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Geschichte

12.03.2018

Die vergessenen Opfer der Nazis in Aichach

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Ein Blick in die Justizvollzugsanstalt Aichach, wie sie heutzutage aussieht. Die Anstalt ist allerdings schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet worden. Ein Forscher hat sich mit einem dunklen Kapitel ihrer Geschichte beschäftigt.
Bild: Christian Kirstges (Archiv)

Mit einem Vortrag erinnert das Frauenforum in Friedberg an die Schicksale von weiblichen Gefangenen in der Strafanstalt.

Der Friedberger Rathaussaal ist bis zum Bersten gefüllt, als Franz Josef Merkl über ein dunkles Kapitel der Strafanstalt Aichach berichtet. Die Zuhörer bekommen neben einer historischen Übersicht über das Gefängnis von 1933 bis 1945 auch einen Einblick in die Schicksale von Frauen, die während der Naziherrschaft nicht in das verquere Bild der Volksgemeinschaft passten.

Merkl beschäftigt sich seit etwa einem Jahr mit dem tragischen Stoff und stellt nun die Ergebnisse seiner Arbeit vor. Mit getragenen Klängen auf dem Violoncello wird sein Vortrag von Hyun-Jung Berger, Dozentin am Augsburger Leopold-Mozart-Zentrum, eingerahmt.

Das schwer verdauliche Thema wählte das Frauenforum Aichach-Friedberg für den Weltfrauentag aus. „Viel zu lange wurde bei all den Bemühungen zur Aufarbeitung der Nazizeit den Frauen in der Strafanstalt keine Beachtung zuteil“, merkt Sprecherin Jacoba Zapf an. Damit ist es nun vorbei.

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Merkl zeigt eindrücklich, wie sich die Einrichtung unter den Nazis veränderte. „1933 gab es noch 691 Haftplätze. Seitdem nahmen die Gefangenen rasant zu: 1945 waren es rund 2000 und noch einmal 1000, die außerhalb untergebracht waren.“ Durch neue Maßnahmen wie Schutzhaft, Sicherungsverwahrung und ein Justizarbeitshaus konnten Insassen auch nach verbüßter Haftstrafe für unbegrenzte Zeit weiter eingesperrt werden. Auf „asoziale Frauen“ hatte das Regime es abgesehen. Als asozial galt, wer stahl oder Gewalt anwendete, aber auch Prostituierte, Umherziehende und Regimekritiker zählten dazu. Zunehmend wurden politische Tatbestände wie Wehrkraftzersetzung (Kritik am Krieg), Rundfunkverbrechen (Hören verbotener Sender) oder Vorbereitung zum Hochverrat den Frauen zum Verhängnis.

In der ganzen Einrichtung herrschte für die Gefangenen rund um die Uhr Sprechverbot. Stundenlanges Stehen mit dem Gesicht zur Wand, Nahrungsentzug und andere Drangsalierungen mussten die Häftlinge über sich ergehen lassen. Merkl konnte 110 Zwangssterilisierungen durch entsprechende Kostenerstattungsnachweise belegen. „Insgesamt werden es aber mindestens 200 Fälle gewesen sein“, vermutet er. Durch Zwangsarbeit sollten die Frauen einen nützlichen Beitrag für die Volksgemeinschaft leisten. Deshalb wurden auch Gefangene von besetzten Gebieten nach Aichach verlegt. 362 Insassen wurden „der Polizei übergeben“ – so hieß die Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz.

Es sind ausnahmslos bewegende Geschichten, die Merkl erzählt. Es geht beispielsweise um Kreszenz Wagner, die in Schutzhaft genommen wird, um ihren Mann, einen politischen Gegner des Regimes, einzuschüchtern. Um Anna Lammer, die zwangssterilisiert wurde, weil sie umherzog und deswegen als Zigeunerin galt. Um Magdalena Schyma, die wegen „Diebstahls im Rückfall“ nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.

„Als die Amerikaner im Mai 1945 die Kontrolle über die Strafanstalt erlangten, prüften sie alle Akten der Gefangenen. Der Großteil der Insassen wurde daraufhin freigelassen, nur 135 Frauen blieben inhaftiert“, erklärt Merkl. Daran zeigt sich, wie groß zuletzt der Anteil der zu Unrecht eingesperrten politischen Gefangenen war.

Alle Zuhörer zeigen sich betroffen über die unmenschlichen Vorgänge in Aichach, doch einem gehen die Geschichten besonders nahe: Josef Pröll erfährt Details seiner Großmutter Anna Pröll, die 1934 wegen der „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ in Aichach eingesperrt wurde. Sie engagierte sich im Augsburger Widerstand. Erst 1945 kam für die bekannte Freiheitskämpferin die Rettung durch die Amerikaner. „Zu erfahren, wie knapp sie dem Tod in Auschwitz entrann, ist sehr emotional für mich“, meint der Enkel. Im April wird Merkl in Aichach über die Schicksale der Frauen der Strafanstalt referieren. Das Frauenforum setzt sich für die Errichtung einer Gedenkstätte in Aichach ein, die an die Gräuel der Klassen-Justiz der Nazis erinnert und auch Frauen als Opfergruppe nennt.

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