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Haustiere

23.02.2018

Wuff! Warum immer mehr Deutsche auf den Hund kommen

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Patricia Uhl mit ihrer Hündin Chili. Irish Setter können so manches Kunststückchen.
Bild: Marcus Merk

Vierbeiner sind beliebt wie nie. Sie sind treuherzig und tun uns gut - meistens jedenfalls. Welche erstaunlichen Erkenntnisse ein Abend in einer Hundeschule bringt.

Wer war zuerst da: Huhn oder Ei? Oder in unserem Fall: der Hunde-Boom oder das „Teebaumöl-Shampoo – Besonders milde Pflege“, Marke Trixie, 250 Milliliter, 3,79 Euro?

Es ist ja erstaunlich, was alles im Regal steht bei Fressnapf. Wer Fressnapf nicht kennt: Das ist das Kaufhaus für Haustier-Besitzer, 1400 Filialen, gut 10.000 Mitarbeiter. Glaube keiner, dass es mit Dose, Napf und Leine getan ist, wenn Fifi erst mal die Pfote über die heimische Türschwelle gesetzt hat. Körbchen, Spielzeug, Bürste, Snackbeutel oder halt Shampoo (übrigens auch in der Ausführung „Color – Zur Intensivierung der natürlichen Fellfarbe“) – die drei Verkäuferinnen, die eben die Filiale aufgesperrt haben, füllen gerade die Reihen auf. So kommt es, dass sich der vom Angebot überwältigte Laie bei der Frage ertappt: Legen sich die Leute einen Hund zu, weil es für jeden Moment im Leben des Vierbeiners das passende Produkt zu geben scheint? Oder hat dieser Boom andere Gründe und die Industrie feuert jetzt, als Reaktion darauf, aus allen Rohren?

Der Verband für Heimtierbedarf hat jedenfalls – wenn auch sicher nicht selbstlos – die Nachricht auf den Markt geworfen, dass die Zahl der in Deutschland gehaltenen Hunde zwischen 2011 und 2016 um 60 Prozent auf 8,6 Millionen gestiegen sei. Vielleicht ist das etwas zu hoch gegriffen. Schließlich gibt es kein zentrales Hunderegister, die Datenerhebung ist ziemlich schwierig. Mehrere Indizien aber weisen zumindest in diese Richtung. Willkommen also in der Hunderepublik Deutschland. Wie lebt es sich darin? Was macht diese Begeisterung mit uns und unserer Umgebung? Und zuvorderst: Warum ein Hund?

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Hund „Chili“ hat ein ganz besonderes Talent

An einem saukalten Abend wie diesem, wo dicke Schneeflocken vom Himmel fallen, jagt man einen solchen eigentlich nicht vor die Tür. Patricia Uhl hat es trotzdem getan. Nun steht sie im eingezäunten Trainingsparcours vor Chili, blickt dem Irish Setter in die dunklen Augen und sagt mit lauter Stimme: „Sitz! Sitz! Sitz, Chili!“ Und weil Chili irgendwann brav sitzen bleibt, greift die 28-Jährige in ihre Bauchtasche und wirft ein Leckerli in die Luft. „Komm, schnapp’s dir!“ Chili kann Pfote geben, hat „Gib mir Fünf“ drauf und – jetzt kommt’s – kann das Leckerli auf der Nase balancieren. „Gute Chili! Gute Chili“, lobt Frauchen und krault die Hündin hinter den braunen Schlappohren.

Aber da ist noch immer die Frage: Warum ein Hund? Die Augsburgerin sagt: „Ich wollte schon immer einen haben, als Kind schon.“ Doch daraus wurde lange nichts. Vor knapp drei Jahren hat sie sich diesen Traum endlich erfüllt, zusammen mit ihrem Freund. „Wir haben gesagt, bevor es ein Kind gibt, gibt es erst einmal einen Hund.“

Weil so ein Hund auch etwas lernen muss, kommt Patricia Uhl jede Woche hierher, in die Hundeschule „Melly and Friends“ im Augsburger Norden. Für 500 Euro im Jahr lernt Chili „Steh“ und „Platz“. Und sie lernt, wie man sich als guter Hund benimmt. Das ist wichtig, erst recht, weil Chili auch mit anderen Leuten zurechtkommen muss. Denn morgens, bevor Patricia Uhl ins Büro geht, bringt sie das Tier zu einer Hunde-Nanny und holt es abends wieder ab. „Ich kann sie ja nicht den ganzen Tag allein lassen.“

