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Interview

05.07.2019

Charlotte Knobloch: "Mir fehlt der Aufschrei in der Gesellschaft"

Charlotte Knobloch fühlt sich in München daheim. Und das, obwohl ihre Koffer jahrzehntelang gepackt auf dem Dachboden standen.
Bild: Thorsten Jordan

Die Koffer standen über Jahrzehnte gepackt auf dem Speicher. Charlotte Knobloch wollte nach dem NS-Terror mit ihrem Mann auswandern. Warum sie dennoch geblieben ist.

Heimat – dieser Begriff hat wieder Hochkonjunktur. Frau Knobloch, Sie sind Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ist Heimat als Begriff aufgrund der nationalsozialistischen Geschichte nicht dauerhaft beschädigt?

Charlotte Knobloch: Nein. Die Nationalsozialisten haben den Begriff Heimat zwar für sich in Anspruch genommen – wie viele Begriffe. Aber die Nationalsozialisten haben den Begriff Heimat nicht erfunden. Für mich ist Heimat ein wunderschöner Bezugspunkt – und ich glaube sogar, Heimat ist ein menschliches Grundbedürfnis.

Sie sprechen am Freitag in Augsburg im Rahmen der Vollversammlung des Bayerischen Bezirketags darüber, warum Sie in Ihrer Heimat geblieben sind. Wie wichtig ist es Ihnen über Heimat zu sprechen?

Charlotte Knobloch: "Mir fehlt der Aufschrei in der Gesellschaft"

Knobloch: Also, wenn man das Land, in dem man lebt, als Heimat bezeichnet, dann muss man es auch lieben. Man muss es aber nicht nur lieben, sondern für sein Land auch etwas leisten. Daher rufe ich die jungen Menschen immer dazu auf, sich mit einem aufgeklärten Patriotismus zu beschäftigen. Ich will sie ermuntern, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen, denn wenn ich etwas kritisiere – und es gibt immer viel zu kritisieren – dann muss ich auch Ideen haben und Lösungsvorschläge aufzeigen.

Was fällt Ihnen denn als Erstes ein, wenn Sie das Wort Heimat hören?

Knobloch: Heimat ist ein Ort, an dem ich das Gefühl habe, dass ich ein Teil der Umgebung bin, in der ich lebe. Denn Heimat ist ja ein Ort der Sicherheit und Selbstverständlichkeit. Es ist ein Ort, an dem man sich geborgen fühlt.

Sie leben in München. Ist die Stadt ein Ort, an dem Sie sich geborgen fühlen?

Knobloch: Ja, derzeit schon. Ich habe meine Heimat nach all den Jahren, die ich unter der Nazi-Zeit erlebt habe, wieder gefunden. Ich hatte sie verloren. Man hat sie mir genommen, man hat sie meiner Familie weggenommen. Sie hat aber überlebt. Und mein Vater hat sehr viel dazu beigetragen, dass das ganz kleine jüdische Leben nach 1945 in München wieder aufgebaut wurde. Ich fühle mich heute wohl. München und Bayern bleiben meine Heimat. Gleichzeitig bin ich natürlich überrascht, dass ich ausgerechnet in meiner Heimat, die ich so sehr liebe, heute mit Dingen zu kämpfen habe, von denen ich mir nicht mal vorstellen konnte, dass ich noch einmal ein Wort darüber verlieren muss.

Was für Dinge sind das?

Knobloch: Das ist besonders der stark wachsende Antisemitismus.

Den Sie vermutlich auch ganz persönlich zu spüren bekommen oder?

Knobloch: Ja, ich habe täglich Briefe und E-Mails und sonstiges vor mir liegen, worin ich beschimpft und tief beleidigt werde.

Sie haben in einem Interview mit unserer Redaktion einmal erzählt, dass Sie ursprünglich nach dem NS-Terror auch vorhatten, zusammen mit Ihrem Mann in die USA auszuwandern. Die Koffer waren schon gepackt. Doch sie wollten warten, bis Ihre drei Kinder größer waren. Warum sind Sie dann ganz geblieben?

Knobloch: Die Koffer waren in der Tat gepackt. Sie sind nicht ausgepackt worden. Sie standen über Jahrzehnte im Speicher, weil wir unsere Auswanderung mit Blick auf unsere Kinder verschoben haben. Ich habe aber einen Zeitpunkt erlebt, an dem sie ausgepackt wurden.

Wann war das?

Knobloch: Ich habe die Koffer ausgepackt, als der Grundstein für unsere Synagoge und das Gemeindezentrum in München gelegt wurde, am 9. November 2003. Da habe nicht nur ich gewusst, dass jüdische Menschen in meiner Heimatstadt München endlich angekommen sind.

