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München
05.11.2013

Der Anfang eines sensationellen Kunst-Krimis

In diesem Münchner Mehrfamilienhaus sollen geraubte Kunstwerke gefunden worden sein.
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In diesem Münchner Mehrfamilienhaus sollen geraubte Kunstwerke gefunden worden sein.
Foto: Marc Müller (dpa)

Im Zug von Zürich nach München überprüfen Zollfahnder einen älteren Herrn. Dass dies der Anfang eines sensationellen Kunst-Krimis sein wird, ahnen die Ermittler nicht.

Ein Abend im September 2010. Im Schnellzug EC 197 von Zürich nach München sitzt ein alter Mann mit weißen Haaren. Zollfahnder aus Lindau kontrollieren ihn. Das Grenzgebiet Lindau-Hörbranz ist berüchtigt dafür, dass seit Jahrzehnten krumme Dinger am Zoll vorbei gedreht werden. Auch Steuersünder, die zwischen Deutschland und der Schweiz verkehren, nehmen diesen Weg. So ist auch ein scheinbar harmloser älterer Herr für die Zollfahnder immer eine Überprüfung wert. Dass dies der Anfang eines sensationellen Kunst-Krimis sein wird, den das Magazin Focus nun enthüllt hat, ahnen die Ermittler nicht.

Überprüfung durch Zollfahnder: Der Mann wird nervös

Sie bitten den Fahrgast um die Personalien. Er zeigt einen österreichischen Personalausweis: Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt, geboren am 28. Dezember 1933 in Hamburg, wohnhaft in Salzburg. Eine Routinefrage der Zollfahnder: Hat er Bargeld anzumelden? Nein. Ein Beamter erinnert sich, dass der Senior morgens bei der Hinfahrt auch kontrolliert worden ist. Da hatte er mehrere leere Kuverts dabei.

Jetzt liegen in seiner Aktentasche nur noch zwei Kuverts. Der Mann wird nervös. Er habe Kunstgeschäfte bei der Galerie Kornfeld in Bern gemacht, sagt er. Dann zückt er einen Briefumschlag mit 9000 Euro darin. Beträge unter 10 000 Euro müssen bei der Einfuhr aus der Schweiz tatsächlich nicht angemeldet werden.

Der seltsame Fahrgast weckt den Spürhund in ihnen

Die Zollfahnder hätten die Angelegenheit zu den Akten legen können. Doch der seltsame Fahrgast weckt den Spürhund in ihnen. Zunächst ohne konkrete Anhaltspunkte recherchieren sie weiter und stoßen auf Rätsel. Cornelius Gurlitt lebte offenbar nicht in Salzburg, wie es in seinem Ausweis stand, sondern in München. Doch keine deutsche Behörde wusste von seiner Existenz.

Gurlitt war nicht gemeldet, er bezog keine Rente, hatte keine deutsche Steuernummer, war nicht krankenversichert. Die Fahnder observieren den knapp 80-Jährigen mehrere Tage lang. Inzwischen ist die Augsburger Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Sie ist als Schwerpunktstaatsanwaltschaft für die Verfolgung von Wirtschaftskriminalität in Schwaben zuständig. Der erste „Tatort“ war gewissermaßen der Schnellzug bei Lindau-Hörbranz. Daher liegt der Fall in Augsburg.

Jahrhundert-Entdeckung in Schwabinger Wohnung

Gurlitt verhält sich merkwürdig. Sein Appartement im Münchner Stadtteil Schwabing verlässt er nur selten. Ab und zu geht er spazieren oder kauft sich in einem Kaufhaus mehrere Dutzend Hemden. Einige Monate nach der Kontrolle im EuroCity, im Frühjahr 2011, holen sich die Zollfahnder einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss für Gurlitts Wohnung. Was sie dort finden, ist eine Jahrhundert-Entdeckung.

