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Friedberg/Gersthofen

24.04.2019

87-jähriger Käsedieb bedankt sich für das milde Urteil

Käse hat ein 87 Jahre alter Mann aus Gersthofen in Friedberg gestohlen. Deswegen stand er nun in Aichach vor Gericht.
Bild: dpa

Drei Monate auf Bewährung gab es für den Senior, der in Friedberg Käse gestohlen hat. Setzt der 87-Jährige auf Mitleid - oder ist er sich des Ernsts der Lage nicht bewusst?

Alter schützt vor Strafe nicht – diese eindringliche Mahnung gibt Aichachs Amtsgerichtsdirektor Walter Hell dem 87 Jahre alten Senior aus Gersthofen mit auf den Weg, der sich zum wiederholten Mal wegen Ladendiebstahls verantworten musste. Nach seinem Diebstahl von Käse im Wert von 4,55 Euro in Friedberg ging es um eine entscheidende Frage: Muss der unter Bewährung stehende Franz S. (Name geändert) ins Gefängnis?

Wie in der Fernsehserie „Café Meineid“ wirkt die Verhandlung zeitweise skurril: Denn der Richter muss den schwerhörigen Angeklagten anschreien, um verstanden zu werden. Unklar bleibt, ob hier ein schlitzohriger Senior schlicht auf die Mitleidsmasche setzt oder sich einfach nicht bewusst ist, was juristisch alles auf ihn zukommen kann.

Der Käse, den der Gersthofer gestohlen hat, war 4,55 Euro wert

Jedenfalls wirkt S. geistig fit – ein sympathischer Opa, den plötzlich der Hunger überfällt, als er März in einem Friedberger Reformhaus einkauft. Doch drei kleine Käsepackungen im Gesamtwert von 4,55 Euro bezahlt er ebenso wenig wie einen Artischockensaft oder ein Steak, die er schon bei früheren Diebstählen in diversen Geschäften eingesteckt hatte. „Wegen der schnellen Rückfälligkeit sehe ich keine günstige Sozialprognose“, macht denn auch der Staatsanwalt deutlich. Denn die letzte Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung liegt erst ein halbes Jahr zurück. Und auch 2017 war der Gersthofer bereits vor Gericht gestanden.

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„Ich versuche immer wieder, mich zu bessern“, beteuert der Angeklagte, „aber wenn der Heißhunger kommt, drohe ich umzukippen.“ Er habe nicht mit Vorsatz gestohlen, aber seine Grundsicherung von 730 Euro im Monat genüge nicht, um sich ausreichend zu versorgen: „Es ist kaum was in meinem Kühlschrank.“

Abzüglich der Kosten für Miete, Strom und Telefon reiche das Geld nicht bis Monatsende. Von seiner Familie erhalte er keine Unterstützung. Seine staatliche Grundsicherung bekomme er nur als Darlehen, außerdem muss er eine Geldstrafe in Raten abzahlen.

Warum kaufte der Mann in einem teuren Reformhaus in Friedberg ein?

„Sie sind nicht der einzige arme Mensch in Deutschland und wissen doch, welche Folgen das hat“, hält ihm Richter Hell vor. Warum kaufe er im teuren Reformhaus ein? Antwort des 87-Jährigen: „Die Qualität brauche ich für meine Vitalität.“ Er war in Friedberg im selben Laden schon vor zwei Jahren beim Klauen erwischt worden. Diesmal, im März schenkte ihm die Inhaberin zwar eine Semmel, alarmierte aber die Polizei.

Er sei in einem Teufelskreis gefangen, erzählt S. dem Richter. Er ist in Tschechien geboren und mit neun Geschwistern aufgewachsen, noch bis vor wenigen Jahren war er im Raum Augsburg als selbstständiger Schreiner tätig. Aufgrund einer hohen Steuernachzahlung Anfang der 2000er musste er sein Haus zu verkaufen, die Ehe zerbrach und auch gesundheitlich ging es abwärts. Einziger Weg aus der Armut wäre der Verkauf des letzten Teils seines Grundstücks. Weil die Gemeinde aber eine Bebauung untersage, seien alle Interessenten abgesprungen.

Der Aichacher Richter sagt: "Ich mache mir Sorgen um Sie!"

Trotz dieser schwierigen Lebenssituation hält sich das Mitgefühl – wie es viele Menschen für den Senior teilten – des Anklägers in Grenzen: „Von einem Stück Käse wird man nicht satt. Das sieht nicht nach einem Diebstahl aus Not aus“, stellt er in seinem Plädoyer fest. Auch der Richter ist sichtlich um Verständnis bemüht: „Wenn nächstes Mal der Hunger kommt, gehen Sie dann wieder zum Stehlen? Das ist keine Lösung, ich mache mir Sorgen um Sie!“

Der Angeklagte sei keineswegs ein Krimineller, versucht sein Verteidiger Ralf Schönauer deutlich zu machen. Er hält eine Geldstrafe für angemessen, weil kein wirklicher Schaden entstanden sei: Als der Dieb ertappt wurde, habe er den Käse zurück gelegt.

Dann kommt es zum Urteil: Hunger sei kein Grund zum Stehlen und hohes Alter kein Schutz vor Strafe, stellt der Richter klar. Er redet S. ins Gewissen: Er könne sich nicht herausreden und bei der Arbeiterwohlfahrt in Gersthofen zum Essen gehen. Und dann lässt Hell Gnade vor Recht walten – und setzt die vom Staatsanwalt beantragte dreimonatige Freiheitsstrafe zur Bewährung auf vier Jahre aus. (Hier die Pressemitteilung des Amtsgerichts Aichach.) „Wegen 4,55 Euro verhandeln wir jetzt seit einer Stunde“, sagt Hell mit scharfem Ton, „beim nächsten Mal dauert es 20 Minuten und Sie sind im Gefängnis!“ Das habe er jetzt verstanden, versichert S. – und bedankt sich per Handschlag für das milde Urteil.

Lesen Sie auch den Bericht: Friedberger Käse-Dieb (87) erzählt: "Ich hatte Hunger"

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