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Corona-Pandemie

03.04.2020

Warum die Kliniken in der Region vor ihrem größten Kampf stehen

Ein Blick auf die Intensivstation der Uniklinik Ulm: Ein Krankenpfleger mit Schutzanzug versorgt Corona-Patienten.
Bild: Andreas Usenbenz

Plus Die Krankenhäuser müssen mit einem Ansturm von schwerkranken Corona-Patienten rechnen. Wie sich zwei Chefärzte und ihre Teams darauf vorbereiten.

Wenn Dr. Manfred Nuscheler morgens um Viertel nach sieben die Intensivstation betritt, geht es jetzt nicht mehr darum, wie für den laufenden Tag das Narkoseprogramm im Operationssaal organisiert werden kann. Jetzt muss er sich vor allem rasch danach erkundigen, wie es ganz bestimmten beatmeten Patienten auf der Krankenstation geht. Jenen Patienten, die am Coronavirus erkrankt sind.

Nuscheler lässt sich zunächst eine Übergabe von der Nacht machen. „Bis 8 Uhr muss ich den aktuellen Stand in unserem Haus an ein zentrales Register des Freistaats weitergeben“, sagt der 58-Jährige, der seit 2003 Chefarzt der Anästhesie in der Klinik Mindelheim ist. Ein Krankenhaus mit 200 Betten, das zum Klinikverbund Allgäu gehört – wie auch die Häuser in Ottobeuren, Kempten, Immenstadt, Sonthofen und Oberstdorf. Ein kleines Haus, in dem allerdings schon zwei Menschen gestorben sind, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Beide Männer waren zwischen 60 und 70 Jahre alt.

Die Patienten seien nicht unmittelbar an der Folge der Viruserkrankung gestorben

Nuscheler darf nicht öffentlich über sie sprechen. Nur so viel: „Die Patienten waren keine typischen Coronafälle und hatten das Virus sozusagen als Nebendiagnose. Schwerwiegender waren ihre Vorerkrankungen. Sie sind nicht unmittelbar als Folge der Viruserkrankung gestorben“ – fließen aber trotzdem in die Statistik der Coronatoten ein.

Warum die Kliniken in der Region vor ihrem größten Kampf stehen

Wie viele Kliniken in der Region hat auch das Krankenhaus in Mindelheim die Zahl seiner Beatmungsplätze stark erhöht – von ursprünglich vier auf nunmehr elf. „Das klingt zunächst nicht nach viel, bedeutet aber für uns einen immensen Aufwand“, sagt der Mediziner. „Man kann nicht einfach ein normales Krankenzimmer in ein Intensivbettzimmer verwandeln.“ Das sei baulich nicht möglich. Schon allein wegen der Leitungen, die verlegt werden müssten, um Beatmungen zu ermöglichen. „Wir haben dennoch im ganzen Klinikverbund Allgäu die Zahlen erhöht.“ Von normalerweise 50 auf insgesamt fast 100 Beatmungsplätze.

„Ein immenser Aufwand“: Chefarzt Dr. Manfred Nuscheler von der Klinik Mindelheim.
Bild: Katrin Rohde, Klinikverbund Allgäu

Denn darauf könnte es in den kommenden Wochen und Monaten ankommen. Derzeit werden drei Corona-Patienten in seiner Abteilung beatmet. Männer zwischen Ende 50 und Anfang 70. „Wir haben inzwischen eine gewisse Erfahrung damit – und ahnen die Corona-Infektion quasi schon, wenn der Patient bei uns eingeliefert wird.“

Da ist die Atemnot. Und da ist die Angst

Die Betroffenen haben oft blaue Lippen vom Sauerstoffmangel. Das Atmen fällt ihnen schwer, die Atemfrequenz ist hoch, bei manchen erzeugt die Atemnot Angst. „Dazu kommen dann die typischen Röntgenbilder, die anders aussehen als bei einer bakteriellen Lungenentzündung. Oft sind beide Lungenflügel betroffen und eine eher diffuse, fleckige Zeichnung ist erkennbar.“

Auch die Laborergebnisse seien typisch, wie man inzwischen wisse, so der Mediziner. Entzündungswerte wie das CRP seien erhöht, weiße Blutkörperchen aber eher nicht – was auf einen Virusbefall hinweist. Das sogenannte LDH wiederum ist deutlich erhöht, das ist ein Indikator für starke Zellschädigungen.

Covid-19 kann zu akutem Lungenversagen führen

Die Sauerstoffsättigung ist niedrig, gemessen werden bei der – vielen Menschen bekannten – Pulsoxymetrie mittels Fingerclip Werte von unter 90 Prozent. Sie sollten eigentlich deutlich über 90 liegen. „Dann gilt es frühzeitig zu intubieren und den Patienten zu beatmen“, sagt Nuscheler. Gefahr ist in Verzug. Denn Corona kann rasch zu einem akuten Lungenversagen führen.