In dem muffigen Appartement liegen zwischen uralten Konservendosen und Paketen mit Fertigknödelteig viele hundert Bilder. Grafiken, Radierungen, Gemälde. Ohne Kunstexperten zu sein, ahnen die Fahnder, dass sie auf eine Schatzhöhle gestoßen sind. Die Wohnung wird mithilfe eines Spezialtransporters geräumt. Gurlitt sitzt stumm in seinem dunklen Schlafzimmer. Nur einmal, berichtet der Focus, habe er sich beklagt. Die Herrschaften hätten sich die ganze Mühe doch sparen können, sagt er. Er sterbe ohnehin bald, dann hätten sie die Bilder eh bekommen.

1500 Kunstwerke zählen die Ermittler am Ende – darunter Werke von Pablo Picasso, Paul Klee, Marc Chagall, Henri Matisse, Max Beckmann, Franz Marc, Max Liebermann und vielen anderen Meistern der Klassischen Moderne. Der Wert: unschätzbar. Vielleicht eine Milliarde Euro. Der Zustand der Kunstwerke: nicht besonders gut.

Legendäre Kunst-Sammlung von Hildebrand Gurlitt

Der Schatz wird in ein Zolllager in Garching bei München gebracht. Die Fahnder entdecken in der vermüllten Wohnung auch einige leere Bilderrahmen und Dokumente. Cornelius Gurlitt muss mehrere Kunstwerke verkauft haben. Der sonderbare Einzelgänger aus Schwabing hat offenbar über Jahrzehnte von der legendären Sammlung seines Vaters, des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, gelebt.

Und hier beginnt die Geschichte kompliziert zu werden. Denn wem gehören die Bilder nun? Hat sie Gurlitt junior rechtmäßig in seinem Besitz gehabt? Wer wird die Kunstwerke am Ende bekommen?

Es ist ein juristisches, politisches, diplomatisches und moralisches Minenfeld. Die Rückgabe von Nazi-Raubkunst gehört zu den schwierigsten Rechtsfragen. Allein das würde erklären, warum der Sensationsfund erst nach zweieinhalb Jahren öffentlich bekannt wird. Es erklärt, warum die Bundesregierung schon seit Monaten über den heiklen Fall informiert ist, wie Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin sagt. Er habe allerdings keine Informationen darüber, ob aus dem Ausland bereits Besitzansprüche geltend gemacht worden seien, so Seibert.

Raubkunst: Augsburger Staatsanwaltschaft ermittelt

Und es würde auch erklären, weshalb die Augsburger Staatsanwaltschaft bislang nur wegen des vergleichsweise banalen Vorwurfs der Steuerhinterziehung ermittelt. Also: Gurlitt hat Bilder verkauft, ohne Steuern zu bezahlen. Die Frage nach der Herkunft und der Zukunft der Bilder ist damit noch nicht berührt. Doch von der Staatsanwaltschaft gibt es bis zu einer Pressekonferenz heute Vormittag keine Auskünfte. „Wir können nichts bestätigen und nichts dementieren“, sagt Pressesprecher Matthias Nickolai. Keine offiziellen Informationen auch von anderen Behörden oder Ministerien.

Hildebrand Gurlitt, der Vater des geheimnisvollen Bahnreisenden, ist eine schillernde Figur. Er war einer der vier Kunsthändler Hitlers. Der 1895 in Dresden geborene Kunsthistoriker trat bereits in den 1920er Jahren als Verfechter der modernen Kunst auf. Die Nazis mochten ihn deshalb nicht und verscheuchten ihn von seinen Posten als Museumsdirektor in Hamburg und Zwickau. Auch galt er den Nazis wegen einer jüdischen Großmutter als „jüdisch versippt“ und wurde deswegen diffamiert.

Dennoch durfte Gurlitt senior nach 1937, als in deutschen Museen alle Werke „entarteter Kunst“ beschlagnahmt worden waren, offiziell damit handeln. Den Nazis diente der Handel mit dem Ausland zur Devisenbeschaffung. Und Gurlitt hatte ein so großes Wissen über Kunst und derart exzellente Kontakte in die internationale Kunstszene, dass Hitlers Leute nicht auf seine Dienste verzichten wollten. Also bekam er von Goebbels den Auftrag, die „entartete“ moderne Kunst für das Dritte Reich zu Geld zu machen. Gurlitt nahm den Auftrag an. Er dehnte seinen Pakt mit den Nazis sogar aus und kaufte in großem Stil und für wenig Geld Kunst von verzweifelten jüdischen Sammlern auf. Später ließ er sich gar zum Chefeinkäufer für Hitlers erträumtes „Führermuseum“ in Linz machen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg argumentierte Hildebrand Gurlitt, er habe mit seinem Handel etlichen Juden und Künstlern geholfen, habe Werke vor der Vernichtung oder dem Verkauf ins Ausland gerettet. Er musste sich nie wirklich erklären. Für die Alliierten gehörte er zu den Verfolgten. So konnte er wieder als Händler arbeiten. 1956 starb Gurlitt senior bei einem Verkehrsunfall.

