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Schneechaos in Bayern

11.01.2019

1979, 1999, 2019: Warum jährt sich der Extrem-Winter alle 20 Jahre?

Winter 2019: Balderschwang im Oberallgäu. Karl Traubel schaufelt Schnee. Am Wochenende wohl wieder und dann wieder...
Bild: Ralf Lienert

Plus Vor 40 Jahren versank Deutschland im Schnee, vor 20 Jahren auch, jetzt wieder. Über trübe Aussichten, verblüffende Parallelen und einen kuriosen Zufall.

Es wird doch irgendwann wieder aufhören!? Dass Autofahrer stundenlang in ihren Fahrzeugen festsitzen. Dass hunderte Helfer tagelang auf Dächern balancieren, um diese von ihrer Tonnenlast zu befreien. Dass Landwirte Pflegekräfte auf ihren Traktoren chauffieren, weil sonst Patienten nicht mehr versorgt werden können. Es wird doch irgendwann wieder aufhören zu schneien!?

Dieser Freitag erweckt zunächst den Anschein. Der Tag erwacht in schönsten Winterfarben, vor allem erwacht er niederschlagsfrei. Bis der Himmel zuzieht und der „Winter-Wahnsinn“, wie der Boulevard das inzwischen nennt, das nächste Kapitel aufschlägt. Und der Deutsche Wetterdienst die nächste Unwetterlage für Sonntag ankündigt.

Welches Etikett man diesem Winter anhängen soll – Rekordwinter, Extremwinter, Irgendwaswinter –, wird man erst in ein paar Monaten sagen können. Die Jahreszeit ist ja noch jung. Einigen wir uns auf die Feststellung: Dies ist ein besonders heftiger und schneereicher Winter. Und schicken wir eine zugegeben ziemlich kühne Frage hinterher: Kann es sein, dass es sie alle 20 Jahre gibt, die besonders heftigen und schneereichen Winter?

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Wer die Wetterstatistik betrachtet, könnte jedenfalls auf diesen Gedanken kommen. 1978/79 rollt zum Jahreswechsel von Norden eine ungewöhnliche Kältewelle auf Deutschland zu. 20 Jahre später, im Winter 1998/99, versinkt der Alpenraum im Schnee – mit schlimmen Schäden und einem Lawinen-Drama in Galtür (Tirol), das 31 Menschen das Leben kostet. Nochmals 20 Jahre später sind wir im Hier und Jetzt, und wieder kämpfen die Menschen vor allem in Oberbayern, aber auch im Allgäu gegen enorme Schneemassen.

Nein, um es gleich offen zu sagen, der 20-Jahre-Zyklus folgt keiner Gesetzmäßigkeit. Es ist schlicht und einfach Zufall. Und doch wird, vor allem bei älteren Menschen, in diesen Tagen der ein oder andere Gedanke wach an die Winter vor 20 und 40 Jahren.

Extrem-Winter 1979: Als die Ferien um eine Woche verlängert wurden

Michael Lucke beispielsweise, Chef des Energieversorgers AÜW in Kempten, erinnert sich noch gut an den Jahreswechsel 1978/79. Der aus Norddeutschland stammende Wahl-Allgäuer lebt damals mit seinen Eltern in Oldenburg. Der kleine Michael ist neun, als die Kältewelle kurz vor Silvester über Norddeutschland zieht. „Im Garten hatten wir riesige Schneeverwehungen, zwei bis zweieinhalb Meter hoch“, erzählt der heute 49-Jährige. Da hätte man vom Balkon reinspringen können, erzählt Lucke. Und wir reden von Norddeutschland.

Er hat alle drei Extremwinter hautnah erlebt: Michael Lucke, Chef des Energieversorgers AÜW in Kempten.
Bild: Martina Diemand

Die Mutter hat damals Angst, dass den Kindern draußen etwas passiert. Höhlen hätten sie in den Schnee gebaut, berichtet Lucke, und sich über die ungewöhnlich großen Schneemengen gefreut. „Mein Vater hat damals in Cloppenburg gearbeitet. Ich weiß noch, dass er abends mit dem Auto nicht mehr nach Hause fahren konnte.“ Wegen der katastrophalen Straßenverhältnisse seien die Weihnachtsferien um eine Woche verlängert worden.

