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Höchstädt

15.04.2017

„Ich lebe. Und das ist ein Wunder“

Sie halten zusammen: Stefan Lenz und seine Ehefrau Roswitha.
Bild: Bronnhuber

Höchstädts Bürgermeister Stefan Lenz hat im November einen schweren Herzinfarkt erlitten. Inzwischen ist er zu Hause. Ob er noch mal ins Rathaus zurückkehren kann?

Diesen Satz wird sie in ihrem Leben nicht mehr vergessen: „Stellen Sie sich darauf ein, dass Ihr Mann sterben wird.“ Binnen Sekunden ist nichts mehr so, wie es einmal war. Panik, Schock und Hilflosigkeit vermischen sich. Roswitha Lenz kann sich sehr genau an diesen Moment erinnern. „Ich dachte, ich träume. Das will ich nie wieder erleben“, sagt sie. Sie hat nicht geträumt. Die Blindheimerin muss um das Leben ihres geliebten Ehemanns Stefan bangen – und dabei war bis vor wenigen Stunden an diesem Abend alles in Ordnung. „Damit hätte ich niemals gerechnet. Ich dachte, er wird kurz untersucht und dann fahren wir wieder heim“, erzählt sie. Sind sie nicht. Es war der Anfang eines schweren Weges mit ungewissem Ende.

Montag, 21. November 2016. Alles ist wie immer. Stefan Lenz, Erster Bürgermeister der Stadt Höch-städt, hat viele Termine. Er erledigt wie jeden Tag seine Amtsgeschäfte im Rathaus und ist zusätzlich bei einer Besprechung im Landratsamt. Beim Tanken seines Autos trifft er zufällig seinen Bruder, die beiden unterhalten sich eine Weile. Nach der Brotzeit am Abend mit Ehefrau Roswitha schreibt er noch an einer Trau-Rede – eine Lieblingsarbeit des Bürgermeisters. Irgendwann klagt Stefan Lenz über Verspannungen im Brustbereich und im Nacken. Nichts Schlimmes. Nachdem aber auch das Ausruhen auf dem Sofa keine Linderung ergibt, kontaktiert Ehefrau Roswitha Lenz den befreundeten Hausarzt Rainer Schindler – und der schickt die beiden ins Wertinger Krankenhaus. Zur Sicherheit. „Was dann passiert ist, das kann ich eigentlich immer noch nicht glauben. Damit habe ich nicht gerechnet.“

Zuerst setzt sich Stefan Lenz selbstverständlich hinters Lenkrad, nach ungefähr der Hälfte der Fahrtstrecke fährt er rechts an die Seite und bittet seine Frau weiterzufahren. „Da wusste ich, dass es was Ernstes ist.“ Sehr ernst. Auf Höhe Binswangen erleidet ihr Mann einen schweren Vorderwand-Herzinfarkt, kurz vor dem Ortsschild Wertingen kollabiert er. „Ich habe nur noch Gas gegeben. Ich war wie ein Roboter. Das war ganz, ganz schrecklich.“ Hupend fährt sie in den Hof des Krankenhauses, eine bekannte Krankenschwester hat zufällig Dienst und kommt ihr gleich zu Hilfe. Und wie es der Zufall – oder das Schicksal – will, kommt ein Arzt, der an diesem Tag frei hat und joggen ist, vorbei, und greift ebenfalls mit ein. 50 Minuten wird Stefan Lenz reanimiert. Zwischenzeitlich wird Ehefrau Roswitha in ein separates Zimmer gebracht, eine nahestehende Tante eilt herbei und steht ihr zur Seite. Schnell werden die Kinder Tina und Thomas informiert, die aus Regensburg beziehungsweise Darmstadt spätnachts anreisen. Nach quälenden zwei Stunden eine erste gute Nachricht: Stefan Lenz spricht auf die Medikamente an, es gibt einen kleinen Funken Hoffnung. Und an diesem Funken haben Roswitha Lenz, die ganze Familie, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und Bürger von Höchstädt und darüber hinaus festgehalten. „Uns war nicht klar, was alles auf uns zukommt. Aber wir haben es geschafft. Mir geht es gut, weil er wieder da ist“, sagt Roswitha Lenz und lächelt ihren Ehemann an.

