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Corona-Pandemie

26.03.2021

Leichter Verlauf, schwere Folgeerkrankung: So hart kann Corona Kinder treffen

Lange hieß es, Kinder wären kaum von Corona betroffen. Nun zeigt sich: Sie können schwere Folgeerkrankungen erleiden
Foto: Balke, dpa

Plus Lange galt, dass Kinder eine Infektion gut wegstecken. Jetzt tauchen immer mehr Fälle auf, die Sorgen bereiten. Ein Arzt erklärt, was den Kindern fehlt.

Der Junge ist nicht mehr der Gleiche wie früher, erzählt seine Mutter. Er habe ständig Kopfschmerzen, sei vergesslicher. Der Bub erkrankte an Covid 19. Er hatte nur milde Symptome. Doch ein paar Wochen danach zeigte sich plötzlich ein schweres Erkrankungsbild, schildert Professor Michael Frühwald einen aktuellen Fall. Frühwald ist der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Augsburg. Es ist ein Multi-Entzündungssyndrom mit der Abkürzung PIMS für englisch „Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrom“ an dem der Junge leidet. Und gerade diese Folgeerkrankung von Covid, die immer häufiger zu beobachten sei, bereitet Frühwald große Sorge.

Es sind alles Kinder, die im Alter zwischen acht bis zwölf Jahren eine zunächst oft harmlos verlaufende Covid-Infektion durchmachen ohne gravierende Symptome. Etwa acht bis zwölf Wochen später aber kommen die Kinder plötzlich mit einem schweren Erkrankungsbild in die Klinik. Sie haben Fieber, Ausschlag, Bauch-, Atem- und Herzbeschwerden sowie erhöhte Entzündungszeichen im Blut. Untersucht man die jungen Patienten, sieht man oft Ergüsse in der Lunge und im Herzbeutel sowie Gerinnungsstörungen erklärt Frühwald das Erkrankungsbild. „Von den sieben Kindern, die wir in den letzten Monaten mit diesem Krankheitsbild gesehen haben, waren vier zum Glück nur vorübergehend auf unserer Intensivstation. Sie brauchten herzstützende Medikamente, weil das Risiko eines Herzversagens sehr groß war.“

Der Körper reagiert mit einer massiven Autoimmunreaktion

Der Körper reagiere also auf eine unproblematisch erscheinende Covid-Infektion mit einer massiven Autoimmunreaktion, die schwer krank macht. Anders als bei Erwachsenen, die bei schweren Covid-Verläufen oftmals Vorerkrankungen haben oder übergewichtig sind, könnten bei Kindern mit PIMS bislang keine gesicherten Risikofaktoren festgestellt werden. Kinder mit Vorerkrankungen laufen eher Gefahr einer schweren akuten Covid-Infektion. „Doch die Kinder mit PIMS waren vorher gesund“, sagt Frühwald, der zugibt, dass er und sein Team vor dieser entzündlichen Folgeerkrankung einen Heidenrespekt haben. Denn keiner könne sagen, wann sich die gesundheitlichen Probleme der jungen Patienten ganz zurückbilden, ob die Folgen eventuell sogar fortbestehen. Das gelte auch für das nicht weniger rätselhafte Post-Covid Syndrom bei Erwachsenen, die aber oft rein körperlich gesund erscheinen, dafür mit sehr belastenden Erscheinungen wie Erschöpfung oder auch Sprach- oder Gedächtnisschwierigkeiten kämpfen. „Vieles wissen wir einfach noch nicht“, räumt der erfahrene Mediziner Frühwald ein. Doch große Sorge bereiten die Post-Covid-Symptome in jedem Fall.

Professor Michael Frühwald ist der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Augsburg.
Foto: Frühwald , Uniklinikum Augsburg

Daher ist Frühwald überzeugt davon: „Wir müssen nicht nur Senioren oder vorerkrankte Menschen vor Covid schützen. Wir müssen verstärkt auch Kinder und Jugendliche besser schützen. Wir müssen jeden schützen, weil Covid eine Erkrankung ist, die, wenn man sie durchgemacht hat, einen ganz sicher nicht stärker macht, sondern einem unter Umständen noch Jahre später Probleme bereitet.“ Gerade mit Blick auf die jetzt sich so rasch ausbreitenden aggressiveren Varianten des Virus sei ein verstärkter Schutz extrem wichtig. Die Kinder sind nach Ansicht von Frühwald bisher zu wenig im Fokus, zu oft hieß es, sie stecken die Erkrankung gut weg: „Jetzt zeigt sich, dass das Virus auch für Kinder wesentlich heimtückischer sein kann als bisher angenommen.“

