Newsticker
Heiko Maas bringt Regel-Lockerungen für Geimpfte ins Spiel
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Wie das Coronavirus der Jugend ein Jahr geraubt hat

Essay

03.01.2021

Wie das Coronavirus der Jugend ein Jahr geraubt hat

Die Pandemie beraubt eine Generation gerade der abenteuerlichsten Zeit ihres Lebens.
Bild: Jan Tepass, imago (Symbolbild)

Plus Jungsein lässt sich nicht nachholen, findet unser Autor, 24. Die Pandemie beraubt eine Generation gerade der abenteuerlichsten Zeit ihres Lebens.

In einer Zeit ohne Lockdown, FFP2-Masken und 83 Millionen deutsche Hobby-Virologen hätte ich nach Silvester ziemlich schnell meine Sachen gepackt. Ich hätte meine Studentenbude in Rom bezogen, die Prüfungen für mein Auslandssemester geschrieben und mich anschließend mit mediokrem Italienisch bis nach Sizilien hinunter gekämpft. Im Gepäck nach Hause eine neue Kultur, neue Freunde, neue Erfahrungen, einen neuen überzeugenden Stichpunkt in meinen Bewerbungsunterlagen.

Die Realität: Zum letzten Mal in Rom war ich im Grundschulalter. Als sich im Frühling in der Lombardei die Leichen stapelten, habe ich mein Auslandssemester abgesagt. Jetzt liegt mein Campus nicht 600 Meter vom Petersdom entfernt, sondern fünf Meter vom eigenen Bett, an einem nussbaumbraunen Schreibtisch, mit Blick hinaus auf den grauen deutschen Virenwinter. Digitales Studium, fast ein ganzes Jahr schon.

Corona-Pandemie: Kann man das Jungsein nicht nachholen?

Corona verlangt uns allen etwas ab. In Seniorenheimen herrscht die Angst vor dem Sterben in Einsamkeit, auf Intensivstationen die Furcht vor dem Kontrollverlust. Hochzeiten wurden verschoben, Meisterschaften ohne Fans gefeiert, Kinder verzweifelt in Notbetreuungen geparkt. Es geht jetzt um Leben und Tod, um Existenzen. Disziplin und Einschränkung sind jetzt die bestimmenden Maximen, nicht mehr Selbstverwirklichung und Freiheit. Ich weiß das.

 

Und dennoch ist es so: Die größten Anpassungsprobleme mit dem von Corona kastrierten Alltag scheint die junge Bevölkerung zu haben. Menschen wie ich, 24, auf die zuletzt oft mit dem Finger gezeigt wurde, die gefragt wurden: Müsst ihr immer feiern? Kann man Jungsein nicht nachholen? Oder, um mit einem Werbespot der Bundesregierung zu sprechen: Bleibt auf der Couch, schaltet die Playstation an und rettet so die Welt. Ganz so einfach ist es leider nicht.

Mitte Dezember traf sich die Bundeskanzlerin mit Studierenden zu einem Online-Gespräch. Was, wenn der Nebenjob wegbricht, fragten sie, wenn Praktika nicht stattfinden, Jobzusagen nichts mehr wert sind? In den Gruppenchat meiner Clique schickte jemand letztens einen Artikel zu den neuesten Pandemiemaßnahmen. Darunter schrieb er: „Ciao, Leben!“ Soziologen sehen bereits eine frustrierte Generation Corona heranwachsen – mit langfristigen Folgen in der Lebensplanung: verpasste Gelegenheiten, ein schwerer Jobeinstieg.

Ein Freund, frisches Erstsemester, erzählte mir: „Ich weiß gar nicht, wie sich richtiges Studieren überhaupt anfühlt.“ Er kenne ja noch nicht mal seine neuen Kommilitonen, weil im Kurs keiner die Webcam anmache. Gesichter, die man sonst auf einen Kaffee nach der Uni kennenlernt, die sich nach dem Studium in alle Welt verteilen und trotzdem potenzielle Freunde fürs Leben bleiben – sie erscheinen ihm nun als graue Kacheln in einer Videokonferenz.

Nie verändert sich das Leben so radikal wie in den Zwanzigern

In meinem Studiengang gab es einen standhaften Kurs. Wir trafen uns donnerstags in Präsenz, um über die deutsche EU-Ratspräsidentschaft oder den Brexit zu diskutieren. 20 Studierende, in einem Saal mit zehnmal so vielen Klappstühlen, mit Maske, mit Abstand, mit Winterjacke, weil Lüften. Es hatte nichts gemein mit einem normalen Seminar – und war doch ein Stück weit lang ersehnte Normalität. Ende November ließ die Professorin per Handzeichen abstimmen, ob der Kurs noch analog oder eben digital stattfinden solle. Die Mehrzahl wollte weiterhin kommen. Am nächsten Tag war Präsenzunterricht von der Politik gänzlich verboten.

