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Wertingen

29.11.2019

Wie ehemalige Schüler nach Jahrzehnten ihrer Lieblingslehrerin danken

Die 80-jährige Margit Heindl (links) und ihre Tochter Marion Heindl hatten beide Erna Meißner als Lehrerin in der Grundschule. Gleichzeitig waren sie in Unterthürheim die Nachbarinnen der heute 99-Jährigen, die mittlerweile im Wertinger Seniorenzentrum St. Klara lebt. Dort besuchen die beiden Frauen ihre ehemalige Lehrerin und heutige Freundin regelmäßig. Diese Woche überraschten sie sie mit einem Buch, in das viele ehemalige Schüler ihr ganz persönliche Worte geschrieben haben.
Bild: Birgit Hassan

Plus Die 99-jährige Erna Meißner prägte für viele nicht nur die Grundschulzeit, sondern das ganze Leben. Nun haben sich frühere Schützlinge bei der Unterthürheimerin bedankt. Etwas hat sie landkreisweit zur Vorreiterin gemacht.

Ihr Händedruck ist warm und kräftig, und er kommt von Herzen. Mit einem klaren, weichen Blick erfasst Erna Meißner ihr Gegenüber. An eine Begegnung vor vier Jahren erinnert sie sich nicht mehr, dafür an viele Erlebnisse früherer Jahre. Überrascht blickt die 99-Jährige auf ein dunkelrosanes Buch auf ihrem Schoß. Ein Geschenk. Margit und Marion Heindl haben es ihr soeben überreicht. Mutter und Tochter, beide ehemals Schülerinnen von Erna Meißner. Die 80-jährige Margit, eine ihrer ersten in Unterthürheim, die 54-jährige Marion in der letzten Klasse, die Erna Meißner unterrichtet hat. „Nie hätte ich gedacht, dass meine Lehrerin, vor der ich damals wie heute großen Respekt habe, mal meine enge Freundin wird“, sagt Marion Meißner mit Blick auf die 99-Jährige.

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Sie zog später nach Unterthürheim

Eine Freundin, so nennen heute mehrere ihrer ehemaligen Schüler Erna Meißner. In besagtem rosaroten Buch drücken viele von ihnen ihre Dankbarkeit aus. Sie danken der pensionierten Lehrerin für ihre „liebevolle, humorvolle und gütige Art“, mit der sie ihre Schüler „in dieser doch schwierigen Zeit“ aufs Leben vorbereitet hat. „Das Leben meistert man lächelnd“ – das vermittelte Erna Meißner nicht nur in Worten, sondern durch ihr eigenes Vorbild.

1946 kam sie im Alter von 26 Jahren mit Mann und Sohn zunächst nach Pfaffenhofen und zog ein Jahr später nach Unterthürheim. In ihrer Heimat im nordböhmischen Aussig hatte die damals 26-Jährige bereits fünf Jahre unterrichtet. In Unterthürheim war die junge Lehrerin vom ersten Tag an gefordert. 56 Kinder – die Erst- und Zweitklässler vormittags, die Dritt- und Viertklässler am Nachmittag. „Mit viel Geduld brachte sie uns Lesen, Schreiben, Rechnen bei“, steht in dem Buch ebenso geschrieben wie: „Das Rezept von den gefüllten Eiern mache ich noch heute.“ Erna Meißner wollte die ihr anvertrauten Kinder ganzheitlich aufs Leben vorbereiten. Und so ging sie – was sich außer ihr kaum jemand traute – kurzerhand zum Bürgermeister und forderte ein, was sie neben Schulbänken und Tafel für dringend notwendig hielt: Turngeräte und eine Schulküche. Und die bekam sie, die erste Schulküche im Landkreis überhaupt. „Sie haben den Grundstein für unser weiteres Leben gelegt“, steht auf einer anderen Seite geschrieben.