Melly Böhm führt seit fünf Jahren eine Hundeschule. Auch sie spürt den Hunde-Boom.
Bild: Marcus Merk

Nun steht sie auf dem Flutlichtplatz, mit Stirnband, Schal und Winterjacke, die Füße in dicken Winterstiefeln, und erzählt davon, wie viel aktiver man doch mit Hund ist, gerade am Abend, gerade jetzt im Winter. Und dass sie immer eine Rasse haben wollte, die kinderlieb und freundlich, energiegeladen und lernfreudig ist, aber nicht zu groß. 1300 Euro war ihr und ihrem Freund der Irish Setter wert – reinrassig, mit Papieren, direkt vom Züchter, versteht sich.

Welche Hunde die Deutschen am liebsten haben

Damit ist Patricia Uhl nicht allein. Elmar Sistermann, Chef des Landesverbands Bayern für das Hundewesen, sagt, dass der Trend zum Rassehund gehe. Muss er auch: Sein Verband vertritt die Hundezüchter. Bleibt trotzdem die Frage, welche Rassen die beliebtesten sind. Ein Mittelspitz, wie ihn die Trainerin in Augsburg gerade über den Mittelparcours führt? Der Terrier daneben? Ein Berger de Pyrénées mit seinen langen Haaren, wie er am Zaun steht? Sistermann winkt ab. Die Liste seines Verbandes, die auf der bundesweiten Welpenstatistik basiert, sieht anders aus: Schäferhund, Dackel, Deutsch Drahthaar, Labrador – das sind die Lieblinge.

Pech für die vielen wunderbaren Mischlinge in Bayerns Haushalten (und leider auch in Tierheimen). Sie lassen sich oft nur schwer kategorisieren und finden in solchen Ranglisten nicht statt. Die Haustierversicherung Agila hat allerdings 2016 Kunden befragt und ein eigenes Beliebtheits-Ranking erstellt. Platz fünf: Chihuahua. Platz vier: Französische Bulldogge. Platz drei: Golden Retriever. Platz zwei: Labrador. König der Hunde ist: der Mischling.

Die Industrie profitiert von allen Vierbeinern. 2016 gaben die Deutschen allein für Hundefutter 1,35 Milliarden Euro aus, Tendenz logischerweise steigend. Und der Onlinehandel ist da noch gar nicht dabei. Wachstumstreiber war mit plus 6,4 Prozent vor allem der Bereich Zubehör – Körbchen, Spielzeug, Bürsten, solche Sachen. Ja, dass immer mehr Menschen auf den Hund gekommen sind, das merken sie auch bei „Melly and Friends“. Seit fünf Jahren gibt es die Hundeschule von Melly Böhm. Seither kommen jedes Jahr mehr Kunden mit ihren Schützlingen, 300 sind es derzeit pro Woche. Und jedes Jahr steigt der Umsatz, allein zwischen 2015 und 2016 um das Dreifache.

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Das sind die Stars der New Yorker Hundeschau
Bild: Seth Wenig/AP/dpa

Betriebsleiter Florian Böhm steht in der Halle, vor der Wand mit handgeflochtenen Halsbändern, Hundemänteln, gepolstertem Hundegeschirr und Hochwert-Nassfutter. Dann legt er los und erzählt von Agility-Training, das Kondition und Konzentration der Vierbeiner, aber auch die Mensch-Hund-Beziehung fördern soll, von Longieren, Dogdance oder Rally Obedience – ein Wettkampfsport, bei dem es um Fuß-Lauf-Übungen und Drehungen geht, die Herrchen und Hund in einem Parcours absolvieren.

An diesem Abend ist erst mal Grunderziehung dran – und von Herrchen keine Spur. Überhaupt sind in der Hundeschule 90 Prozent der Kunden Frauen. Melly Böhm, die Chefin, muss lachen. „Wahrscheinlich ist das wie bei den Kindern: Erziehung ist Frauensache.“ Die 34-Jährige steht in pinkfarbener Schneehose und dickem Anorak auf dem Parcours und verteilt Hütchen. In diesen Feldern sollen die Tiere nachher „Sitz“ machen oder üben, neben Frauchen zu laufen oder im Kreis zu gehen. „Eigentlich“, sagt Melly Böhm, „ist das hier eher Menschen- als Hundetraining.“