Doch wo waren all die zusammengekauften modernen Bilder geblieben? Hitlers Händler hatte immer behauptet, alle Kunstwerke, die er noch besessen habe, seien in der Dresdner Bombennacht vom 13. Februar 1945 verbrannt.

Die Dimensionen des Schwabinger Fundes

Nun scheint es, als müsste die Kunstgeschichte in diesem Kapitel umgeschrieben werden. Nach allem, was nun bekannt wird, hat Hildebrand Gurlitt seinen legendären Kunstschatz nicht in einer Bombennacht verloren, sondern seinem Sohn vermacht. Welche Dimensionen der Schwabinger Fund tatsächlich hat, ist nur wenigen Eingeweihten bekannt. Die Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann zählt zu den Experten für „entartete Kunst“. Sie  untersucht und bewertet den Kunstschatz. Auch sie wird heute bei der Pressekonferenz in Augsburg möglicherweise Details erzählen.

Das Zwischenergebnis der Prüfung ist spektakulär. Weit mehr als 300 der konfiszierten Bilder stehen demnach bereits als verschollene Werke der „entarteten Kunst“ fest. Für fast 200 Exponate aus der Münchner Wohnung gibt es offizielle Suchmeldungen.

Der Fall wird den Ermittlern und Kunstexperten noch viel Arbeit bereiten. Zumal der Focus recherchiert hat, dass Cornelius Gurlitt einige Monate nach der Beschlagnahme des Schatzes, im Spätsommer 2011, das Gemälde „Löwenbändiger“ von Max Beckmann zur Auktion beim bekannten Kölner Kunsthaus Lempertz abgegeben hat. Misstrauisch sei man nicht geworden. „Das wirkte, als habe Herr Gurlitt als alter Mann sein Kronjuwel geholt, um für die letzten Jahre noch flüssiges Kapital zu haben“, sagte der Justiziar des Auktionshauses, Karl-Sax Feddersen. Dies sei der erste Kontakt zu Gurlitt gewesen.

Vor der Versteigerung fanden die Experten heraus, dass der „Löwenbändiger“ aus dem Nachlass des Kunstsammlers Alfred Flechtheim stammte. Nach einer Einigung mit den Erben des legendären jüdischen Galeristen sei das Bild daraufhin für 864 000 Euro mit Aufschlag versteigert worden. Hat Cornelius Gurlitt also noch weitere Kunstdepots? Wer wusste von seinen Verkäufen?

Was wusste man im Kunsthandel?

In Kreisen der Herkunftsforscher gibt man sich ahnungslos. Möglicherweise wusste aber der diskrete Kunsthandel mehr. In Wissenschaftler-Kreisen heißt es hinter vorgehaltener Hand, „mehr als ein Händler“ habe gewusst, dass Cornelius Gurlitt Bilder habe. Für den Kunsthandel sei diese Quelle nicht neu. Warum hakten die Händler aber trotz des bekannten Namens nicht genauer nach?

Der Verkauf des Beckmann-Bildes illustriert ganz deutlich die Klemme von Justiz und Politik. Erben von früheren Besitzern aus der ganzen Welt könnten von der Bundesregierung schnelles Handeln verlangen. Doch die Rechtslage ist so schwierig, dass die wertvollen Bilder am Schluss wieder bei dem Einzelgänger aus Schwabing landen könnten. Dann würde die Kunstsensation in einem diplomatischen Drama enden.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg will sich am Vormittag zum Fund der spektakulären Kunstsammlung äußern. Wir werden Sie im Liveticker informieren.

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