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Donauwörth

07.10.2019

Kulturtage: Ein berührender Anfang

Harmonisch und ergreifend: der Auftakt zu den 46- Donauwörther Kulturtagen.
Bild: Szilvia Izsó

Das Georgische Kammerorchester Ingolstadt gastierte zur Eröffnung mit einem Virtuosen an der Violine

Ein im besten Sinne des Wortes aufregendes Konzert stand in diesem Jahr am Beginn der 46. Donauwörther Herbstkulturtage: das Georgische Kammerorchester Ingolstadt gastierte mit dem Violinvirtuosen Linus Roth. Mit einem faszinierenden Programm: Paul Hindemith „Fünf Stücke für Streichorchester“ op. 44/4, das opus magnum des Abends: Karl Amadeus Hartmann „Concerto funebre“ für Violine und Kammerorchester, dann Werke zweier zeitgenössischer georgi-scher Komponisten. Vaja Aszarashvili „Bilder des alten Tiflis“, eine Suite für Kammerorchester, und Sulchan Zinzadse, „Miniaturen für Streichorchester“.

Die letzten Kulturtage für Neudert als OB

Oberbürgermeister Armin Neudert begrüßte anwesende Politiker und Vertreter des Sponsors Airbus Helicopters, und eröffnete „seine“ letzten Herbstkulturtage, mit nachdenklichen Anmerkungen zum Verhältnis Musik/Kunst, und der digitalen Realität; er führte die städtischen Mühen, Kultur zu vermitteln, auf – von den Bibliotheken, Stadtkapellen, Musikschulen bis hin zu JeKi. Die wunderbaren Möglichkeiten der haptischen, analogen Auseinandersetzung mit nicht sichtbaren Algorithmen. Und dankte allen, die an der Ermöglichung von Kultur vor Ort wirken, nicht zuletzt an der praktischen Vermittlung, vom Kulturbüro bis zum Hausmeister vor Ort, allen Sponsoren, sowie den stets hilfsbereiten Kiwanis.

Auf der Bühne das sehr männlich dominierte, fast ausschließlich mit Musikern aus Georgien und Osteuropa zusammengesetzte Orchester. 1964 in Tbilisi/Georgien als Georgisches Staatskammerorchester gegründet, nach 26 Jahren nach Ingolstadt gezogen: Ein äußerst renommiertes Ensemble unter Leitung seines sehr einfühlsam dirigierenden Leiters, des Armeniers Ruben Gazarian.

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Protest gegen totalitäre Gewalt

Der erste Teil des Abends war Musik, die den Protest gegen totalitäre Gewalt und den Krieg artikuliert, war zwei im Dritten Reich verfemten Musikern gewidmet. Paul Hindemith, bedeutender Komponist der klassischen Moderne, der anfangs durch neuartige Klänge das Publikum schockiert hatte, war, bei den Nationalsozialisten in Ungnade gefallen, mit einem Aufführungsverbot belegt worden.

In der Emigration entwickelte sich sein neo-klassischer Stil: Seine Musik sollte „Gebrauchsmusik“, niemals Selbstzweck sein.

Sein op.44/4 – streng in der Satztechnik, sehr expressiv, gleich-wohl transparent und verständlich. Das Ensemble löste die anspruchsvolle Aufgabe wunderbar und versprach damit auch mit einem sehr differenzierten Klangbild einen musikalisch großen Abend. Ein Versprechen, das mit dem „Concerto funebre“ begeisternd und unmittelbar eingelöst wurde. Der Münchner Karl Amadeus Hartmann, 1933 in die „innere Emigration“ gegangen, begründete, um im Dritten Reich verfemte Musik aus dem Verborgenen zu holen, nach Kriegsende die Konzertreihe „Musica viva“. Linus Roth, zweifacher Echo-Klassik-Preisträger, Professor am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg, ist der ideale Interpret für dieses Werk: Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Musik vergessener Komponisten wie Mieczysaw Weinberg, oder Karl Amadeus Hartmann aus dem Dunkel des Vergessens zu holen. Roth, der auf einer Stradivari „Dancla“ von 1703 spielt, die auch einige Jahre im Besitz von Nathan Milstein war, gestaltete den Solopart wunderbar einfühlsam, zart und doch wieder hochexpressiv.

Ein intellektueller, und doch hochemotionaler Diskurs zwischen Violine und Orchester, ein stetiges Lauschen auf den anderen. Hartmann selbst schreibt: „Die vier Sätze, Choral- Adagio-Allegro-Choral gehen pausenlos ineinander über. Der damaligen Aussichtslosigkeit für das Geistige sollte in den beiden Chorälen am Anfang und am Ende ein Ausdruck der Zuversicht entgegengestellt werden. „Ich wollte alles niederschrei-ben, was ich dachte und fühlte, und das ergab Form und Melos.“ Begeisterter Beifall des hingerissenen Publikums dankte den Interpreten.

Erinnerungen anderer Art im zweiten Teil – in den „Bildern des alten Tiflis“ von 1990 zeichnet der vielfach ausgezeichnete Komponist die Klänge seiner Heimat Georgien in Tiflis, dem kaukasischen Havanna, nach.

Bildhafte, atmosphärisch dichte Erinnerungen vereinen georgischen Volkston; die Georgier wurden schon in vor-christlicher Zeit für ihren mehrstimmigen Gesang gerühmt – mit spätromantischem Gestus. Pointiert, tänzerisch, arabesk, lied- und so bildhaft, dass immer wieder Heiterkeit im Publikum aufkam, wie bei dem ziemlich schrägen „Leierkasten“. Die folgenden „Miniaturen für Streichorchester“ sind Charakterstücke einer hellen und heilen Welt.

Folkloristische Elemente erklingen, ungebrochen, fast naiv – es sind beispielhafte Transkriptionen georgischer Volksmelodien, bei denen der Komponist die teilweise extrem polyphone Struktur der Lieder, ein Markenzeichen georgischer Musik, auf das Streichquartett überträgt. Ganz große Begeisterung – doch dem Empfang geschuldet, keine Zugaben.

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