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Genossenschaft

27.10.2014

Streit um Nahwärme stört Dorffrieden

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Als „Leuchtturmprojekt“ gefeiert wurde bei der Einweihung die Nahwärmeversorgung in Fristingen (Bild links die Biogasanlage, rechts das Blockheizkraftwerk). Doch mittlerweile herrscht Zoff zwischen Lieferant und Genossenschaft, deren kompletter Vorstand zurückgetreten ist.

Kompletter Vorstand zurückgetreten. Lieferant Bernhard Joas sieht sich als „Sündenbock“

Seit Monaten ist der Dorffrieden in Fristingen gestört. Frauen gehen nicht mehr in die Probe des Kirchenchores, weil ihre ehemaligen Mitsängerinnen der „Gegenpartei“ angehören. Was einmal wegen des Einsatzes regionaler und regenerativer Energien zum „Leuchtturmprojekt“ hochstilisiertes Vorzeigeobjekt der Wärmeversorgung war, hat sich mittlerweile als Rohrkrepierer erwiesen. Es gibt nur noch Zoff zwischen den 119 Genossen der Nahwärmeversorgung und dem Lieferanten der benötigten Wärme, dem Biogasanlagenbetreiber Bernhard Joas.

Wo letztlich die Schuld für das Zerwürfnis liegt, lässt sich derzeit nur schwer ausmachen. Sicher ist nur, dass die Genossenschaft führungslos vor sich hertrudelt, dass weder der übergeordnete Genossenschaftsverband Bayern noch das zuständige Registergericht in Augsburg einen Notvorstand installieren konnten. Die Genossen sind derzeit zur Untätigkeit verurteilt. Auch Mediatorenhilfe der Stadt Dillingen und der Raiffeisenbank Aschberg in Person von Josef Negele haben bislang keine Lösung aufzeigen können.

Worum geht es? Im Jahr 2011 hatte sich die Genossenschaft zur Nahwärme in dem Dillinger Stadtteil gegründet. In der Anlage des Fristinger Landwirts Bernhard Joas wird Biogas erzeugt und in ein in Dorfnähe stehendes Blockheizkraftwerk geleitet. Die dabei anfallende Abwärme wird mit dem Medium Wasser in die einzelnen Haushalte transportiert und über Wärmetauscher an die hausinternen Heizungsanlagen abgegeben. Die Planung sah eine Länge des Netzes von 4900 Metern und eine Versorgung von 115 Haushalten vor. Insgesamt sollten drei Millionen kWh Wärmeenergie durch das Netz geleitet werden, was ungefähr einer Einsparung von 350000 Liter Heizöl im Jahr entspricht.

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Doch bereits im vergangenen Winter gab es Engpässe. Biogasbauer und Wärmelieferant Bernhard Joas versichert, dass nur durch seinen freiwilligen Einsatz über 600 kWh geliefert worden seien. Er habe damit verhindert, dass die Menschen frieren mussten.

Am 1. März 2013 habe man dann festgelegt, dass die Genossenschaft selbst für die Mehrproduktion zuständig sei. Es sei ihm, Joas, nicht zuzumuten, auf Dauer auch die zweite Maschine laufen zu lassen, die nur zur Notversorgung gedacht sei. Seine Behauptung: Die Genossenschaft habe zu viele Haushalte angeschlossen, ohne genaue Berechnungen durchgeführt zu haben. Bereits im Sommer bei Überproduktion hätten einige Anschlussnehmer ihr Brauchwasser mit Heizöl erwärmen müssen, weil die Übergabestationen nicht funktioniert hätten.

Joas zur DZ: „Und jetzt soll ich zum Sündenbock gemacht werden.“ Sein Gegenvorschlag: Die Genossenschaft auflösen und direkte Verträge mit ihm abschließen.

