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Interview

29.06.2020

Dillinger Dekan Schaufler: „Die Kirche ist eine Baustelle“

Der Gundelfinger Stadtpfarrer Johannes Schaufler ist neuer Dekan des katholischen Dekanats Dillingen. Er versteht sich als Sprachrohr von der Basis zu Bischof Bertram – und umgekehrt.
Bild: Andreas Schopf

Plus Der neue Dekan Johannes Schaufler ist Sprachrohr von etwa 60.000 Katholiken im Landkreis Dillingen. Der Gundelfinger Stadtpfarrer gibt in der aktuellen Krise klare Antworten.

Der Augsburger Bischof Bertram Meier hat Sie am 12. Juni zum Dekan des katholischen Dekanats Dillingen ernannt. Haben Sie viele Gratulationen entgegengenommen? Johannes Schaufler: Ja, es waren nicht nur Gratulationen, sondern Ovationen. Aber im Ernst. Einer muss es machen. Und jeder meiner Kollegen ist froh, dass ich mich dazu bereit erklärt habe. Denn es hat jeder in seinen Pfarreien schon genug zu tun.

Also war ein wenig Zwang dabei?

Schaufler: Nein, so ist es auch nicht. Ich kenne Bischof Bertram schon sehr lange und finde ihn sympathisch. Jetzt bin ich Dekan, und ich bin dankbar für das Wohlwollen meines Bischofs.

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Welche Aufgaben hat ein Dekan?

Schaufler: Ich bin Sprachrohr der Gläubigen, der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter und der Seelsorger im katholischen Dekanat Dillingen nach oben zum Bischof. Gleichzeitig bin ich aber auch Sprachrohr des Bischofs nach unten. Wenn der Bischof etwas sagen will, Anweisungen macht oder Fragen vorbringt, dann kommuniziere ich das im Dekanat Dillingen. In vielen kirchlichen Themen ist es für den Bischof wichtig, wie die Basis denkt.

Die Vorschrift des Zölibats, das Gebot der Ehelosigkeit für katholische Priester, wird sich aber durch das Wissen, wie vielleicht die Mehrzahl der Gläubigen bei uns denkt, nicht ändern.

Schaufler: Ich habe nicht gleich an dieses Thema gedacht, das ständig in den Medien breitgetreten wird. Über diese grundsätzlichen Fragen entscheidet ja auch nicht der Augsburger Bischof.

Sie haben als Seelsorger der Pfarreiengemeinschaft Gundelfingen eine Menge zu tun. Was kommt mit Ihrer Aufgabe als Dekan hinzu?

Schaufler: Ich organisiere einmal im Monat das Treffen der katholischen Pfarrer im Landkreis Dillingen, den sogenannten Dies. Dort kommen gelegentlich auch Kapläne, Diakone, Gemeindereferenten/-innen und die Pfarrsekretärinnen hinzu. Und ich sorge dafür, dass es immer wieder einen Input durch Referenten gibt. Vor kurzem gab beispielsweise eine Mitarbeiterin der Kripo Hinweise, wie man sich vor Einbrüchen, Diebstählen und Betrügern schützen kann. Dieses Wissen können wir dann wiederum an unsere Gläubigen, insbesondere die Senioren, weitergeben.

2017 lebten knapp 63.000 Katholiken im Landkreis Dillingen. Die Zahl dürfte weiter gesunken sein. Beobachten Sie einen Glaubensschwund in der Region oder ist im „Schwäbischen Rom“, wie Dillingen mitunter genannt wird, das Feuer des Christentums immer noch spürbar?

Schaufler: Wir erleben gegenwärtig die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie. Wegen der Hygienevorschriften muss jede zweite Bank in den Kirchen leer bleiben. Und viele verwenden dabei rot-weiße Absperrbänder, wie sie auf Baustellen zu sehen sind. Dieses Bild zeigt für mich die Situation der Kirche: Sie ist eine Baustelle. Und in dieser Kirche werden immer mehr Plätze frei bleiben. Aber es gibt auf der anderen Seite so viele Gläubige, die sich zum Christentum bekennen und sich für den Glauben engagieren. Ich bin glücklich, dass es viele Ehrenamtliche in unseren Pfarrgemeinden gibt, die das christliche Leben mitgestalten. Die Anzahl der Gläubigen sinkt aber. Ich hoffe, dass sich dies nicht so sehr in unseren finanziellen Möglichkeiten niederschlägt, damit die Kirche auch weiterhin ihren Auftrag in ihren karitativen und sozialen Einrichtungen erfüllen kann.

Viele können mit dem Glauben nichts mehr anfangen. Sie stellen angesichts der Endlichkeit und der Verwerfungen in dieser Welt die Sinnfrage, gelangen aber nicht mehr zur Kirche.