„Das geht in der Tat sehr schnell“, bestätigt Professorin Bettina Jungwirth, Chefärztin der Anästhesiologie an einem viel größeren Krankenhaus – der Uniklinik Ulm. In einem aktuellen Video ist dargestellt, wie die 44-Jährige mit Mundschutz am Krankenbett steht. Mitarbeiter, die durch die Schutzkleidung aussehen wie Astronauten, laufen über die Intensivstation, die ausschließlich für Corona-Patienten aufgerüstet wurde. „Die Sicherheit der Menschen, die hier arbeiten, ist natürlich oberstes Gebot“, sagt die Ärztin. „Aber es ist auch sehr belastend, den ganzen Tag mit der sehr dicht sitzenden Mund-Nase-Maske, Schutzkleidung, Kopfbedeckung und Schutzbrille zu arbeiten.“

Die Dienstschichten wurden wegen Corona auf zwölf Stunden ausgedehnt

Die Dienstschichten wurden von acht auf zwölf Stunden ausgedehnt. „Das gibt mehr Konstanz in der Behandlung, weniger Übergaben sind nötig. Dann kann man die Patienten optimaler versorgen.“ Zudem ließen sich so die Teams besser trennen, damit sie sich nicht gegenseitig anstecken können. „Das Virus hat unsere Arbeit hier stark verändert“, sagt die Intensivmedizinerin. „Aber wir sind uns sicher, dass wir uns gut aufgestellt haben.“

„Die Sicherheit der Menschen, die hier arbeiten, ist oberstes Gebot“: Chefärztin Prof. Bettina Jungwirth von der Uniklinik Ulm.
Bild: Andreas Usenbenz

Nicht nur organisatorisch, sondern auch medizinisch ist die Corona-Infektion natürlich eine Herausforderung, da die Krankheit weitgehend unerforscht ist und es noch keine Medikamente dagegen gibt. In schweren Fällen kommt es zu einer massiven Lungenschädigung. Der Körper kann dann nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden. „Man muss die Beatmung sehr vorsichtig steuern, darf keine hohen Drücke aufbauen wie sonst üblich. Weil das die Lunge schädigen würde.“

Zwar gibt es die Möglichkeit, auch ohne Lunge den Körper mit Sauerstoff zu versorgen – bei der extrakorporalen Membran-Oxygenierung (ECMO). Dabei wird dem Körper direkt über das Blut Kohlendioxid entzogen und Sauerstoff zugefügt. „Doch dieses Verfahren beherrschen nur Intensivmediziner mit viel Erfahrung, was fast ausschließlich in großen Zentren wie den Universitätskliniken gegeben ist“, sagt Bettina Jungwirth.

In Ulm konnten bisher Todesfälle unter den Corona-Patienten verhindert werden

Andere Corona-Patienten wieder entwickeln neben dem so genannten Schweren Akuten Atemwegssyndrom (engl. SARS) eine Sepsis, und andere Organe können dadurch versagen. So kann es zu einem dialysepflichtigen Nierenversagen kommen. Eine weitere Gefahr sind so genannte Superinfektionen, wenn sich die Lunge zusätzlich zur Infektion mit Viren noch mit Bakterien oder Pilzen entzündet. Mit Glück und Geschick konnte die Uniklinik in Ulm bislang noch Todesfälle unter den Corona-Patienten verhindern.

 

Im Hintergrund ist auf der Intensivstation auf einem Bildschirm eine der wohl meist geklickten Internetseiten zu sehen – jene der Johns Hopkins University. Man erkennt die Zahl der Infizierten und Toten in den verschiedenen Ländern. Trauriger Spitzenreiter ist dabei Italien mit nunmehr über 13.000 Corona-Verstorbenen.

Ist dort womöglich ein aggressiverer Virusstamm am Werk? Oder liegt es daran, dass es in Italien mehr antibiotikaresistente Bakterienstämme gibt, weil dort Antibiotika frei verkauft werden? „Nein, das glaube ich nicht“, sagt die Professorin. Italien habe wohl einfach nicht so viel Zeit gehabt, sich vorzubereiten. „Das ist ja auch das, was uns französische und italienische Kollegen empfehlen: Nutzen Sie die Zeit. Und ich denke, das tun wir wirklich.“ Es gebe ein wirklich bewundernswertes Engagement der Mitarbeiter, obwohl sie auch selbst gefährdet sind. Und es gibt eine gute Abstimmung mit den Krankenhäusern der Umgebung.

