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Gesundheit

09.11.2018

Schulterschluss für psychiatrische Ambulanz

In Aichach laufen Bemühungen, eine psychiatrische Ambulanz für Menschen im Wittelsbacher Land einzurichten.
Bild: Wolfgang Kumm, dpa

Die mittlerweile fünfte Ablehnung für die Einrichtung in Aichach sorgt für große Verärgerung über die Kassenärztliche Vereinigung. Landrat spricht von „Arroganz“.

Die jahrelangen Bemühungen, in Aichach eine psychiatrische Ambulanz einzurichten, sollen jetzt noch einmal intensiviert werden. Am Ende einer Infoveranstaltung im Aichacher Kreisgut erklärte Fritz Schwarzbäcker als Vorsitzender des Vereins „Kennen und Verstehen“: „Wir werden an die Frau Huml herantreten.“ Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml wird dieses Amt wohl auch nach der Umbildung des Kabinetts ausüben. Von ihr erhofft man sich nun politische Unterstützung für die Versorgung psychisch kranker Menschen im Wittelsbacher Land.

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Parteien sind sich einig

Seit über zwei Jahrzehnten steht das Thema auf der Tagesordnung. Die verstorbene Friedberger Kreis- und Bezirksrätin Margit Blaha trieb Projekte und die Vereinsgründung für die teilstationäre und ambulante Versorgung psychisch kranker Menschen im Wittelsbacher Land an. Auf politischer Ebene herrscht über alle Parteigrenzen hinweg Einigkeit. Die Bezirkskliniken Schwaben haben die Ambulanz beantragt und im alten Krankenhaus in Aichach ist genügend Platz. Doch der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) hat den Antrag im Sommer wieder abgelehnt (wir berichteten).

Prominentester Besucher unter den rund 80 Gästen bei der Veranstaltung war Jürgen Reichert. Der langjährige Bezirkstagspräsident war wenige Stunden vor seiner offiziellen Verabschiedung nach Aichach gekommen: „Wir müssen die Hilfe dorthin bringen, wo die Menschen leben.“ Er sprach von einer langen Geschichte, erwähnte dabei auch die Bemühungen von Rupert Reitberger – Kreisrat und langjähriger Bezirksrat – und versicherte: „Ich möchte Ihrem Antrag im vollsten Sinne Rechnung tragen.“ Er sei in ähnlicher Weise verärgert wie seine Vorredner. Fünf Anträge seien allesamt abgelehnt worden. Sein Verdacht: „Die niedergelassenen Ärzte fürchten, dass ihnen die Patienten davonlaufen.“ Reichert plädierte ferner dafür, eine Gesetzesinitiative zu starten. Von Kritik an den Politikern könne in dem Zusammenhang keine Rede sein, ließ Vereinsvorsitzender Schwarzbäcker wissen. Der Groll gelte den Ärzten, den undurchsichtigen Strukturen und den undurchsichtigen Entscheidungen: „Seit Jahren kämpfen wir um die Errichtung einer Institutsambulanz.“ Er fühle sich hinters Licht geführt.

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Der Landkreis gibt nicht auf

In ähnlicher Weise äußerte sich Klaus Metzger, der Landrat. Er schimpfte über ein Vergabeverfahren, das er als intransparent einstufte: „Die Arroganz, die hinter diesem Verhalten steht, ist etwas, was ich nicht zulassen kann.“ Metzger ging ebenfalls darauf ein, dass ihn die Angelegenheit bereits seit Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2014 beschäftigt, beispielsweise mit einem Ortstermin. Er beklagte „viele systemische Fehler“ und verlangte: „Es wird die allerhöchste Zeit, dass sich die große Politik auch mal einen Schuh anzieht. Wir geben nicht auf.“ Schon in der Kreistagssitzung wenige Stunden zuvor hatte Metzger aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht und von der Entscheidung eines Einzelnen gesprochen, die er nicht akzeptieren könne.

Die Patienten stehen im Regen

Solche Institutsambulanzen gibt es seit 30 Jahren in Deutschland, teilte Eleonore Broitzmann mit, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Kennen und Verstehen“. Sie sprach über den Ausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung, der über die Zulassungen zu entscheiden hat: „Man erfährt nicht die Besetzung, man erfährt nicht die Ärzte. Wir wissen nicht, wer abgelehnt hat.“ Staunen im Publikum löste ihre Aussage aus, dass der Berufungsausschuss dem Zulassungsausschuss der KV entspreche. Broitzmann verwies auf knapp 132000 Einwohner im Landkreis Aichach-Friedberg und zeigte keinerlei Verständnis dafür, dass „man so viele Menschen im Regen stehen lasse“. Sie riet den Besuchern, zu erfragen, welche Meinung ihre jeweilige Krankenkasse zur Institutsambulanz habe.

Dr. Anne Hiedl ist als stellvertretende ärztliche Direktorin am Bezirkskrankenhaus Augsburg tätig. Sie machte sich stark dafür, stationäre Aufenthalte von Patienten nach Möglichkeit zu vermeiden. Aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus nannte sie einen finanziellen Vergleich: Ein Tag in einer stationären Klinik koste ungefähr so viel wie eine intensive ambulante Behandlung über einen Zeitraum von einem Vierteljahr. (mit cli)

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