Meteorologisch ist die Sache schnell erklärt: Zwischen hohem Luftdruck über Skandinavien und einem Tief über dem Rheinland hat sich eine ungewöhnlich scharfe Luftmassengrenze über der Ostsee gebildet. Nördlich davon ist es eisig kalt, es stürmt und schneit über Dänemark und Norddeutschland, im Rheinland gießt es bei plus zehn Grad wie aus Kübeln, in Baden- Württemberg und Bayern ist es frühlingshaft mild.

Winter 1979: Zwei Männer graben sogar in Schleswig-Holstein ein Auto aus den Schneemassen.
Bild: Georg Spring, dpa

Am 30. Dezember 1978, einen Tag vor Silvester, rauscht die Kaltfront nach Süden bis zu den Alpen. Nord- und Ostdeutschland sind da bereits im Schnee versunken. 150 Ortschaften sind von der Außenwelt abgeschnitten, Strom- und Telefonnetze fallen aus. Wegen des Sturms können keine Hubschrauber fliegen, die meisten Straßen sind wegen der Verwehungen nicht mehr passierbar. Panzer von Bundeswehr und nationaler Volksarmee versuchen, zu stecken gebliebenen Autos und Zügen vorzudringen. In der Bundesrepublik sterben 17 Menschen in der Kälte, in der DDR sind es nach offiziellen Angaben fünf.

Winfried Stöber, heute 65, ist an diesem Tag mit seinem VW-Käfer nahe Hannover unterwegs. „Das waren so enorme Schneeverwehungen, wie ich sie später nie mehr gesehen habe“, erzählt der Rentner aus Wuppertal. Der damals 25-Jährige will von seinem Arbeitsplatz in Hannover zu seiner Schwester in Luthe fahren.

Die Extremwetterlage zum Jahreswechsel, so erklärt es später der Deutsche Wetterdienst, leitet einen langen, kalten und schneereichen Winter in weiten Teilen Europas ein. Lange liegt selbst in der norddeutschen Tiefebene und im sonst so milden Rheinland eine geschlossene Schneedecke.

Winter 1999: Erst kam der viele Schnee, Monate später dann das Pfingsthochwasser 

20 Jahre später spitzt sich die Lage wieder massiv zu, diesmal im Alpenraum. Ab dem 20. Januar kommt es über dem Nordatlantik immer wieder zu heftigen Stürmen, die Niederschlagsgebiete gegen die Alpen drücken. Es schneit tagelang, wochenlang. Bis zum 23. Februar gibt es beispielsweise im Raum Galtür im Tiroler Paznaun etwa vier Meter Neuschnee. Es herrscht Lawinengefahrenstufe fünf – die höchste, die es gibt.

5000 Urlauber halten sich an jenem 23. Februar 1999 in Galtür auf. Der Ort ist von der Außenwelt abgeschnitten, aber das ist nicht so ungewöhnlich im hinteren Paznaun. Einheimische und Urlauber werden seit Tagen aus der Luft versorgt. Die Katastrophe nimmt um 16 Uhr ihren Lauf. Zwischen Grieskopf und Grieskogel löst sich eine riesige Lawine und donnert ins Tal. Die Schneemassen dringen bis in den Ortskern vor. Häuser werden zerstört und 50 Menschen verschüttet. Experten berechnen später, dass wohl an die 300.000 Tonnen Schnee mit einer Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern zu Tal gestürzt sind. 31 Menschen überleben das Drama nicht. Rettungskräfte können erst am folgenden Tag per Hubschrauber nach Galtür geflogen werden.

Verheerende Lawinenunglücke mit jeweils zwölf Toten gibt es in jenen Tagen auch im französischen Chamonix und in Evolène in der Schweiz. Im Allgäu ist die Lage zwar auch angespannt, aber längst nicht so dramatisch wie in anderen Alpenregionen. Im Oberallgäu werden am 25. Februar in Balderschwang drei Meter Schnee gemessen, am Nebelhorn liegt so viel Schnee, dass Sessellifte in den Massen versinken. Das Kleinwalsertal ist wegen Lawinengefahr zeitweise nicht erreichbar, sämtliche Oberstdorfer Seitentäler sind dicht.

