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Coronavirus

28.05.2020

Wie das Umfeld auf die Diagnose Covid-19 reagiert

Ist ein Corona-Test positiv, hat das für Betroffene viele Auswirkungen: Neben Krankheitssymptomen können auch Reaktionen aus dem Umfeld belasten.
Bild: Marcus Merk (Symbolbild)

Plus Vorwürfe und Ausgrenzung oder Sorge und Hilfsbereitschaft? Vier Betroffene erzählen von den Erfahrungen, die sie während und nach ihrer Corona-Erkrankung gemacht haben.

Schräge Blicke bekommt Hai Son Le in letzter Zeit immer häufiger zu sehen. Seitdem das Coronavirus in China ausgebrochen ist, hat sich der Alltag des Studenten verändert. Le hat vietnamesische Wurzeln, er lebt in Mindelheim. "Eigentlich bin ich es aufgrund meines asiatischen Aussehens gewohnt, neugierig angeschaut zu werden", sagt er. Doch inzwischen begegnen ihm immer mehr Skepsis und Misstrauen. Zu groß ist die Angst vieler Menschen, er könnte den neuartigen Erreger verbreiten. Ein beklemmendes Gefühlt.

Als Le Mitte März dann tatsächlich an Covid-19 erkrankt, freute sich der Student über den unerwartet starken Rückhalt von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern. Ob er sich durch einen Freund angesteckt hatte oder beim gemeinsamen Besuch in einer Bar, weiß der Mindelheimer nicht: "Es spielt keine Rolle für mich." Mit dem Coronavirus infizieren könne sich jeder. Relevant sei weder Alter, Geschlecht noch Herkunft.

Die Sorge, andere mit Covid-19 angesteckt zu haben, ist eine große Belastung

Kommilitonen, Freunde und Bekannte riefen regelmäßig an und erkundigten sich nach seinem Zustand. "Selbst Leute, mit denen ich zuvor nur sporadisch Kontakt hatte, haben sich bei mir gemeldet", erzählt er. Sei ihm die Decke während der Zeit in der Quarantäne auf den Kopf gefallen, habe er immer jemanden zum Reden gehabt. Wut, Vorwürfe oder Beschimpfungen, von denen viele Betroffene berichten, erfährt er nicht.

Wie das Umfeld auf die Diagnose Covid-19 reagiert

An Hilfe und Mitgefühl, so Le, habe es ihm glücklicherweise nicht gemangelt. Da auch seine Eltern, mit denen er zusammen wohnt, in Quarantäne geschickt wurden, erledigten Freunde und Bekannte abwechselnd die Einkäufe der Familie. "Manchmal bekam ich auch einen Anruf, dass jemand Pizza für uns geholt und vor die Tür gestellt hat", sagt er und lacht. In der sozialen Isolierung freute es ihn dann umso mehr, wenn überraschend Besuch unter seinem Fenster auftauchte und eine Unterhaltung über die Distanz stattfinden konnte.

Negative Erfahrungen hat der Student während seiner Krankheit und auch danach nicht gemacht. Im Gegenteil: "Das Interesse an meinen Symptomen und meinem Alltag war sehr groß." Das ein oder andere Mal hätten seine Antworten aber auch für Panik gesorgt. Besorgte Antworten wie: "Was, ich hatte auch Halsschmerzen", hörte Le nicht nur einmal. 

Das Gefühl, das der Mindelheimer hatte, als er seinen ersten Spaziergang nach der Quarantäne machen konnte, sei für ihn unbeschreiblich gewesen, erzählt er. "Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man freiwillig zu Hause sitzt oder gezwungen ist", betont er. Dass er niemanden angesteckt hat, ist für Le eine große Erleichterung.

Wie das Coronavirus Betroffene zu Aussätzigen machen kann

Nicht ganz so viel Verständnis erfuhr Jasmin Uricchio mit ihre Familie in Neuburg. Die Herausforderungen im Alltag empfand die junge Mutter, die sich auf einen Facebook-Post unserer Redaktion meldete, als besonders belastend. Während der Quarantäne, so erzählt sie, hatte sie mit viel Mühe versucht, für ihre achtjährige Tochter einen Zahnarzttermin zu bekommen. Trotz starker Schmerzen habe sie nur ein einziger der angerufen Ärzte behandelt. Rücksicht auf das verängstigte Mädchen hätte das Praxisteam allerdings nicht genommen.

Leseraufruf: Das Coronavirus hat unseren Alltag inzwischen fest im Griff: Abstand halten, Maske tragen und Hände...

Gepostet von Augsburger Allgemeine am  Montag, 25. Mai 2020

Auch die ärztliche Betreuung vor und während der Krankheit kritisiert sie. Ihre Eltern, die beide mit Lungenvorerkrankungen zu kämpfen haben, bekamen erst nachdem sie einen negativen Test vorweisen konnten einen Termin beim Facharzt. Selbst eine einfache Rezeptabholung sei schwierig geworden. "Wir durften nicht einmal in die Arztpraxis hinein", berichtet Uricchio.

