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Gersthofen

22.10.2019

Wann kommt Vanessas Mörder frei?

Ein gruseliger Anblick: Nach seiner Festnahme 2002 musste Michael W. nachstellen, wie er ins Haus der Familie Gilg in Gersthofen eingedrungen war und deren Tochter Vanessa ermordete.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Plus Der Mörder der kleinen Vanessa aus Gersthofen sitzt seit 17 Jahren hinter Gittern. Vor dem Gerichtshof für Menschenrechte ist er gescheitert. Dennoch könnte er bald frei kommen.

Kaum ein Verbrechen hat die Menschen so bewegt wie der Mord an der kleinen Vanessa aus Gersthofen (Landkreis Augsburg). Ihr Mörder Michael W., damals 19 Jahre alt, stieg am Rosenmontag 2002 in das Haus der Familie ein und erstach die schlafende Zwölfjährige. Die Eltern waren bei einem Faschingsball. Der Täter trug eine Horrormaske. Das Mädchen war ein Zufallsopfer.

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Vanessa wäre heute eine erwachsene Frau. Ihr Mörder Michael W. ist 36 und sitzt bis heute hinter Gittern, in Sicherungsverwahrung in einem Straubinger Spezialgefängnis. Zum Schutz der Allgemeinheit. Das wird auch noch eine Weile so bleiben. Denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat jetzt ein wichtiges Urteil gefällt. W.s Beschwerde gegen die nachträglich verhängte Sicherungsverwahrung wurde abgewiesen. Die Richter sehen keinen Verstoß gegen die Menschenrechtskonvention. W. bleibt weggesperrt – zumindest vorerst.

Damit ist der bald 20 Jahre alte Fall juristisch immer noch nicht beendet. Nach seiner Verurteilung im Jahr 2003 hatte W. die höchstmögliche Jugendstrafe von zehn Jahren abgesessen. Danach verhängte das Landgericht Augsburg in einem neuen Verfahren nachträglich Sicherungsverwahrung gegen ihn. Das war seit 2004 in Deutschland möglich. Das Urteil platzte 2012 aber mitten hinein in eine Debatte um das unbegrenzte Wegsperren von Straftätern. Im Juni 2013 wurde das Gesetz reformiert. Die nachträgliche Sicherungsverwahrung für Erwachsene gibt es nun nicht mehr. Doch die rechtlichen Folgen dieser Gesetzesänderung sind bis heute umstritten.

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Und so liegt der Fall Michael W. seit Sommer 2014 beim Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Der Münchner Rechtsanwalt Adam Ahmed will dort erreichen, dass W. freikommt. Zuvor hatte der Bundesgerichtshof die Augsburger Entscheidung zur Sicherungsverwahrung bestätigt, und auch vor dem Bundesverfassungsgericht war Ahmed gescheitert.

Der Anwalt des Mörders sieht einen Verstoß gegen die Menschenrechte

Der bekannte Anwalt betrachtet das Urteil zur Sicherungsverwahrung als Verstoß gegen das sogenannte Rückwirkungsverbot. Das besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass ein neues Gesetz nicht auf Fälle aus der Vergangenheit angewendet werden darf. Die „freiheitsentziehende Maßnahme“ sei dadurch von ursprünglich zehn Jahren Jugendstrafe auf unbestimmte Zeit verlängert worden. Seit 2009 habe das Straßburger Gericht solche Fälle stets als Verstoß gegen die Menschenrechtskonvention gewertet.

Mordfall Vanessa
17 Bilder
Der Mord an Vanessa am Rosenmontag 2002
Bild: Ulrich Wagner, Marcus Merk, Fred Schöllhorn, dpa

Doch im vergangenen Jahr gab es eine Wende. Der EGMR entschied in einem rechtlich identischen Fall, dass die nachträgliche Sicherungsverwahrung zulässig ist. Der Mann, der mit seiner Klage scheiterte, war der sogenannte „Joggerin-Mörder von Kelheim“. Daniel I. hatte im Sommer 1997 in einem Wald eine Studentin erwürgt und sich danach an der Leiche vergangen. Auch er erhielt die damals höchstmögliche Jugendstrafe von zehn Jahren Haft, auch bei ihm ordnete ein Gericht nachträgliche Sicherungsverwahrung an. Das war 2009.

Könnte Vanessas Mörder in eineinhalb Jahren frei sein?

Die Richter in Straßburg sagten, Deutschland habe durch Expertengutachten ausreichend dargelegt, dass I. wohl weitere Straftaten begehe, wenn er in Freiheit käme. Der Mörder bleibt damit auf unbestimmte Zeit weggesperrt. Rechtsanwalt Ahmed bezeichnete die Entscheidung als „juristischen Purzelbaum rückwärts“.

Das Straßburger Urteil gegen Vanessas Mörder Michael W. folgt aber der neuen Linie. Ahmed kündigt zwar an, gegen die Entscheidung Beschwerde bei einer Großen Kammer des EGMR einzulegen. Es ist aber nicht zu erwarten, dass der Gerichtshof dann von seiner neuen Argumentation abweicht. Wann eine Entscheidung fallen würde, steht ohnehin in den Sternen.

Vanessa Gilg wurde im Jahr 2002 ermordet.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Möglicherweise kommt es darauf aber gar nicht mehr an. Denn Rechtsanwalt Ahmed rechnet damit, dass sein Mandant ohnehin in ein bis zwei Jahren freikommt.

Die Sicherungsverwahrung muss von Gesetzes wegen jedes Jahr aufs Neue überprüft werden. Das geschieht im Regelfall mithilfe von Gutachtern. Adam Ahmed beschreibt Michael W. als Mandanten, der seit Jahren motiviert und bereitwillig in Therapien mitwirke. „Er macht bei allem mit, was angeboten wird“, sagt Ahmed. Doch die Umstände seien schwierig. Zwei Gruppentherapien in Straubing seien zuletzt nicht zum Abschluss gekommen, weil W. am Ende alleine in den Therapiesitzungen war. „Es ist fast tragisch“, sagt Ahmed. Er geht davon aus, dass in ein bis zwei Jahren nichts mehr gegen eine Freilassung sprechen dürfte.

Vanessas Mutter hat Angst, dass der Täter rückfällig wird

Für viele ist das eine beängstigende Vorstellung. Auch für Vanessas Mutter Romana Gilg. Ihre große Sorge ist, dass W. wieder gewalttätig werden könnte. „Die Rückfallquote bei Straftätern, die nach Jugendstrafrecht verurteilt wurden, ist sehr hoch“, sagt sie. Michael W. hatte wiederholt von Gewaltfantasien berichtet. Nach ihren Informationen wurde bei Michael W. nicht genug für Therapie und Resozialisierung getan. „Es ist schwer genug, mit dem Tod von Vanessa zu leben“, meint Romana Gilg, „aber die Vorstellung, dass der Täter freikommt, ohne therapiert und vorbereitet zu sein, ist unerträglich.“

Auch nach so vielen Jahren ist es für Gilg nicht einfach, mit dem Tod ihrer Tochter umzugehen. Erst neulich hat sich die Familie getroffen. „Es war sehr schön, aber es fehlt halt immer jemand“, sagt Vanessas Mutter. Gerade in der Vorweihnachtszeit denke sie viel an ihre fröhliche Tochter. Romana Gilg beschreibt es so: „Wenn etwas besonders schwer oder besonders schön ist, muss ich immer an Vanessa denken.“

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Diese Mordfälle haben die Region bewegt
Bild: Marcus Merk

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