Im Großraum Ulm/Neu-Ulm gibt es eine interessante Allianz

Zum Beispiel mit den nahe gelegenen drei Kliniken der Kreisspitalstiftung im Landkreis Neu-Ulm – in Weißenhorn, Neu-Ulm und Illertissen. Am letzteren Standort geht der Klinikverbund einen interessanten Weg, berichtet Pressesprecherin Edeltraud Braunwarth. Die Illertalklinik beherbergte bislang eine geriatrische Reha und eine Schmerzambulanz. Diese wurden verlagert, um die Klinik als Schwerpunkt für die Versorgung von Coronakranken, die nicht beatmet werden müssen, auszubauen. „Es entstehen binnen weniger Tage vier Bettenstationen mit rund 120 Betten“, sagt Braunwarth. Jene Patienten, die beatmet werden müssen, kommen auf die Intensivstationen in Weißenhorn und Neu-Ulm.

Oder eben bei Bedarf auch in die Uniklinik Ulm, die als Ort der Wissenschaft an besonders vielen Studien teilnimmt. So wird in der Abteilung von Professorin Jungwirth auch das Malariamittel Chloroquin untersucht, das es – wegen der in seine Wirkung gesetzten Hoffnungen – bis in die Pressekonferenz des Weißen Hauses geschafft hat. Ob sie damit schon Erfolge erzielen konnte? „Das kann ich bislang einfach nicht sagen. Dazu braucht man Studien mit größeren Fallzahlen.“

Die Uniklinik Augsburg hat ihre Kapazitäten deutlich ausgebaut

Außerdem habe das Mittel – genau wie Virostatika – Nebenwirkungen. Bei Chloroquin sind es etwa Veränderungen der Netzhaut, Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen und neuropsychiatrische Symptome. Ob diese Mittel zum Einsatz kommen, wird im Einzelfall entschieden.

 

Auch die Uniklinik in Augsburg hat ihre Kapazitäten deutlich ausgebaut. Zwei Stationen mit je 20 Zimmern für stabile Corona-Patienten und für dringende Verdachtsfälle sind bereits in Betrieb genommen worden. Bei Bedarf könnten kurzfristig weitere Bereiche mit insgesamt 57 Zimmern aktiviert werden, heißt es. Für schwer erkrankte Patienten mit dem Covid-19-Virus werden aktuell zwei Intensivbereiche mit insgesamt 27 Plätzen vorgehalten. Sie können bei Bedarf kurzfristig um neun Plätze erweitert werden.

Stand Mittwoch werden an der Augsburger Uni derzeit 30 Corona-Patienten behandelt, 13 von ihnen müssen auf der Intensivstation beatmet werden. Eine etwa 75 Jahre alte Frau ist gerade im Klinikum gestorben, sie ist das dritte Covid-19-Todesopfer in Augsburg.

Einige Pfleger sind zuhause - noch

Wie in allen Kliniken gehen auch in Mindelheim die Vorbereitungen auf den befürchteten großen Ansturm weiter. Einige Pflegekräfte und manche Ärzte wurden auf Abruf heimgeschickt – meist per Überstundenabbau. Sie werden dann geholt, sobald es losgeht. „Das ist schon etwas Besonderes“, sagt Chefarzt Nuscheler und lobt die große Flexibilität und Einsatzbereitschaft seiner Mitarbeiter. „Die sind daheim – und bereit, auf Abruf zu kommen.“

Immerhin gebe es nun einen Hoffnungsschimmer: „Es zeigt sich, dass die Ausgangsregeln und andere Maßnahmen, die Ansteckung einzudämmen, zu wirken scheinen.“ Die Verdoppelungszeit der Infizierten-Zahlen in Deutschland hat sich von weniger als drei Tage auf mehr als fünf Tage verlängert. „Doch das reicht noch nicht aus“, sagt der Mediziner, der vor seiner Zeit in Mindelheim im Münchner Klinikum Großhadern tätig war.

Ob er Angst hat, sich anzustecken? „Eigentlich nicht“, sagt er und lächelt. Er hatte jüngst einen Schnupfen und wurde getestet. Das Ergebnis war negativ.

Dann sagt er etwas, was im ersten Moment etwas verblüffend klingt: „Wäre ich doch schon infiziert gewesen.“ Und fährt fort: „Dann hätte ich schon Antikörper gebildet. Das wäre super.“ Mitarbeiter, die bereits infiziert gewesen sind und nun als geheilt gelten, wären sozusagen die Sahnemitarbeiter. „Sie könnten ohne die vielen Schutzmaßnahmen sicher am Patienten arbeiten.“

Doch solche Mitarbeiter – die hat er leider noch nicht.

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