Der bisherige Vorsitzende Wolfgang Binswanger, der mit seinen anderen Vorstandsmitgliedern bereits im Juli zurückgetreten ist, sucht nach eigenen Angaben weiter nach einer Lösung des Konflikts. Allerdings sind ihm die Hände gebunden, denn seit seinem Rücktritt hat er keine Vollmachten mehr. Binswanger: „Die vertraglich zugesagte Menge fehlt.“ Sein Vorwurf an Cousin Joas: „Er will die Vorherrschaft über das Netz übernehmen.“Alternativ habe man jetzt Contractingangebote und eine Pelletheizung in Prüfung. Eindeutiges Ziel der Genossen ist es laut Binswanger, „uns unabhängig zu machen“.

Die Grundproblematik scheint darin zu liegen, dass der Wärmeanbieter nur 400 kWh vertragliche Mindestleistung zugesagt hat, aber die Option auf weitere 300 kWh mögliche Zusatzlieferung hat, die er aber nicht in jedem Fall bringen muss. Die Genossenschaft ihrerseits steht aber auf dem Standpunkt, dass die 700 kWh als Normallieferung zur Verfügung zu stehen haben. Wolfgang Binswanger, der trotz Rücktritts im Hintergrund immer noch die Fäden zieht, sieht die Schuld allein bei Bernhard Joas, der seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachkomme und außerdem genossenschaftsschädliche Handlungen vorgenommen habe, etwa das Auswechseln der Schlösser am Blockheizkraftwerk oder die Zerstörung der Steuerungsanlage. Das alles ist inzwischen polizei- und anwaltsrelevant. Jetzt haben die Juristen der jeweiligen Parteien das Sagen.

Da stehen noch andere Vorwürfe im Raum. Bis heute sei das Blockheizkraftwerk nicht abgerechnet, ebenso schulde die Genossenschaft dem Wärmelieferanten Abschlagszahlungen. Joas will nicht dafür herhalten, dass der Genossenschaftsvorstand sich übernommen habe. Dieser habe die Leitungen teilweise schlecht gebaut, wodurch es zu großen Transportverlusten komme, andererseits zu große Wärmeeinheiten versprochen, die gar nicht zu gewährleisten seien.

Mediator Josef Negele, Vorstand der Raiffeisenbank Aschberg, der in mehreren Gesprächsrunden nach einer Lösung gesucht hat, sagte gegenüber unserer Zeitung: „Wenn sich kein Vorstand findet, wird das Registergericht in Zusammenarbeit mit der IHK einen externen Vorstand suchen.“ Er spricht von einer „schwierigen Situation“. Alle anderen Nahwärmeversorgungen funktionierten einwandfrei. Negele: „Es müsste eigentlich eine Win-win-Situation sein.“

Joas und Binswanger können ganz offensichtlich nicht mehr miteinander. Deshalb scheint es nach Ansicht objektiver Genossenschaftsmitglieder doppelt geboten, dass ein unbelasteter Neuanfang gemacht wird. Aber dafür muss sich erst ein neuer Vorstand finden, was nicht so einfach scheint.

Die Stadt Dillingen ist einfaches Mitglied der Nahwärme-Genossenschaft in Fristingen, da auch der städtische Kneipp-Kindergarten an das Netz angeschlossen ist. Bei der jüngsten Bürgerversammlung in Fristingen richtete Oberbürgermeister Frank Kunz daher einen dringenden Appell an die Verantwortlichen und Beteiligten: „Bei allem Verständnis sowohl für vertragliche als auch menschliche Differenzen bitte ich im Sinne einer tragfähigen Lösung darum, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Wenn es der Sache dient, bin ich im Rahmen der Möglichkeiten auch gern bereit, hier erneut zu vermitteln.“ Lobend hob Kunz das Engagement des Vorstandsvorsitzenden der Raiffeisenbank Aschberg, Josef Negele, hervor, der in den vergangenen Monaten in zahlreichen Gesprächen versucht hatte, eine Lösung herbeizuführen. Kunz: „Die Nahwärme in Fristingen war und ist ein Leuchtturmprojekt, für das jetzt mehr denn je gekämpft werden muss! Es ist noch nicht zu spät!“

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