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Aichach

17.08.2020

Sind Herdenschutzhunde eine Lösung gegen den Wolf - oder ein Problem?

Der DNA-Test beweist, was das Bild der Wildkamera in Igenhausen vermuten ließ: Es war ein Wolf.
Bild: Josef Haimer

Plus Der Bund Naturschutz setzt im Umgang mit dem Wolf in Bayern auf sogenannte Herdenschutzhunde. Doch wie verhalten sich die abgerichteten Tiere, wenn Wanderer der Herde nahe kommen?

"Bärli!", ruft Gerhard Schmidt in Richtung des großen Zwingers und läuft darauf zu. Ein tiefes, grollendes "Wuff" folgt. Aber nicht von der Sorte Hund, die man hinter dem verniedlichenden Namen vermuten würde. Es ist schon eher ein Bär, der sich da hinter den Gitterstäben regt: Groß, mit dickem Pelz und leuchtenden, bernsteinfarbenen Augen. Bedrohlich wirkt Bärli zwar nicht, eher gemächlich und ruhig. "Aber Sie wissen nie, was er als nächstes macht", sagt Schmidt. Er ist Vorsitzender des Tierschutzvereins Neuburg-Schrobenhausen und leitet das dortige Tierheim. Und er warnt: Herdenschutzhunde wie Bärli haben seiner Meinung nach auf deutschen Weiden nichts zu suchen – Wolf hin oder her.

Bärli ist ein Herdenschutzhund der Rasse Kangal. Er ist im Tierheim Neuburg, Herdenschutzhunde wie Bärli sitzen dort laut Leiter Gerhard Schmidt auf Lebenszeit - denn ihr Schutztrieb ist unkontrollierbar und kann gefährlich werden.
Bild: Anna Kabus

Die Zahl der in Bayern gesichteten Wölfe stieg zuletzt an. Am Wochenende bestätigte das Landesamt für Umwelt, dass es ebenfalls ein Wolf war, der vor rund drei Wochen drei Wochen sieben Schafe in Hollenbach (Landkreis Aichach–Friedberg) gerissen hat. Die Diskussionen darüber, wie Derartiges künftig verhindert werden könnte, werden hitzig geführt. Der Bund Naturschutz setzt unter anderem auf Herdenschutzhunde. "Bester Schutz fürs Schaf", heißt es auf deren Internetauftritt. Darüber kann Gerhard Schmidt nur lächeln. "Für das Schaf vielleicht schon", sagt der 67-Jährige.

Für Wanderer, Radfahrer und sonst jeden, der sich der Herde nähert, aber nicht, sagt er. "Ein Herdenschutzhund wird sich um alles kümmern, von dem er denkt, dass eine Gefahr für die Herde ausgeht", erklärt Schmidt, während er über das zehn Hektar große Areal des Tierheims läuft. Man könne dem Hund nicht beibringen, was ein Wolf ist und was ein Mensch.

Tierheim-Chef: Staatsregierung agiert blauäugig

Professor Kai Frobel, Artenschutzreferent des Bund Naturschutz Bayern, ist da anderer Meinung: "Ein Herdenschutzhund kann definitiv zwischen Wolf und Radfahrer oder Wanderer unterscheiden." Obwohl Frobel Befürchtungen dieser Art öfters höre, hätten sie sich noch nicht bewahrheitet, sagt er. Bundesweit und auch in Bayern sind ihm zufolge schon seit knapp zehn Jahren Herdenschutzhunde im Einsatz – Probleme im Zusammenhang mit diesen Hunden sind ihm keine bekannt. Frobel ist froh, dass die Bayerische Staatsregierung mittlerweile die Anschaffung von Herdenschutzhunden in Wolfsgebieten fördert.

Gerhard Schmidt bereitet genau das jedoch Sorgen. Seiner Meinung nach geht die Staatsregierung blauäugig mit der Situation um. "Ich bin überzeugt davon, dass neben dem Wolfsproblem früher oder später noch ein Herdenschutzhundeproblem auf uns zukommen wird", sagt er. Der Tierheimleiter betont allerdings, dass die Hunde keineswegs extrem aggressiv seien. Man müsse nur verstehen, dass der Schutztrieb in ihren Genen liegt. Was genau den individuellen Schutztrieb auslöst – also in welchen Situationen der Hund dann tatsächlich angreift – ist laut Schmidt nicht vorhersehbar. Und das mache diese Hunde unter Umständen gefährlich.

Gerhard Schmidt ist Vorsitzender des Tierschutzvereins Neuburg-Schrobenhausen und Tierheimleiter dort.
Bild: Anna Kabus

In abgelegenen Gegenden Russlands oder Anatoliens, wo viele dieser Hunderassen herkommen, sei das kein Problem. Dort nähert sich in der Regel kein fremder Mensch einer Herde. "Aber in Deutschland", sagt Schmidt, "könnte man Herdenschutzhunde nur einsetzen, wenn die Bürger akzeptieren würden, dass sie bestimmte Bereiche eben meiden müssen. Das machen die meisten aber nicht."

Frobel vom Bund Naturschutz sieht das anders: Die Herde und der Herdenschutzhund stünden in der Regel hinter einem Elektrozaun. Über diesen springe der Hund nicht. Im steilen, alpinen Gelände, wo das Aufstellen dieser Zäune nicht möglich ist, müsse man sich aber schon fragen, ob die absolut freie Weidung noch weitergeführt werden sollte. "Wir brauchen dort eine behirtete Beweidung", sagt Frobel. Zusätzlich sollen Infotafeln auf das richtige Verhalten von Wanderern und Radfahrern hinweisen. Diese müssten darauf achten, der Herde nicht zu nahe zu kommen und keine wilden Bewegungen oder lauten Geräusche zu machen. "Das gilt aber zum Beispiel auch für jede Kuhherde", sagt Frobel und plädiert generell an den gesunden Menschenverstand von Wanderern im Umgang mit fremden Tieren.

Bund Naturschutz: "Furcht und Realität klaffen auseinander"

Er verstehe schon, dass große Herdenschutzhunde erst einmal für Verunsicherung sorgen können. Ihm zufolge kommen die Befürchtungen aber vor allem von dort, wo noch gar keine solcher Hunde im Einsatz sind. Da, wo es diese Hunde bereits gibt, seien die kritischen Stimmen längst abgeebbt, sagt Frobel: "Furcht und Realität klaffen da stark auseinander."

Boris ist ein Herdenschutzhund der Rasse Maremmano.
Bild: Anna Kabus

Gerhard Schmidt befürchtet indes schon, dass Herdenschutzhunde nicht nur auf den Weiden, sondern auch in Privathaushalten zum neuen Trend werden. Die ersten Züchter spezialisierten sich schon auf die hierzulande relativ unbekannten Rassen. Vielen von ihnen ginge es dabei aber nur ums Geld, sagt er, und reibt mit missbilligendem Blick Daumen und Zeigefinger aneinander. Viele Züchter vermitteln diese Hunde ihm zufolge bedenkenlos an ungeeignete Halter – und die meisten seien ungeeignet, alleine schon weil sich Herdenschutzhunde auf menschenleeren Weiden wohlfühlen und nicht in einer hektischen Stadt. Wenn die Hunde dann etwa zwei Jahre alt sind und ihr Schutztrieb vollständig entwickelt ist, würden sie für ihre Herrchen und Frauchen plötzlich zum Problem. Nicht selten landeten sie dann im Tierheim. So wie Bärli. Und dort sitzen sie oft lebenslänglich.

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Die Diskussion ist geschlossen.

17.08.2020

Schöne Grüße von " Der Wolf und die 7 Geißlein " !!

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