Längst wieder gesund, werde die Familie immer noch mit Skepsis konfrontiert: "Wenn wir sagen, dass wir Corona hatten, macht jeder gleich einen Satz zurück." Das Gefühl, noch immer wie Aussätzige behandelt zu werden, lässt sie nicht los und das, obwohl ihre Familie nach der überstandenen Infektion keine Gefahr darstellt. Immerhin: Auf ihren Facebook-Kommentar erhält Uricchio viele aufbauende Worte, die ihr Mut machen und durch die schwere Zeit helfen wollen.

Die Corona-Demonstrationen stoßen bei bereits Genesenen auf Unverständnis

Auch der Schwabmünchner Hausarzt Sebastian Lochbrunner hat bereits eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus überstanden. Nachdem er wieder genesen war, erreichten den 77-Jährigen viele Glückwünsche, vor allem von seinen Patienten. Inzwischen, so der Arzt, sei die Pandemie viel stärker im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen. Die explosionsartige Ausbreitung im März habe viele überrascht - auch Mediziner. Kaum eine Praxis sei auf das Ausmaß vorbereitet gewesen.

Ernsthaft krank ist der Mediziner in den 47 Jahren, die er bereits als Hausarzt arbeitet, nie gewesen. Deshalb, glaubt er, sei auch die Besorgnis und Anteilnahme unter seinen Patienten so groß. Die Sorge verstärkt hätten sicherlich auch die Schreckensbilder aus Italien.

Mit Vorwürfen oder Wut musste sich Lochbrunner dagegen nicht auseinandersetzen. Dabei hatte er bis zu dem Zeitpunkt, als seine Infektion mit Covid-19 festgestellt wurde, Kontakt mit mehr als 100 Patienten gehabt. Noch bevor sich das Gesundheitsamt mit den betroffenen Personen in Verbindung setzen konnte, hatte der Hausarzt alle bereits persönlich informiert und auf die Situation vorbereitet. Dass der Test bei all seinen Kontaktpersonen anschließend negativ ausgefallen war, erleichterte den Hausarzt.

Bis die Viruskrankheit endlich bei ihm festgestellt wurde, hatte Lochbrunner einen Telefonmarathon hinter sich. Mehrere Anrufe bei der Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung und beim Gesundheitsamt des Landratamts blieben erfolglos. In einer Lungenarztpraxis in Landsberg wird der Hausarzt letztlich getestet. Das Ergebnis: positiv.

Sebastian Lochbrunner betreibt in Schwabmünchen eine von drei Corona Schwerpunkt-Praxen im Landkreis.
Bild: Carmen Janzen

Um anderen Betroffenen einen solchen Leidensweg zu ersparen, entschied er sich nach seiner vollständigen Genesung, eine von drei Schwerpunktpraxen im Landkreis Augsburg zu stellen. Noch, so Lochbrunner, sei die Krankheit ein Chamäleon. Wie der Verlauf aussehe, könne nur geraten werden. Umso trauriger machen den Arzt deshalb die Corona-Demonstrationen deutschlandweit. Das fehlende Verständnis für die Risikogruppen empfindet er als frech und unfair: "Für diese Bewegung habe ich kein Verständnis."

Diese Einschätzung teilt auch Andrea Irlbeck aus Tussenhausen im Unterallgäu: "Wenn ich mir so anschaue, was da für Leute herumlaufen, finde ich das beängstigender als Corona."

Als sie selbst an Covid-19 erkrankte, belastete die freiberufliche Dozentin vor allem die Sorge, andere möglicherweise angesteckt zu haben. Weil ihre Aufträge mit der Pandemie weggebrochen waren, bekam sie über eine Bekannte Arbeit in einem Seniorenheim. Schon in der Einarbeitunsphase, erzählt sie, waren die ersten Fälle auf der Station aufgetreten. Durch Zufall war sie anschließend getestet worden. Symptome hatte sie trotz positivem Test zunächst keine. Zwei Tage später änderte sich das schlagartig.

Vorsorglich mussten auch ihre Eltern, mit denen sie in einem Haus wohnt, in Quarantäne. Sie gehören wegen ihres Alters bereits zur Riskogruppe. Dennoch überwog bei ihnen die Sorge um ihre Tochter. Morgens, erinnert sich Irlbeck, hätten sie die Tür zu ihrer separaten Wohnung aufgemacht und sich nach ihrem Befinden erkundigt. Regelmäßige Lebenszeichen habe sie per Chat schicken müssen. Als gelernte Krankenschwester hätte ihre Mutter ihr sofort geholfen, wenn sich ihr Zustand verschlechtert hätte, da ist sich Irlbeck sicher. Trotz Infektionsrisiko. Glücklicherweise blieben ihre Eltern allerdings gesund und überstanden die Quarantäne unbeschadet.

Aus ihrem Umfeld erfährt Irlbeck Rückhalt und Solidarität: "Inzwischen sind alle gut aufgeklärt und wissen, dass keiner die Krankheit absichtlich verbreitet." Um Bekannten und Freunden die Angst zu nehmen, dass sie noch ansteckend sein könnte, weist sie immer auf die beiden negativen Testergebnisse seit ihrer Genesung hin.

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