Schaufler: Glaube entspringt in den seltensten Fällen aus der positiven Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens. Ein Leben aus dem Glauben heraus wird durch eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus möglich. Es ist die ausgestreckte Hand Gottes, die wir ergreifen dürfen. Es ist die Hand Gottes, die uns fasst und uns im Dasein hält, auch wenn das Leben zu seinem Ende kommt. Es ist die Verheißung vom Himmel her, dass Gott uns hilft. Die ganze Bibel ist voll von diesen Erfahrungen: Wer auf Gott setzt, findet Halt, auch wenn alles verloren scheint – eine Situation, die auch Christus am Kreuz durchlitten hat. Es ist die Gnade Gottes, die uns erlöst und nach dem Tod neues Leben schenkt.

Zweifler werden da wenig damit anfangen können.

Schaufler: Diese Erfahrung muss man mit dem Herzen vollziehen. Ich empfehle Menschen, in die Kirchen zu gehen. Dort zeigen sich die Glaubenszeugnisse unserer Vorfahren, die Vertrauen in Gott hatten. Auch die Jünger hatten die Zuversicht, dass Gott ihnen nach dem Tod den Himmel schenkt. Wie hätten sie denn sonst durchhalten können, als man ihnen nach dem Leben trachtete.

Die Kirche ist durch die Vielzahl der Fälle von sexuellem Missbrauch in Verruf geraten. Belastet Sie das negative Image der Kirche?

Schaufler: Um nicht missverstanden zu werden: Bei sexuellem Missbrauch darf es null Toleranz geben! Jeder Fall muss aufgeklärt werden. Aber es ist ungerecht, die Seelsorger der Kirche auf eine Ansammlung von pädophilen Pfarrern zu reduzieren. In dieser Debatte wird im Übrigen der sexuelle Missbrauch innerhalb von Familien ausgeblendet. Natürlich belastet es mich als Seelsorger, wenn die Kirche auf die Schuld Einzelner reduziert wird. Die Medien haben die Pflicht, solche Fälle aufzudecken. Aber es fehlt oft der Blick auf das Positive. Etwa welche Arbeit in unseren Kindergärten geleistet wird, was unsere Ehrenamtlichen in den Tafeln und bei der Betreuung von Flüchtlingen leisten, was gläubige Christen in lebendigen Pfarrgemeinden tun. Ein Beispiel einseitiger Berichterstattung ist für mich die Amazonas-Synode, zu der auch der Gundelfinger Theologe Paulo Süss einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Berichtet wurde überwiegend nur, dass Papst Franziskus keine definitive Antwort auf die Frage gegeben habe, ob verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden dürfen.

Was fehlte denn?

Schaufler: Es ging hier um die grundsätzliche Frage, wie wir mit der grünen Lunge dieser Welt, dem Amazonas, umgehen. Auch Medien müssen sensibler sein und sich nicht immer nur an den alten Themen festbeißen.

Haben Sie sich als Sprachrohr der Basis der Katholiken und des Bischofs etwas vorgenommen?

Schaufler: Ich bin Dekan und kein Politiker, deshalb habe ich kein konkretes Programm, wenn Sie das meinen. Ich will mich dafür einsetzen, dass der Zusammenhalt der Pfarrgemeinden gestärkt wird. Die Kommunikation muss stimmen, das hat mein Vorgänger Dieter Zitzler sehr gut gemacht. Grundsätzlich müssen wir uns auf unseren christlichen Glauben besinnen. Uns geht es um die Menschen; ihnen haben wir etwas zu sagen. Zum Beispiel, dass wir gut mit unseren Mitmenschen und der Schöpfung umgehen sollen und die Natur nicht ausbeuten. Mir ist es ein Anliegen, dass wir als katholische und evangelische Kirche noch mehr mit einer Stimme sprechen und uns miteinander für eine gute Zukunft einsetzen.

Interview: Berthold Veh

Zur Person:
Johannes Schaufler wurde 1961 in Augsburg geboren. Er empfing am 28. Juni 1987 die Priesterweihe. Danach war Schaufler zunächst Kaplan in Weilheim in der Pfarrei Mariä Himmelfahrt und anschließend in Augsburg-Heilig Geist, bevor er 1990 Pfarradministrator in Oberreute und 1996 Pfarrer in Mering wurde.

Seit 1. September 2010 ist der heute 58-jährige Seelsorger in der Gärtnerstadt und Leiter der Pfarreiengemeinschaft Gundelfingen. Der frühere Dekan Dieter Zitzler hatte zum 1. September 2019 die Pfarrstelle in Unterglauheim gewechselt. Er leitet seitdem die Pfarreiengemeinschaft Buchloe. Johannes Schaufler war vor seiner Ernennung zum Dekan bereits Prodekan im Dekanat Dillingen. (dz)


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