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Wertingen

26.04.2019

Früher Metzger, heute Humortherapeut: Wie Markus Proske seinen Traumjob fand

Markus Proske ist Demenzberater und Humortherapeut. Der 53-Jährige lebt mit seiner Familie im schwäbischen Binswangen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Markus Proske stand bis zu seinem 35. Lebensjahr in der Familien-Metzgerei in Wertingen. Heute arbeitet in Altenheimen. Er hat einen Demenz-Knigge geschrieben.

Humor ist mehr als Heiterkeit. Das wusste schon der bayerische Dichter Eugen Roth. Daher darf man sich Humortherapeut Markus Proske nicht als schenkelklopfende Lachmaschine und auch nicht als Clown mit roter Nase vorstellen. Der 53-Jährige geht als der Mann zu den Menschen in Altenheimen, der er ist: als Zuhörer, als Gesprächspartner, als Markus Proske. Dass er eine Schiebermütze trägt und einen Koffer dabei hat, dient lediglich der Wiedererkennung. „Ich bin halt der Mann mit dem Koffer“, sagt er in seinem schwäbischen Dialekt und lächelt.

Seine Erfahrungen hat er in einem Buch zusammengefasst: „Der Demenz-Knigge.“ Denn der Mann mit dem Koffer ist Markus Proske nun schon seit 2002. Zuvor machte er aber etwas ganz anderes. Über Jahre stand er in der familiären Metzgerei. Er ist gelernter Metzgermeister. Auch seine Frau Birgit war mit ihm in der Metzgerei im schwäbischen Wertingen. Doch mit Mitte 30 arbeitete etwas in ihm, erzählt er. Etwas bohrte, ließ sich nicht wegdrängen. Immer wieder fragte er sich: Mache ich das, was ich will? Was kann ich noch? Ist das wirklich mein Leben?

Nein. Metzgermeister war nicht mehr sein Leben. Doch was dann? Markus Proske machte zunächst einmal den Schritt raus aus seinem bisherigen beruflichen Leben. Der Vater von zwei Kindern, der mit seiner Familie im schwäbischen Binswangen lebt, hörte als Metzger auf. Sehr zum Leidwesen seines Vaters, der so gerne die Familientradition fortgesetzt gesehen hätte, erzählt er. Schließlich war schon der Großvater Metzger. Proske wusste auch nicht auf Anhieb, wie es weitergehen sollte. Ein Jahr gab er sich als Orientierungsphase. Ging in sich. Probierte aus. Seine Großmutter war damals im Altenheim. „Ich besuchte sie oft.“ Er spürte eine starke Affinität zu den alten Menschen dort. Und er sah vor allem, was dort fehlte: ein Mensch, der Zeit hat. Ein Mensch, der sich mit guter Pflege professionell beschäftigt und nicht nur die Pflegebedürftigen unterstützt, sondern auch das Personal – von der Reinigungskraft bis hin zum Heimleiter. Ein Mensch, der nicht Teil des Systems ist, sondern kritischer an die Sache herangehen kann, reflektierter.

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Demenz: Was tun, wenn die Mutter ihren Mann nicht mehr erkennt?

Mit 13 Heimen in Schwaben arbeitet er aktuell zusammen. Darüber hinaus bietet er Vorträge an und Schulungen und hat den „Demenz-Knigge“ geschrieben. Einen Ratgeber vor allem für pflegende Angehörige, die er dazu aufruft, den Blick zu ändern und zu versuchen, die Welt mit den Augen eines an Demenz Erkrankten zu sehen. Ein Beispiel: Beschwert sich die erkrankte Mutter, dass ein fremder Mann in ihrem Bett schläft, weil sie ihren eigenen Mann nicht mehr erkennt, helfe es nicht, auf sie einzureden. „Für die Mutter ist das eine bedrohliche Tatsache. Punkt.“ Ist Humor möglich, würde Proske vorschlagen, es damit zu probieren und zu sagen: „Wirklich, Mama? Du hast ja echt Glück! Ist er denn hübsch?“ Der Vater sollte dann, wenn möglich, eine Zeit lang tatsächlich in einem anderen Raum schlafen.

Ein anderes Beispiel: Der an Demenz erkrankte Vater besteht darauf, seine Mutter anzurufen, weil er überzeugt davon ist, dass sie sich sonst Sorgen macht. Ihm immer wieder zu erklären, dass sie längst tot ist, helfe oft wenig. Proske schlägt in dieser emotionalen Notsituation eine kleine Mogelei vor, schließlich gehe es darum, den Menschen aus seiner belastenden Situation heraus zu helfen. In diesem Fall hält er es für erlaubt, einen Anruf bei der vermeintlichen Mutter zu organisieren, indem eine weibliche Person eingeweiht wird und als Mutter fungiert.

Viele pflegende Demenz-Angehörige sind überfordert und allein

Klar ist: Proske will vor allem, dass die Würde der Patienten erhalten bleibt. Dass nicht vergessen wird, dass es um Menschen geht, die Gefühle haben, Träume, Wünsche. Aber auch für die pflegenden Angehörigen kann Humor seines Erachtens eine Kraftquelle sein. „Wer aber zu 100 Prozent beansprucht wird, hat gar keine Zeit, keinen Raum mehr, seinen individuellen Humor zu entwickeln.“ Denn es fehle die Luft zum Atmen. Zum Denken. Zum Fühlen. Viele pflegende Angehörige sind seiner Einschätzung nach nicht nur überfordert, sondern fühlen sich alleingelassen – „und sind es auch“. Gewalt in der häuslichen Pflege sei noch immer ein Tabu, sagt Proske, „die Dunkelziffer hoch“. Pflegende Angehörige brauchen seiner Meinung nach Hilfe von außen. „Sie haben ein bis zu zwölfmal höheres Risiko, selbst an Demenz zu erkranken.“ Der Dauerstress, der Schlafentzug, der Verlust von sozialen Kontakten – das alles mache krank.

Sich um die alten Menschen stärker zu kümmern, sei eine gesellschaftliche Verantwortung, sagt Proske. Gehe es so weiter, wolle keiner mehr alt werden. Dass ein reiches Land mit diesem Problem nicht klarkommt, ist für ihn „ein Armutszeugnis“. Markus Proske hat für sich einen Weg gefunden: Er will einen Beitrag leisten, dass es besser wird. Als Humorist weiß er aber auch um die eigene Begrenztheit, akzeptiert sie. Man denke nur an den großen Meister Karl Valentin. Als Figur begegnet man ihm im Garten von Proske. Valentins legendärer Satz „I gfrei mi, wenns regnet. Weil wenn i mi net gfrei, regnets trotzdem“ bringe es doch auf den Punkt, findet Proske. Das ist auch sein Verständnis von Humor. „Humor, das ist eine Haltung“, sagt Proske und schaut nachdenklich in seinen Garten. „Eine Haltung zum Leben. Aber auch zum Sterben.“

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