 

Nie verändert sich das Leben so radikal wie in den Zwanzigern. Man tritt ein als junges unsicheres Menschlein, auf der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsensein. Und kommt hinaus mit Ehering, sicherem Einkommen und gefestigtem Platz auf der Welt. Im Optimalfall.

Doch wie auf die große Liebe treffen, wenn typische Andockpunkte – die Disco, das Café um die Ecke, die Universität – virale Absperrzonen sind? Wie ins Berufsleben starten, wenn Praktika gerade eben nicht gehen, wenn Corona den Arbeitsmarkt dermaßen durchseucht hat, dass es in manchen Zweigen schwierig ist, überhaupt einen Job zu finden? Wie sich irgendwie festigen in diesem Lebensabschnitt, wenn die Welt um einen herum ins Wanken gerät?

Es ist eben nicht zwangsweise so, wie man es den Jungen jetzt vorhält, dass sich Dinge aufschieben lassen, dass das alles wieder zurückkommt: Das unbeschwerte In-den-Tag-hinein-Leben, WG-Partys, verschwitzte Clubnächte oder das Auslandssemester in Rom. Die Zeiten des sorglosen Studierens bis Ende 20 sind Geschichte. Seit der sogenannten Bologna-Reform ist ein Bachelorabschluss so durchgetaktet wie der Ablauf einer Ministerpräsidentenkonferenz. Ehe man sich versieht, steht das Spießertum vor der Tür, der Ernst des Lebens, der Nine-to-five-Job, die eigene Familie vielleicht, die Verantwortung.

Corona-Pandemie: Es geht um einen kurzen Perspektivwechsel

Im Prinzip sind diese Zeilen nichts anderes als ein therapeutisches Anschreiben gegen die Angst, dass Corona die große Zäsur ist, bevor das Erwachsenenleben endgültig beginnt.

Es gibt Dinge, für die hat man in der Regel nur kleine Zeitfenster, weil sie eine gewisse Ungebundenheit voraussetzen – der Balkan-Roadtrip etwa, auf den ich mit drei alten Schulfreunden vor meinem Abschied nach Italien aufbrechen wollte. Noch ist dieses Fenster gekippt. Aber mit 24 Jahren merke ich, wie es sich langsam schließt.

 

Man kann die Verlustängste junger Menschen als dekadente Erste-Welt-Sicht abtun, auf die Alternativlosigkeit der Einschränkungen verweisen und fragen: Was interessiert mich dein verpasstes Jahr, wenn Tag für Tag geliebte Menschen röchelnd um ihr Leben kämpfen? Zu Recht. Die Probleme der Jugend sind mit dem Sterben der Alten und Schwachen niemals gleichzusetzen.

Vielmehr geht es um einen kurzen Perspektivwechsel, um etwas mehr Verständnis für den Missmut einer Generation, die jahrelang nichts anderes kannte als Aufschwung und Freiheit. Die große weite Welt lag ihr zu Füßen, alles schien möglich, the sky was the limit. Dieser Generation klaut ein Virus gerade die schönste und abenteuerlichste Zeit ihres Lebens.

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

10.01.2021

Mein Vater, Jahrgang 1921, musste mit 18 Jahren in den Krieg ziehen und kam mit 24 Jahren mehrfach verletzt 1945 wieder in ein völlig zerstörtes Zuhause zurück. Dem hat man seine Jugend gestohlen. Das was dieser junge Mann von sich gibt, ist ein Gejammer auf allerhöchstem Niveau. Wenn er mal ein bisschen über sich nachdenkt, wird er vielleicht erkennen, dass das Leben sicherlich noch ein paar gute Jahre für ihn bereitet hält. Jetzt muss halt jeder seinen Teil dazu beitragen, ob alt oder jung.

Permalink
04.01.2021

Wem das Virus bereits jetzt "ein ganzes Jahr geraubt" hat, hat erhebliche emotionale und intellektuelle Defizite!

