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Friedberg

03.03.2021

Corona-Tote an Friedbergs Krankenhaus: Klinikchef entschuldigt sich bei Familien

Klinik-Geschäftsführer Dr. Hubert Mayer drückte bei einer Pressekonferenz im Landratsamt sein Bedauern über die Corona-Erkrankungen und Todesfälle am Krankenhaus Friedberg aus.
Foto: Sebastian Richly (Archivbild)

Plus Nach der Corona-Welle am Friedberger Krankenhaus drückt Geschäftsführer Mayer sein Bedauern aus und räumt erstmals mögliche Fehler ein. Die Nerven liegen blank.

Emotionale Worte wählte der Chef der Kliniken an der Paar bei der Pressekonferenz zur Corona-Welle am Friedberger Krankenhaus. "Die Mitarbeiter und ich sind persönlich tief betroffen von der Situation. Ich möchte tiefes Bedauern ausdrücken, wenn es bei einem oder mehreren Patienten zu einem komplizierten Verlauf der Corona-Erkrankung gekommen ist", sagte Dr. Hubert Mayer. Das wöchentliche Pressegespräch nahm auch sonst einige unerwartete Wendungen.

An der Eingangstür des Krankenhauses Friedberg wird mit Zetteln auf die Maskenpflicht hingewiesen.
Foto: Stefan Puchner, dpa

Das Mitgefühl gelte allen Angehörigen, vor allem denen der Verstorbenen, betonte Mayer. "Sollte es zu Defiziten in der Kommunikation oder Missverständnissen gekommen sein, bitten wir um Entschuldigung und bieten Klärung an." Angehörige waren nach Krankheits- und Todesfällen in Zusammenhang mit Corona an die Öffentlichkeit gegangen. Sie warfen dem Krankenhaus nicht nur Versäumnisse bei Schutzmaßnahmen vor, sondern auch, Nachfragen abgeblockt zu haben. Eine Angehörige erstattete Anzeige.

Mayer warb um das Vertrauen der Bürger: "Wir hatten zu keinem Zeitpunkt die Absicht, etwas zu vertuschen." Erstmals räumte der Klinikchef allerdings mögliche Versäumnisse ein. "Es sind sicher an der einen oder anderen Stelle partiell Fehler gemacht worden."

Klinikleitung stellt sich vor Krankenhaus-Mitarbeiter in Aichach und Friedberg

Aus seinen Worten sowie denen der Ärztlichen Direktoren aus Friedberg und Aichach, Dr. Albert Bauer und Dr. Christian Stoll, ging klar hervor: An den Häusern liegen die Nerven blank. Die Führungskräfte stellten sich mit eindringlichen Worten vor ihr Personal. Von einer "außerordentlichen psychischen und physischen Belastung" seit einem Jahr sowie "großartigem Engagement und Einsatzbereitschaft" berichtete Mayer. Stoll, der auch Pandemiebeauftragter der Kliniken ist, sprach von einer "Achterbahn der Gefühle": "Es klingt im Moment, als hätten wir nur Fehler gemacht. Dabei dachten wir eigentlich, wir hätten es ganz gut gemeistert."

Die Ärztlichen Direktoren, die erstmals an einem der Presse-Jour-fixe teilnahmen, gaben außerdem ausdrücklich dem Klinikchef Rückhalt, der Kritik einstecken hatte müssen. Der Arzt hatte die Führung der Kliniken an der Paar im April 2020 übernommen - wenige Wochen, nachdem Corona den Landkreis erreicht hatte. Er genieße das Vertrauen der gesamten Führungsriege, so Stoll. "In der Krise ist eine starke Führung nötig."

Am Krankenhaus Friedberg gibt es Corona-Fälle unter Mitarbeitern und Patienten. 
Foto: Ute Krogull

Die Führungskräfte der Kliniken an der Paar betonten, sie stünden im engen Austausch mit den umliegenden Häusern bis hin zur Uniklinik - alle hätten mit den selben Problemen zu kämpfen. An sehr vielen Krankenhäusern in Deutschland habe es Corona-Fälle gegeben; allein im Januar hätten sich 33.000 Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitswesens angesteckt.

Im Krankenhaus Friedberg gab es rund 100 Corona-Infektionen

Zwischen Mitte November und Mitte Januar gab es am Krankenhaus Friedberg rund 100 positiv Getestete unter Patienten und Mitarbeitern am Krankenhaus Friedberg, wobei sich nicht alle dort angesteckt hatten. Die Kliniken sprachen im Januar von zwei Todesopfern. Vergangene Woche wurde eine interne Bestandsaufnahme der Taskforce Infektiologie bekannt, die von sieben Toten ausging. In der Pressekonferenz wollten die Vertreter der Kliniken sich auf keine Zahl festlegen. Es gelte den Abschlussbericht abzuwarten.

Sie räumen allerdings ein, dass es seit Mitte November zu 15 nosokomialen Infektionen bei Patienten gekommen sei, also Ansteckungen innerhalb des Hauses, elf davon im Januar. Bauer erläuterte, dass man in der Analyse aufgrund von Liegedauern und positiven Testergebnissen zu diesen Zahlen gekommen sei. Stoll erklärte, wie es durch einen "blinden Fleck" im Verlauf dazu kommen könne, das negativ getestete und symptomfreie Menschen während ihres Aufenthalts Symptome bekommen und spätere Testergebnisse positiv sind. Vier weitere Patienten hätten sich diesen Analysen zufolge zuvor in anderen Kliniken infiziert.

Es wurden auch Beispiele genannt, wie man Ansteckungen innerhalb des Hauses hatte nachvollziehen können: So habe im Dezember eine demente Patientin, deren Infektion nicht bekannt war, ihr Zimmer verlassen und sei ohne Schutzmaske durch das Haus gelaufen. Kurz vor Weihnachten habe ein Patient, dessen Infektion ebenfalls bekannt gewesen sei, einen anderen im selben Zimmer angesteckt. Die beiden hätten aber sonst niemanden infiziert. Ob es sich dabei um den betagten Mann handelte, der später nach seiner Entlassung aus der Klinik starb, wollte Bauer nicht bestätigen. Zu den Fällen, bei denen sich Angehörige an die Medien gewandt hatten, könne er aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nur sagen: "Wir haben die veröffentlichten Fälle intern geprüft und kamen zu anderen Ergebnissen."

Diese Schutzmaßnahmen gegen Corona galten am Krankenhaus

Die Ärztlichen Direktoren hatten zuvor eine Reihe von Maßnahmen der Kliniken dargelegt und zeitlich eingeordnet. Diese reichten von Anleitungen für die Mitarbeiter inklusive eines "Corona-Tickers" im Intranet, den Einsatz zweier zusätzlicher Hygienefachkräfte über die immer schärfere Teststrategie, frühen und breiten Einsatz von FFP2-Masken, Schutzmaßnahmen in Pausenräumen bis zu strikten Besuchsregeln, die zu Beschwerden von Patienten und Angehörigen führen.

Auf Nachfrage an Gesundheitsamtsleiterin Höper, ob denn tatsächlich alles so gut gelaufen sei, bis sie dann im Januar einen Ausbruch meldete, antwortete diese allerdings nach einigem Überlegen: "Rückblickend muss man sich das fragen."

Dazu kommentiert unsere Autorin: Corona-Fälle am Krankenhaus: Die Entschuldigung war dringend nötig

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