Sie haben es aber schon angesprochen: Der Antisemitismus nimmt in Bayern stark zu. Haben Sie Ihre Entscheidung, hier zu bleiben, in letzter Zeit bereut?

Knobloch: Ich persönlich habe die Entscheidung, hier zu bleiben, nicht bereut. Ich habe aber Sorgen um unsere Nachkommen. Dass sie wieder gegen den Antisemitismus kämpfen müssen, dass er ihr Leben belastet. Das möchte ich den jungen Menschen auf keinen Fall zumuten. Aber ich bin Optimist. Das bin ich erst geworden – weil ich Grund dazu hatte. Weil ich miterleben durfte, dass jüdisches Leben in unserem Land, in meiner Heimat, wieder vorhanden ist, dass jüdisches Leben wieder geachtet und geehrt wird. Da wusste ich, dass ich das Richtige getan habe.

Leben Ihre drei Kinder in München?

Knobloch: Nein, zwei leben im Ausland und einer lebt in Hessen.

Haben Sie den Eindruck, dass in Bayern der Antisemitismus ausreichend bekämpft wird?

Knobloch: Die Politik hat sehr viel getan. Wir haben einen Antisemitismusbeauftragten und entsprechende Stellen auch in den Generalstaatsanwaltschaften. Ich hoffe nur, dass sie auch das leisten können, was sie sollen und wollen. Der Wille ist da. Und ja, ich habe das Gefühl, dass wir als Juden in Bayern gut geschützt werden, dass man sehr viel Wert darauf legt, dass jüdisches Leben gefördert wird. Bayern ist hier ein besonderes Land. Ein Land, das sich mit Themen befasst, die in anderen Ländern so nicht immer aufgegriffen werden.

Wissen Sie von anderen jüdischen Menschen, die vor dem Hintergrund des steigenden Antisemitismus Bayern den Rücken kehren wollen?

Knobloch: Vor allem die jungen Menschen, die aktiver sind in ihrer Lebensgestaltung, die überlegen sich schon, ob sie einen Schritt in dieser Hinsicht unternehmen sollen. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Tatsache. Denn es hat natürlich die Angst um sich gegriffen, wenn man schon den Rat bekommt, sich auf der Straße nicht als Jude zu erkennen zu geben, etwa nicht die Kippa zu tragen. Dann läuten die Alarmglocken ganz laut.

Sie sind auch viel im Ausland unterwegs. Sicher werden Sie oft auf Ihre Heimat angesprochen, wie sie hier noch leben können. Was sagen Sie?

Knobloch: Ach, wissen Sie, wir wurden im Ausland schon früher von unseren Glaubensbrüdern und Glaubensschwestern angesprochen und auch kritisiert dafür, dass wir sozusagen im Land unserer Mörder unsere Zukunft aufgebaut haben. Jetzt werde ich wieder verstärkt darauf angesprochen, wann ich denn endlich auswandern will. Aber ich sage dann immer, dass wir hier eine standfeste Demokratie haben, dass Parteien und Politiker so hinter uns stehen, dass wir stolz darauf sein können, dass das Judentum so anerkannt ist. Das ist in anderen Länder doch gar nicht der Fall. Natürlich werde ich auch sagen, dass der Antisemitismus nun eine Tatsache ist. Und dass wir auch eine demokratisch gewählte Partei haben, die Demokratie für sich gar nicht in Anspruch nehmen darf.

Sie sprechen von der AfD?

Knobloch: Ja. Wir können aber doch auch stolz darauf sein, dass diese Partei zwar im Bundes- und Landtag – leider auch in Bayern – rabiat auftritt, aber trotzdem bisher bei Weitem nicht die Anerkennung hat, die sie gerne hätte.

Antisemitismus ist aber, wie Experten erklären, längst leider in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Knobloch: Das ist sicher ein Thema und ich sage daher immer wieder: Mir fehlt der Aufschrei in der Gesellschaft. Gleichzeitig zeigt dies natürlich, wie wichtig das Erinnern an den Terror des Nationalsozialismus ist. Denn viele, die heute Gefallen am Antisemitismus finden, sind oft nicht genügend aufgeklärt. Sie müssen immer wieder an die Millionen Toten erinnert werden und daran, dass der Nationalsozialismus diesem Land, ihrer Heimat, keine Zukunft brachte – ganz im Gegenteil.

Zur Person

Charlotte Knobloch wurde 1932 in München geboren, wo sie auch heute lebt. Sie hat drei Kinder rund sieben Enkelkinder. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern war von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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07.07.2019

Diese Dame macht jeden sprachlos.

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