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Stefan Lenz hört den Schilderungen seiner Ehefrau zu, manchmal nickt er zustimmend, die meiste Zeit beobachtet er sie aber still. Er kann sich an nichts von dem, was sie erzählt, erinnern. „Echte Erinnerungen habe ich erst wieder ab Ende Januar“, sagt der Bürgermeister. Seit vier Wochen ist er wieder zu Hause in Blindheim, nachdem er viele anstrengende, schwere, aber auch hilfreiche Wochen im Therapiezentrum Burgau verbracht hat. Das Leben, das er jetzt führt, ist ein anderes. „Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass es mir gut geht. Aber ich bin zufrieden. Ich lebe. Und das ist ein Wunder.“ Stefan Lenz redet so, wie man ihn kennt, Mimik und Gestik haben sich nicht verändert. Auf den ersten Blick fällt lediglich auf, dass er ein wenig dünner geworden ist. „Darum fragen mich viele, wann ich denn ins Rathaus zurückkehre. Man sieht es mir nicht an. Aber ich bin noch lange nicht gesund.“ Probleme hat Höchstädts Bürgermeister damit, dass er 80 Prozent der Menschen in seiner Umgebung nicht sofort erkennt. „Es kann mir keiner sagen, ob und wann das wieder zurückkommt.“ Manchmal sucht er auch nach den richtigen Worten, und mit Situationen, in denen Dinge gleichzeitig passieren, tut er sich schwer. „Aber ich arbeite fest daran. Ich mache sechs verschiedene Therapien in der Woche und trainiere auch zu Hause“, erzählt der 56-Jährige. Die Familie sei mit eingespannt und helfe ihm, wo es gehe. Er sei motiviert. „Aber es gibt Tage, da weine ich den halben Tag. Weil ich sehe, was ich nicht kann.“ In diesen Stunden helfen ihm auch die vielen Briefe, die er von Bürgern erhalten hat – eine ganze Kiste voll mit größter Anteilnahme. „Ich bin darüber sehr, sehr gerührt und will sie alle beantworten.“

Mittlerweile geht das auch, das Schreiben und Lesen konnte Stefan Lenz sehr schnell wieder abrufen, wie Ehefrau Roswitha schildert. Manche anderen Dinge, wie etwa das Kommunizieren, dauerten und waren harte Arbeit. „Darum haben wir in der Zeit in Burgau kaum Besuch empfangen. Das wäre für beide Seiten nicht gut gewesen“, erzählt sie. Nachdem Stefan Lenz aus dem künstlichen Koma vier Tage nach dem schweren Infarkt aufgewacht ist, kam er nur wenige Tage später nach Burgau – eine schlimme Zeit für alle Beteiligten, wie Roswitha Lenz sagt. „Wir hatten viele Kämpfe. Er hatte eine furchtbare Unruhe in sich. Vier Wochen vor seiner Entlassung hat er dann einen richtigen Sprung gemacht.“ Einen so großen, dass klar war, dass er nach Hause zu seiner Familie in sein gewohntes Umfeld zurückgehen kann. „Darüber sind wir alle so glücklich.“

Und Stefan Lenz wäre nicht Stefan Lenz, würde er jetzt nicht alles dafür tun, um wieder ganz gesund zu werden. „Ich habe mir alle Therapiegegenstände für zu Hause gekauft und mache so viel wie möglich. Es kommt jeden Tag ein bisschen mehr. Es ist oft so wenig, dass man es nicht merkt. Deshalb will ich oft zu schnell zu viel. So bin ich halt“, sagt er und lächelt.

Eines will Stefan Lenz aber nicht: Sich in die Arbeit seines Stellvertreters einmischen. „Ich bin so begeistert und überwältigt, wie toll Stephan Karg seine Sache macht. Alle leisten unglaubliche Arbeit. Ich mische mich nicht ein, weil ich es nicht kann. Der Laden läuft, das ist das größte Lob.“ Er gebe alles, um wieder ganz fit zu sein. Aber die Entscheidung, ob er wieder als Erster Bürgermeister der Stadt Höchstädt arbeiten kann, kann er momentan nicht treffen. „Das kann ich erst entscheiden, wenn ich körperlich und geistig wieder fit bin – vorausgesetzt, ich werde es überhaupt. Ich liebe diesen Job. Aber ich komme nur zurück ins Rathaus, wenn ich wieder so funktioniere, wie ich schon funktioniert habe.“ Es gibt dafür kein Zeitlimit, sein Arzt habe ihm Denk-Verbot erteilt. „Ich konzentriere mich auf meine Gesundheit. Ich passe jetzt mehr auf mich auf“, so Lenz. Denn eines sei ihm ganz bewusst: „Meine Frau hat mir das Leben gerettet und meine Familie hat mehr gelitten als ich.“

Stefan und Roswitha Lenz sind voller Dankbarkeit gegenüber den Ärzten, Therapeuten und Menschen, die ihnen geholfen haben und noch weiter helfen – ob in Wertingen, in Burgau oder zu Hause. „Wir hatten ein großes Unglück, und dann hat sich ein Glück nach dem anderen angereiht. Wir müssen jeden Tag an seiner Genesung arbeiten. Eines nach dem anderen. Es ist ganz wichtig, dass man immer nach vorne schaut“, sagt Ehefrau Roswitha.

Es sind die kleinen Dinge, die zählen. Zum Beispiel das Osterfest. Tina und Thomas kochen das verpasste Weihnachtsessen. Es gibt karibischen Schweinebraten mit Balsamico-Kartoffeln. „Ich wusste nicht, dass es in der Karibik Sauen gibt“, sagt Lenz und lacht herzhaft auf. Und für einen Moment sind alle Sorgen vergessen. "Diese Woche

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