Wie ehemalige Schüler nach Jahrzehnten ihrer Lieblingslehrerin danken

Das trifft auch auf Hans Kaltner zu, den heutigen Bürgermeister der Gemeinde Buttenwiesen. Er durfte seine ersten beiden Schuljahre bei Erna Meißner verbringen. Die Erinnerung daran, erfüllt ihn noch immer mit einem „wohligen guten Gefühl einer glücklichen Kindheit“. Sie sei eine strenge, aber immer gerechte Lehrerin gewesen. „Und du hast uns einen geraden Weg ins Leben gelehrt.“

Eine ihrer Schülerinnen ist schon 80 Jahre alt

„Liebe, sehr geehrte Frau Meißner, liebe Erna“ – die Anrede des heutigen Bürgermeisters spiegelt wider, was sich durch das ganze Buch zieht und auch in dem Gespräch mit Mutter und Tochter Heindl zeigt: Die ehemalige Lehrerin ist vielen zur Freundin geworden. „Irgendwann habe ich allen das Du angeboten“, erzählt sie. Doch Menschen wie Margit Heindl siezen sie weiter. „Ich habe so viel Respekt vor ihr und will das damit zeigen“, begründet die 80-Jährige. Erna Meißner ist das „total egal“, beides stimmt für sie. Liebevoll streicht sie immer wieder über das soeben geschenkte Buch. In aller Ruhe will sie es während der kommenden Adventszeit lesen. „Ja freilich“ kann sie das noch, mit Lesebrille. Ein ganzes Buch – vollgeschrieben für sie von ihren ehemaligen Schülern. „Jetzt hör auf“, sagt sie mehrmals, als Margit und Marion Heindl ihr erzählen, wer sich alles in dem Buch bewusst an sie erinnert. So denkt beispielsweise Dekan Karl Kraus „in Dankbarkeit“ an seine Schulzeit in Unterthürheim. „Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König – bei Ihnen habe ich dieses Lied gelernt und im Leben oft, auch mit Kindern im Religionsunterricht, gesungen.“

Es ist die positive Weltanschauung, die viele ihrer ehemaligen Schüler mit ins Leben genommen haben. Und mit der sie bis heute versucht, selbst zu leben. „Mir geht’s gesundheitlich gut, mein Verstand ist noch da, und im Großen und Ganzen blicke ich auf ein zufriedenes Leben“, antwortet sie auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden. Ihren Lebensabend verbringt sie im Seniorenzentrum St. Klara in Wertingen. Den einstigen BMW, mit dem sie bis ins 85. Lebensjahr noch regelmäßig an den Tegernsee gefahren ist, hat Erna Meißner mittlerweile gegen einen Rollator eingetauscht. „Wenn mich mal auf der Autobahn welche überholen, dann hör ich auf“, erzählt sie, warum sie ihren Führerschein damals freiwillig abgegeben hat. Mit der gleichen Weitsicht benutzt sie heute ihr „Gehwagele“, weil sie unsicher beim Laufen ist: „Ich will ja nicht fallen und mir was brechen.“

„So warst du immer, Erna, dir selbst treu“, bewundert die 56-jährige Marion Heindl. Treu auch ihren eigenen Ansprüchen. Deshalb machte sie bis vor Jahren noch täglich zur Anleitung im Fernsehen Gymnastik und ging regelmäßig in die Sauna. „Drum bin ich heute noch gelenkig“, freut sie sich. Deshalb reiste sie mit 92 Jahren nochmals in ihre nordböhmische Geburtsstadt, besuchte dort mehrere Schulen und sprach vor interessierten Studenten und Bürgern über Jugend, Krieg und Aussiedlung. Deshalb leistete sie 22 Jahre lang jeden Mittwoch im Gefängnis Kaisheim „Lebenshilfe“. Deshalb nahm sie Häftlinge und Schüler mit zu sich nach Hause, kochte und speiste mit ihnen. Deshalb behandelte sie ihre Schüler stets mit Strenge und Respekt. Und deshalb schätzen so viele Menschen sie weit über ihre Schulzeit, Kindheit und Jugend hinaus, haben auch als Erwachsene den Kontakt zu ihr gesucht und bewahrt. „Die Gespräche mit dir haben mich sehr bereichert. Deine Weisheit, Offenheit und dein freier Geist sind ein wirklicher Schatz!“ Die persönliche Wertschätzung ist auf jedem beschriebenen Blatt zu lesen. Genau deshalb ist sie für viele heute ein Engel.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar unserer Autorin: Unsere Engel im Wandel der Zeit

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