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Prozess in Augsburg
23.04.2014

Mord an Millionärin: 250.000 Euro für neue Zeugenaussage

Benedikt Toth (rechts) wurde wegen Mordes an seiner Tante verurteilt.
Foto: Tobias Hase, dpa

Der Fall der Münchner Parkhaus-Besitzerin Charlotte Böhringer soll neu aufgerollt werden. Der Anwalt des angeblichen Täters kritisiert das Landgericht Augsburg.

Die bayerische Justiz gerät immer mehr in die Klemme. Nach dem Fall Mollath in Nürnberg und dem Fall Peggy in Oberfranken droht jetzt auch die Wiederaufnahme eines dritten spektakulären Strafverfahrens: der Mord an der Münchner Parkhaus-Millionärin Charlotte Böhringer aus dem Jahr 2006.

Der damalige Prozess war einer der aufregendsten in der Münchner Kriminalgeschichte. Die Familie des zu lebenslänglich und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilten Benedikt Toth lässt aber nicht locker und will nun 250.000 Euro Belohnung für mögliche neue Zeugenaussagen ausloben. Das ist eine der höchsten Summen, die in dieser Form je in Deutschland ausgesetzt wurde.

Bruder, Eltern und Freunde des angeblichen Täters sind überzeugt, dass „Bence“, wie ihn alle nennen, zumindest Opfer eines Justizirrtums, wenn nicht sogar einer „Rechtsbeugung“ geworden ist. Prominente Juristen teilen diese Ansicht. Der Münchner Kripo gelang es bis heute nicht, die Tatwaffe zu sichern. Aber innerhalb von zwei Tagen präsentierte sie mit Toth jedenfalls einen Täter.

Laut Urteil soll Toth seine millionenschwere Tante ermordet haben, um zu verschleiern, dass er sein Jurastudium nicht abgeschlossen hatte. Dies war Voraussetzung für eine eventuelle Erbschaft. Die Tante war nicht nur reich, sondern auch ehrgeizig. Ihr Erb-Nachfolger sollte einen akademischen Titel vorzeigen können. In der Zelle paukt Bence jetzt erfolgreich Sprachen und liest philosophische Klassiker. Wenn’s schlecht läuft, noch bis 2028.

Das Motiv von Toth sei mehr als wackelig gewesen

Weder Polizei, noch Staatsanwaltschaft und schon gar nicht das Gericht haben sich nach Ansicht von namhaften Prozessbeobachtern und Juristen in dem Verfahren gegen Toth mit Ruhm bekleckert. Die Zahl der Ermittlungsfehler ist auch nach Meinung von Toth-Anwalt Peter Witting aus München kaum zu zählen. So soll das Opfer laut Gutachten von einem Rechtshänder getötet worden sein. Toth aber ist Linkshänder. Auch das Motiv sei mehr als wacklig. Mehrere Zeugen betonten in dem Prozess, dass die Tante, Charlotte Böhringer, schon frühzeitig über den Studienabbruch informiert gewesen sei, ohne sonderlich negativ darauf zu reagieren.

Eine Bürgerinitiative „Pro Bence“ kritisiert, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht hätten sich 2006 „auf Vermutungen und eilfertig zusammen gebastelte Indizien fixiert“. Das Urteil sei ein „Fantasieprodukt“. Ein Tatgeschehen, wie vom Gericht festgestellt, habe es nie gegeben. Entlastende Zeugenaussagen und Indizien seien einfach vom Tisch gewischt worden. Bence Toth sitzt seit acht Jahren in der JVA Straubing und versichert jeden Tag von Neuem seine Unschuld.

Familie hat „Justizfaxen“ satt

„Über dem Richter wölbt sich nur der Himmel“, lautet ein Juristenspruch. Oder wie Franz Josef Strauß sagte: „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.“

Jetzt hat die Familie die „Justizfaxen“ satt. Sie ist sicher, dass es jemanden gibt, der die Wahrheit kennt, und will diesen oder die Zeugen mit der Auslobung von 250 000 Euro aufrütteln. Denn der Wiederaufnahmeantrag ist seit Oktober 2012 gestellt. Doch die Justiz am Landgericht Augsburg „rührt keinen Finger“, kritisiert Anwalt Witting. Und dies, obwohl der BGH-Richter Ralf Eschelbach in seinem Buch feststellt, in Deutschland würden jeden Tag 650 Menschen zu Unrecht verurteilt.

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