Das Augsburger Uniklinikum hat eine eigene Studie begonnen

Auch deswegen hat das Universitätsklinikum Augsburg eine eigene Studie „Augsburg plus“ begonnen, die speziell Kinder und Jugendliche beim Infektionsgeschehen in den Blick nimmt: Mit insgesamt 480 Freiwilligen wollen Labormediziner, Kinderärzte, Epidemiologen und Hygieniker des Uniklinikums unter anderem nachweisen, wie dynamisch sich das Infektionsgeschehen in Augsburger Kindergärten, Grund- und weiterführenden Schulen über einen Zeitraum von sechs Monaten darstellt. Dafür werden noch teilnehmende Kindergärten und Grundschulen gesucht. Der Aufwand für die Teilnehmer ist nicht groß, betont Studienleiterin Dr. Katrin Burkhardt vom Institut für Labormedizin und Mikrobiologie am Uniklinikum. Alle zwei Monate müssten die Kinder mit einem Elternteil an die Uniklinik, damit den Testteilnehmern aus der so genannten Fingerbeere, dem inneren vorderen Teil des Fingergliedes Blut abgenommen werden kann. Mit dem Blut wird ein Antikörperschnelltest durchgeführt. Auch die Eltern haben bei den Besuchen die Gelegenheit, sich gleich mit testen zu lassen.

Wie Studienleiterin Burkhardt ausführt, will man mit dieser Studie auch herausfinden, welche Hygienemaßnahmen denn nun in Kindergärten und Schulen wirklich schützen. Wie sinnvoll ist beispielsweise der Abstand zwischen den Kindern? Müssen die Hände nur gründlich gewaschen werden oder ist die Desinfektion unentbehrlich?

Kinderarzt Frühwald warnt vor körperlichen und psychischen Folgeschäden

Für Frühwald ist jetzt entscheidend, dass wir so viel wie möglich testen und impfen. Auch beim Impfstoff für Kinder wünscht sich der Kinderarzt eine Beschleunigung. Großbritannien hat nun begonnen, auch Kinder zu impfen. Nach einer Studie an Freiwilligen zwischen sechs und 17 Jahren erwartet man eine Sonderzulassung für AstraZeneca. Wobei Frühwald wichtig ist, dass erst aussagekräftige Daten vorliegen. So habe zum Beispiel ein Säugling ein ganz anderes Blutgerinnungssystem als ein Jugendlicher. Gerade bei AstraZeneca ist Frühwald daher mit Blick auf die bekannten möglichen Nebenwirkungen des Impfstoffs wie Sinusthrombosen vorsichtig. Bei jungen Erwachsenen ab dem 16. Lebensjahr etwa sieht er weniger Gefahr bei einer Impfung. Im Gegenteil: „Es wäre aus medizinischer Sicht falsch zu sagen, bei den jungen Leuten können wir ruhig noch warten mit dem Impfen.“

Doch nicht nur vor den körperlichen Folgeschäden bei Kindern und Jugendlichen warnt Professor Frühwald: „Wir sehen auch immer mehr psychische Probleme in Folge der Pandemie.“ Bei Jugendlichen werden vor allem Müdigkeit, Perspektivlosigkeit, Resignation, depressive Verstimmungen beobachtet. Bei den jüngsten Patienten seien es vor allem Ängste. So erlebte der Kinderarzt erst kürzlich eine Situation, die ihn sehr nachdenklich stimmt: Er meinte, das dreijährige ihm gut bekannte Mädchen erkennt ihn nicht und fürchtet sich, wenn er es mit Maske von einigen Metern Entfernung begrüßt. Also hat er sie kurz abgenommen. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Kleine weinte unaufhörlich und wiederholte immer wieder die Worte: „Mundschutz auf“.

 

Kindergärten und Grundschulen, die an der Studie teilnehmen wollen, nehmen bitte Kontakt auf mit Vincenza Leone unter Telefon (0821) 400-165581 oder per E-Mail unter v.leone@unika-t.de; bis 12. Mai läuft auch noch ein Wettbewerb unter dem Titel „Wir beugen der Corona-Infektion vor!“ Bilder, Lieder, Videos, Animationen zum Thema Hygiene- und Präventionsmaßnahmen können eingereicht werden.

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