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Porträt

10.11.2017

Wartet nicht auf den Traumprinzen!

Die Märchenerzählerin Brigitte Bollinger aus Friedberg hat drei Wünsche.
Bild: Peter Holthaus

Die Friedbergerin Brigitte Bollinger hat ihren Traumberuf gefunden. Sie weiß, warum alte Märchen heute so wichtig sind

Was wäre, wenn Märchenerzählerin Brigitte Bollinger aus Friedberg drei Wünsche frei hätte? „Dann wünsche ich mir erstens, dass wir es schaffen, in Frieden zusammenzuleben und zweitens, dass möglichst viele zu Weihnachten auch für ein soziales Projekt spenden, statt sich nur Materielles zu schenken. Mein dritter Wunsch wäre, dass mein Leben einmal verfilmt würde, denn mein Leben ist auch märchenhaft.“

Das „Märchen ihres Lebens“ begann mit ihrer Tochter: „Vor vielen Jahren wollte sie, dass ich ihr Märchen erzähle, anstatt sie aus Büchern vorzulesen.“, erklärt Brigitte Bollinger. Weil auch der Mutter das freie Erzählen gefiel, nahm sie an einem Seminar zum Thema „Märchen“ im Kloster Oberschönenfeld teil. Dort wurde sie von einer alten Dame angesprochen, ob sie nicht Märchenerzählerin werden wolle, weil ihre Stimme so schön sei. So wurde aus der einstigen Bankkauffrau, Brigitte, die Märchenerzählerin. „Es freut mich, dass ich beim Erzählen endlich meine Kreativität ausleben kann“, sagt sie, die nur auf Wunsch der Eltern nach der Schule in die Welt der Zahlen und Bilanzen eingestiegen sei, anstatt ihren damaligen Berufswunsch Erzieherin zu verwirklichen.

Für den Entschluss, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, gebe es in Märchen starke Bilder. Die Spindel, zum Beispiel, sei ein altes Symbol für das Schicksal. In der Urfassung des Märchens „Dornröschen“ habe die Prinzessin ihr Schicksal, die Spindel, selbst in die Hand genommen. In späteren Fassungen wurde aus der selbstbewussten Prinzessin das passive Dornröschen, das auf den (Traum-)Prinzen warten muss, um erlöst zu werden. Bollingers Fazit hingegen lautet: Wartet nicht auf den Traumprinzen.

Schade findet Bollinger auch, wie viel Kreativität und Eigeninitiative gerade bei Kindern verloren gehe. Daher möchte sie die Symbolsprache in den Köpfen wiedererwecken. Was daran so wichtig ist? „Märchen haben eine starke Aussagekraft, die aber in den Jahren abgeschwächt worden ist. Einst steckten in ihnen vererbte Lebensweisheiten“, sagt Bollinger. Daher gehe es in vielen Märchen darum, wie man mit aus einer bestimmten Situation heil herauskommt.

Eine Anleitung für gutes und gesundes Miteinander? Auf jeden Fall, meint Bollinger, aber auch der Appell, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dann ergänzt sie: „Kinder können Erzählungen länger und besser folgen, als manche denken.“ Sie erinnert sich an einen Buben, der von der Lehrerin als sehr unruhiges Kind vorgestellt wurde. Während ihrer Märchenstunde in der Schule war gerade er das aufmerksamste Kind. „Kreativität müssen wir heute einfach wiedererwecken“, sagt sie dazu.

Auch Flüchtlingskinder genießen ihre Märchen, im Rahmen von Projekttagen des Stadtjugendring Augsburg in Übergangsklassen. Gibt es Unterschiede zu den deutschen Zuhörern? Ja, denn Kinder aus Syrien und anderen afrikanischen Ländern seien besonders aufmerksam. „Sie stammen aus Ländern mit reicher Erzählkultur und kennen die Märchensprache. Hierzulande muss ich die Symbole erst erklären.“, erklärt Bollinger. Erstaunt habe sie, dass die Flüchtlingskinder das Märchen von Frau Holle kennen. Doch ähnlich wie Dornröschen wurde auch Frau Holle in Europa „weichgespült“, um sie an das christliche Weltbild anzupassen. Leider, sagt die Märchenerzählerin, denn „Mutter Erde“ und der „Holler“ (Holunder) handelten von der starken Macht der Natur als Lebensspenderin. Um die Urkraft der Märchen zu betonen, holt sich Brigitte Bollinger gerne Unterstützung für ihre Märchenvorträge.

Mit Vincent Semenou aus Togo, dem „interkulturellen Schuhplattler“, bietet sie auch Veranstaltungen mit afrikanischen und deutschen Märchen bei Kaffee und Kuchen an oder begleitet ihre Märchen und selbstgedichteten Rätsellieder musikalisch auf der Ukulele. Musik und Tanz verleihen Märchen noch mehr Ausdruckskraft, findet sie. Wenn alle mit dem Bären im Märchen vom klugen Schneiderlein tanzen, werde „den Dingen um uns herum der Ernst genommen“, findet Bollinger. So wie bei den drei Wünschen: „Nicht Ärger und Neid! Das Vergeben und das Miteinander sind im Leben wichtig. Märchen helfen uns dabei.“

Birgit Bollingers nächste Termine:

Mittwoch, 15. November „Märchen und Gedanken zum Glück“ mit Kaffee und Kuchen für Senioren am ab 14 Uhr in der Kirche St. Max, Franziskanergasse, Augsburg.

Freitag bis Sonntag, 1. bis 3. Dezember „Advent– eine märchenhafte Zeit“, Wochenende für Alleinerziehende mit Kindern in Reimlingen.

Montag, 18. Dezember Kulinarischer Advent im Nepomuk, Königsbrunn. Drei-Gänge-Menü mit Weisheitsgeschichten und Märchen.

Weitere Informationen unter: www.brigittesmaerchenwelt.de oder Telefon 0821/71 60 66.

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