Winter 1999: Der Alpenraum versinkt im Schnee. Einsatzkräfte räumen das Dach des Eisstadions in Oberstdorf.
Bild: Ralf Lienert

Eine Spätfolge des heftigen Winters bekommen die Allgäuer im Mai 1999 zu spüren. Durch Dauerregen und Schneeschmelze steigt der Pegel der Iller auf eine bis dahin kaum für möglich gehaltene Höhe. Verheerende Überschwemmungen richtet der Fluss beim sogenannten Pfingsthochwasser an. Viele Menschen vor allem im Oberallgäu verlieren in den braunen Fluten Hab und Gut.

Schneechaos 2019: In Oberbayern stirbt der Fahrer eines Schneeräumfahrzeugs

Nun also der aktuelle Winter. Bislang sei er im Alpenraum um ein bis zwei Grad milder ausgefallen als im langjährigen Mittel, sagt Joachim Schug, Meteorologe bei Meteogroup. Gleichzeitig ist bisher viel mehr Niederschlag gefallen als üblich, in den Alpen und den östlichen Mittelgebirgen vor allem als Schnee.

In den Allgäuer Alpen fällt in den vergangenen Tagen über ein Meter Neuschnee. Am Freitag sind Hubschrauber-Besatzungen pausenlos damit beschäftigt, gefährdete Hänge zu sprengen. Gigantische Schneebretter donnern ins Tal.

Brennpunkt in Bayern ist nach wie vor Oberbayern. Mehr als 2200 Einsatzkräfte und Helfer sowie 350 Soldaten der Bundeswehr sind dort im Einsatz. Aus zahlreichen Regionen Bayerns kommt Unterstützung. So rücken aus dem Landkreis Neuburg-Schrobenhausen rund 130 Rettungskräfte mit mehr als 20 Fahrzeugen in die Region Traunstein aus. Wichtigste Aufgabe ist es, möglichst viele Dächer vom tonnenschweren Schnee zu befreien. Vielerorts besteht die Gefahr, dass sie einstürzen. Bei der Räumung haben Turnhallen Priorität; sie müssen als mögliche Notunterkünfte freigehalten werden. In fünf Landkreisen gilt der Katastrophenfall: Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach, Traunstein, Garmisch-Partenkirchen und Teile des Berchtesgadener Landes.

Die schlimmste Nachricht an diesem Tag kommt aus Lenggries. Ein Schneeräumfahrzeug kippt auf einer Brücke um und stürzt in einen Wasserzulauf der Isar. Nur unter größten Anstrengungen gelingt es, den 48-jährigen Fahrer zu bergen. Er wird ins Krankenhaus gebracht, wo er seinen Verletzungen erliegt.

Im Landkreis Rosenheim müssen Autofahrer mehrere Stunden in ihren Fahrzeugen ausharren, weil auf der A8 nichts mehr geht. Wegen verschneiter Gleise fahren in Teilen Schwabens, Oberbayerns und Niederbayerns weiter keine Züge. Am Münchner Flughafen werden wetterbedingt 90 Flüge gestrichen. Ministerpräsident Markus Söder will an diesem Samstag den Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen besuchen und an einer Lagebesprechung teilnehmen. Und was Kinder freuen wird: Bayerns Kultusminister Michael Piazolo verspricht, dass die Schulstunden, die wegen des extremen Wetters ausfallen, nicht nachgeholt werden müssen.

Es wird doch irgendwann wieder aufhören!? Erst mal nicht. Am Wochenende soll sich die Lage wieder verschärfen. Ein neues Sturmtief ist im Anmarsch. Mit viel Niederschlag und Wind im Gepäck. Das Problem ist: Es soll in allen Höhenlagen milder werden und der Niederschlag könnte bis auf 1000 oder gar 1200 Meter hinauf in Regen übergehen. Das könnte einen „Riesenmatsch“ geben, bevor es anschließend wieder etwas kälter wird, prognostiziert Meteorologe Schug. Viel schlimmer aber: Je nachdem, wie intensiv der Regen ist, würde der viele Schnee auf den Dächern und Vordächern extrem schwer werden. Es könnte Einsturzgefahr bestehen. (mit dpa)

Wegen der anhaltenden Schneefälle hat das Landratsamt für den südlichen Landkreis Berchtesgadener Land am Donnerstag den Katastrophenfall ausgerufen.
Video: dpa
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