Es ist ja längst kein Geheimnis mehr: Tiere tun Menschen gut. Nicht immer, aber tendenziell schon. „Der Umgang mit einem Tier kann stressreduzierend, entspannend und angstlösend sein“, sagt beispielsweise Brigitte Ringenberger, Leitende Psychologin am Bezirkskrankenhaus Augsburg. Tanja Warter ist Tierärztin und regelmäßige Kolumnistin unserer Zeitung. Sie weiß von Eltern, die sich einen Hund anschaffen, weil sie glauben, dass dieser für die Entwicklung ihrer Kinder eine wichtige Rolle spielt. „Hunde sind empathiefördernd“, sagt sie. Sie seien tolle Sozialpartner, „gerade wenn man allein lebt“. Problematisch werde es nur, wenn ein Tier zu sehr als Mensch-Ersatz gesehen wird.

Auch ein richtiges Sportprogramm, wie in diesem Fall, gibt es im Angebot.
Bild: Marcus Merk

Neulich hat Warter in Bregenz am Bodensee, wo sie lebt, einen Mann beobachtet, dessen Mischling auf die Anweisungen seines Besitzers – nun ja – allzu lässig reagierte. Der Mann setzte daraufhin zu einer kleinen Gardinenpredigt an, die mit den Worten begann: „Schau mich an, wenn ich mit dir rede.“ Tanja Warter muss schallend lachen, als sie die Geschichte erzählt.

Das Gute am Hund? In der Augsburger Hundeschule überlegt Astrid Heckelmann nicht lange. Weil sie in der Zeit vor Raluka immer träger wurde. Die 60-Jährige steht am Zaun vor dem Trainingsparcours, neben ihr der kleine Mischling im Hundemantel, und sagt: „Jetzt muss ich raus, ob ich will oder nicht.“ An Weihnachten 2016 hat sie den Vierbeiner bekommen, der aus einer rumänischen Tötungsstation gerettet worden war. Ihr erster eigener Hund und, so war der Plan, ihr treuer Begleiter, wenn sie in Rente geht. „Jetzt hab ich ’nen Hund, bin aber noch gar nicht in Rente“, sagt Astrid Heckelmann und lacht.

Warum Erziehung so wichtig ist

Raluka, Rasse „Straßenköter“, wie sie ihren Racker beschreibt, fetzt über den Parcours, Ily hinterher, Lucy jagt Diego. Und Sam rennt genau in die Ecke, in die er nicht soll. „Sam! Sam! Saaaam!“ Der Australian Shepherd kommt zurück, springt an Tamara Lindermeir hoch und bellt. „Er ist noch richtig ungestüm“, sagt die 24-Jährige. Und mit seinen 13 Monaten im Flegelalter, wo er austestet, wie weit er gehen kann. So einen Hund zu erziehen, kann Jahre dauern, sagt Florian Böhm. Weil dazu auch gehört, „dass er in jeder Situation abrufbar ist“. Auf den Menschen hört, ihm blind vertraut. Und dann sagt Böhm das, was kommen musste: „Die wenigsten Hunde sind wirklich gut erzogen.“

Tamara Lindermeir und ihr kleiner Wirbelwind Sam, ein Australian Shepherd.
Bild: Marcus Merk

Es gehört schließlich auch zur Wahrheit, dass das Zusammenleben von Mensch und Hund Schattenseiten haben kann. Wenn der Vierbeiner aggressiv ist – 2016 gab es in Bayern laut Innenministerium 610 registrierte Beißattacken auf Menschen, 140 mehr als fünf Jahre zuvor. Wenn Menschen überfordert sind und ihre Hunde ins Tierheim abschieben – und das dann nicht mehr weiß, wohin mit den Viechern. In den österreichischen Bundesländern Salzburg und Oberösterreich ist ein Hundeführerschein übrigens Pflicht, erzählt Expertin Tanja Warter. Zwei Stunden Beratung bei einem Tierarzt, sonst darf man sein Herzerl nicht anmelden.

Und da ist noch eine Sache, die vielen stinkt. „Das Hundegackerl“, wie die Österreicherin die Hinterlassenschaft nennt. „Ein Riesenthema“, gerade, wenn Mensch hineintritt. Inzwischen gibt es vielerorts entlang von Spazierwegen Boxen mit Tüten. In Wien haben sie sich dafür sogar einen Slogan ausgedacht: „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl“. Aber wohin mit einem solchen dann gefüllten, wenn weit und breit kein Mülleimer steht?

Darauf bietet Fressnapf übrigens keine Antwort. Nur eine Packung „8in1 Poop Patrol Sammeltüten“, sechs Stück, 7,99 Euro.

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