Jennifer Arnold überzeugt als Geneviève, Jan Enderle, Knabensolist der Augsburger Domsingknaben, intoniert feinfühlig und zeigt den Yniold auch im Bühnenspiel als belastetes Gemüt.

Musikalisch wie szenisch also ein „Pelléas“, mit dem das Theater Augsburg einem zentralen Werk der Opern-Moderne eine stimmige Reverenz erweist.

Wieder am 20., 28. und 30. März

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