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Donau-Ries

18.10.2016

Wie der Pferdeflüsterer aus dem Ries seine Gabe entdeckte

Grenzenloses Vertrauen: Der Hengst Timber lässt es sich gefallen, dass sich Phil Johnson auf ihn legt. Pferde sind Fluchttiere, deshalb ist dieses Verhalten sehr bemerkenswert.
Bild: Jürgen Ziegelmeir

Phil Johnson therapiert Pferde und behandelt dabei selbst hoffnungslose Problemtiere. Sein Erfolg basiert auf einer ganz besonderen Gabe.

Bis zu jenem Moment, scheint es eine ganz normale Dressur zu sein. Phil Johnson öffnet das Gatter zur Weide in Nördlingen, wo er gerade bei einem Kunden arbeitet, pfeift kurz und ruft laut: „Timber“. Ohne zu zögern trottet der zweijährige Hengst herbei. Zuerst lässt Johnson sein Pferd ein paar Runden im Kreis laufen, um es aufzuwärmen. Dann bleibt er stehen, führt Timber heran, nimmt seinen Hut ab, kehrt tief in sich und betet. Dabei beobachtet ihn der Hengst und bleibt ebenso stoisch ruhig wie sein Herr. Die Szene danach ist für den Cowboy, der in Genderkingen wohnt, „der Beweis, dass mir Timber absolut vertraut.“

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Der sanfte Ruck am Zügel ist für den Hengst das Kommando, sich auf die Seite zu legen. Nun legt sich Johnson auf ihn, streichelt ihn und flüstert im ins Ohr. Normal verbietet der Fluchtinstinkt den Pferden so ein Verhalten. Wie schafft es Johnson dann, Pferde so weit zu bringen, dass sie gegen ihren Urtrieb handeln?

Johnson lernte schon als Kind, mit Pferden umzugehen

„Um das zu erklären, ist es nötig, die ganze Geschichte zu erzählen“, sagt der 39-Jährige. Und die begann schon früh in seiner Kindheit, in Wyoming/USA. Schon als kleines Kind nahm sein Vater ihn mit zu den sensiblen Vierbeinern. Dadurch lernte er, mit Pferden umzugehen. Eines Tages erlebte er etwas, was zu seiner Bestimmung werden sollte: Etwa zwölf Jahre war der „Horseman“ damals alt. Durch ein Fernglas beobachtete er diese Landschaft, die als Vorlage für so viele Western diente. Mehrere Hundert Meter hinter ihm befand sich ein Hügel. Nichts war zu sehen, nichts war zu hören. „Und doch spürte ich plötzlich ein Gefühl der Unruhe in mir, das ich mir nicht erklären konnte, „ erinnert sich Johnson.

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Kurz darauf galoppierten viele Pferde über die Anhöhe, die vor einem Radfahrer flohen. Ihm war, als spürte er in seinem Bauch das Signal, das das Leittier zur Flucht gab. „Von da an wusste ich, dass es eine Verbindung gab, zwischen den Gefühlen der Pferde und mir“, sagt Johnson. Damals ahnte er freilich noch nichts von dieser Gabe.

Schon immer wollte er nur bei den Pferden sein. Riskierte dafür oftmals eine Rüge der Erwachsenen, die ihn lieber beim Misten sehen wollten, als auf Tuchfühlung mit den Tieren. In all den Stunden, wie viele es waren, könne er unmöglich sagen, lernte er ihr Verhalten, ihre Körpersprache und vor allem eines: zu spüren, was sie fühlen.

Wer schaffte es dann, den Mann aus Amerika herauszulocken, der tief im Herzen der Rocky Mountains lebte? „Die Liebe“, sagt er und schmunzelt, denn sie sei stärker gewesen, als die Schönheit Wyomings.

Ganz im Einklang: Das Pferd und sein Trainer.
Bild: Jürgen Ziegelmeir

Aus Hobby wurde Beruf

Inzwischen lebt er seit 16 Jahren in Deutschland. Eigentlich gab es keinen Grund, sich auf das Wagnis dieses Berufes einzulassen. In der IT-Branche war Johnson viele Jahre erfolgreich. Richtig glücklich war er jedoch nie. Immer wieder merkte er, dass ihm etwas fehlte. Vor allem dann, wenn ihn jemand bat, sich sein Pferd anzuschauen. So manchem hoffnungslosen Fall stand er gegenüber. Traumatisiert von irgendwelchen Ereignissen in der Vergangenheit, waren die Patienten reif für den Schlachthof. Der Cowboy kam und therapierte sie. Die Anfragen häuften sich und deshalb wechselte er zum Beruf des Pferdeflüsterers.

Ja, der Film mit Robert Redford zu diesem Thema sei keine Fiktion, denn er selbst sei das beste Beispiel, das so etwas möglich ist, behauptet er. Genau könne er auch heute noch nicht erklären, wie er das schafft. Mit Einfühlungsvermögen und Sensibilität verfügt er über zwei Eigenschaften, die unbedingt nötig sind. „Ein Pferd weiß nicht, was du hast. Es weiß nicht, ob du ein großes Auto fährst und ob du ein schönes Haus hast, aber es spürt, wer du bist“, erklärt Johnson. Das ist der Grundsatz, den er in seinen Trainingseinheiten beachtet. Es gebe keine schlechten Pferde, sondern nur schlechte Trainer. Ein altes Cowboy-Sprichwort sagt: „Zeig mir dein Pferd und ich sage dir, was für ein Mensch du bist.“ Dementsprechend gestaltet er auch seine Geschäftsphilosophie.

Bezahlung nur bei erfolgreicher Therapie

Bezahlen lasse er sich nur für den Erfolg und gebe eine Geld-zurück-Garantie. Die einzige Bedingung jedoch, die Johnson stellt, lautet: „Der Besitzer muss bei der Arbeit dabei sein.“ Schließlich nutze es nichts, wenn dieser danach wieder die gleichen Fehler macht und das Pferd deswegen Rückschritte erlebt. Seine Methoden, verspricht Johnson, funktionieren immer. Allerdings müsse er mit sich selber im Reinen sein. Freilich gebe es manchmal Tage, an denen irgendetwas aus dem Gleichgewicht ist. Dann lässt er es sein, denn ein Pferd spürt, wenn etwas nicht stimmt und wird dann unruhig. Aber an diesem Tag passt in Nördlingen alles. Noch einmal kuschelt sich Johnson an den Hengst, streichelt ihn und flüstert ihm ins Ohr.

Nun sei es wie damals in der Heimat. Ja, er werde immer Cowboy bleiben, auch wenn er nun weit weg der USA in Genderkingen wohnt. Ein Cowboy könne sich zwar von den Rocky Mountains entfernen, aber niemals die Rocky Mountains von ihm.

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