Permalink
03.01.2021

Lieber Herr Huber, ich schreibe hier statt meiner Gattin. Ich bin vor fast 70 Jahren mit nur einem Bein und zwei verstümmelten Händen zur Welt gekommen. Es ist müßig aufzuzählen, was ich alles gerne getan hätte! aber nicht konnte. Trotzdem bin ich Dr.rer.nat. und konnte mit meiner Ausbild für unsere Gesellschaft meine Leistung erbringen. Meine Eltern haben nach dem 2. Weltkrieg ihre Heimat und ihren ganzen Besitz verloren, ihre Ausbild konnten sie nicht beenden. Sie haben, so wie ich, alle Herausforderungen angenommen und bestanden, wie abertausende unter ähnlichen Umständen. Statt derart beschämend zu jammern, sollten Sie das auch tun. Sie haben noch so viel Zeit dafür.

Permalink
04.01.2021

.
Sie haben recht ob einer solch "infantilen Wirklichkeitsverweigerung"
(Begriff aus dem Kommentar "Jammern? Nein, weil´s jämmerlich ist"
vom 20.11.2020)

Der Verfasser weiß zwar:

"In Seniorenheimen herrscht die Angst vor dem Sterben in Einsamkeit,
auf Intensivstationen die Furcht vor dem Kontrollverlust.
....Kinder verzweifelt in Notbetreuungen geparkt.
Es geht jetzt um Leben und Tod, um Existenzen."

Zwar geschrieben, aber nach meinem Empfinden für einen 24-jährigen
nicht ausreichend reflektiert.

Sonst könnte er in dieser Zeit die "größten Anpassungsprobleme"
nicht der jungen Bevölkerung zuschreiben ..........
.

Permalink
03.01.2021

Die junge Generation feiert, infiziert sich und hat keine Folgeschäden. Welche Gewichtigkeit hat die Meldung der täglich Infizierten ? Ist diese Meldung überhaupt wichtig? Oder ist nur die Anzahl der Toten wichtig in der Beurteilung? Wenn 87 Prozent der Toten über 70 Jahre alt war agiert dann die Politik ausgewogen mit ihren Entscheidungen? Diese besonders gefährdete Zielgruppe wurde vernachlässigt. Die wirtschaftlichen Nachteile spielen in der Gesamtbeurteilung der Entscheidungsträger eine untergeordnete Rolle. Der Einzelhandel geht pleite. Wenn ganz Deutschland Krebs erkrankt, mischt sich dann auch die Politik ein ?

Permalink
03.01.2021

Das Virus hat uns ALLEN ein Jahr geraubt. Auch ältere wären vielleicht dieses Jahr gerne ins Ausland geganngen und hatten Pläne, die ihnen vereitelt wurden! Auch die könnten sagen "Ciaou Leben"!. Sie ärgern sich sicherlich nicht weniger!
Gerade der Jugend bleibt noch genügend Zeit das nachzuholen! Also Kinder hört auf mit dem Gejammer!

Was heisst da langfristige Folgen für die Lebensplanung! Gehts vielleicht einfach mal ne Nummer kleiner! Was sollen all diejenigen sagen, denen nicht nur ein Balkantrip und ein Auslandssemester, sondern die gesamte Existenzgrundlage weggebrochen ist?

Woher will ein 24jähriger zu wissen glauben, dass sich das Leben nur in den 20ern radikal verändert? Wenn er allerdings als optimales Ziel nur noch Ehering und gesichertes Einkommen sieht, und mit 24 schon Torschlusspanik hat, ist er tatsächlich zu bedauern, auch ohne Corona.

Die Generation "die ihr Leben lang nichts kannte als Aufschwung und Freiheit" kommt halt nun auch mal in der Realität an. Aufschwung und Freiheit gibts eben auf Dauer nicht umsonst! Umwege und Rückschritte sind ein normaler Bestandteil des Lebens. Trotzdem bleibt immer noch Raum, schöne und abenteuerliche Zeiten zu erleben, dafür braucht es allerdings Vorstellungskraft und Willen, sein Leben zu gestalten.

Permalink
03.01.2021

Nicht ein Virus hat die Jugend geraubt, sondern die Maßnahmen der Politiker!
Junge Menschen haben selten schwere Corona Verläufe, also wurde ihnen aus "Solidarität" mit den älteren die Jugend geraubt?

Permalink
03.01.2021

Jetzt bekommt die junge Generation halt auch mal den Ernst des Lebens so richtig mit.

Permalink
12.01.2021

"Tolle Aussage, tatsächlich". Haben die jungen Menschen (übrigens, auch die restlichen Menschen), etwa händeringend darum gebeten, dass sie auf diese Welt kommen dürfen ??

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren