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Corona-Krise

04.05.2020

Ganz ohne Urlauber: So unheimlich still ruht der Gardasee

Fast schon unwirklich liegt er da, der Gardasee in diesen Tagen, wie hier in Salo. Ganz ohne Touristen, ganz ohne Menschenmassen.
Bild: Blickwinkel, Imago Images

Plus Der Gardasee ist das erste Häppchen Süden nach dem Brenner. Hier können die Italienverliebten ihre Sehnsucht ausleben. Doch in diesem Jahr war alles anders.

Dieser Artikel stammt aus unserem Archiv. Er ist erstmals am 4. Mai 2020 erschienen.

Der See ruht so still. So ungewöhnlich still, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Denn eigentlich würde man sich jetzt hier am See auf die Hauptsaison vorbereiten. Bis zu den Pfingstferien ist es kein Monat mehr. Paare würden an der Promenade entlangschlendern und überlegen, in welcher Bar sie den ersten Cappuccino des Tages trinken könnten. Oder sie würden sich ein wenig durch die Gassen treiben lassen und in dem einen oder anderen Geschäft herumstöbern. Radlergruppen würden am Hafen ankommen und Landkarten studieren. Vespas würden durch die Gassen knattern. Doch es ist still. So still wie eine Siesta, die sich wie zäher Kaugummi scheinbar unendlich in die Länge zieht. Das dunkelgrüne Wasser ist so klar wie seit Jahren nicht. Sogar auf den Grund könne man sehen. Wann gab es das zuletzt?

Die Kletterer zieht es nach Arco, die Golfer in den Süden nach Desenzano

Der Gardasee. Das erste Häppchen Süden nach dem Brenner. Hier können die italienverliebten Bayern ihre Sehnsucht auf die Schnelle ausleben. Es ist ja schließlich nur ein Katzensprung. Da kann man auch mal übers Wochenende hin. Knapp fünf Stunden Fahrzeit von Augsburg aus und schon hat man die nördliche Spitze im Trentino erreicht – wenn man auf die obligatorische Pause in Bozen verzichtet und sich auf den schnellen Espresso an der Tankstelle Varco Est beschränkt. Dann ist es nicht mehr weit zur Abzweigung Rovereto und bald schon kommen die etwas schnöden Hinterland-Betonsiedlungen und man schielt nach dem ersten Ausblick aufs Wasser. Wie wird es sein? Blau? Grün? In jedem Fall herrlich... Dass vielerorts mehr deutsche als italienische Gesprächsmelodien zu hören sind… Geschenkt!


Was macht das schon? Der Gardasee bleibt der Gardasee. Bei vielen Bayern hat er nicht von ungefähr den etwas vereinnahmenden Zweitnamen Lago di Monaco, Monaco wie München. Doch an den Gardasee zieht es alle. Die Kletterer nach Arco, die Mountainbiker donnern den Tremalzo hinunter, die Surfer und Segler lieben die Winde im Norden des Sees, die Golfer fahren in den Süden nach Desenzano, die Feinschmecker finden sowieso überall ihr Glück – und die Weintrinker auch. Die Kulturinteressierten lesen in der Italienischen Reise von Goethe nach, was der Dichter über Malcesine schreibt. Und an der Seilbahn des 2000 Meter hohen Monte Baldo treffen sich in der Hochsaison – zumindest gefühlt – alle. Denn der Blick von oben ist einfach atemberaubend.

Tourismus in Corona-Zeiten: In diesem Jahr ist nicht mal ein Hauch Süden drin

Die Liebe der Bayern zum Gardasee brennt seit Jahrzehnten heiß. Seit die ersten Neugierigen in den 50er und 60er Jahren mit ihren VW-Käfern und den VW-Bullis die Pässe hoch schnauften, unten dann eng an eng ihre Zelte aufbauten und gemeinsam rätselten, wie man diese komischen langen Nudeldinger um die Gabel wickeln sollte, ohne dass die Soße auf den Petticoat spritzt.

Doch diesen Sommer ist nicht einmal ein Hauch Süden drin, nachdem das Außenministerium die weltweite Reisewarnung bis mindestens 14. Juni verlängert hat. Die Grenzen bleiben bis auf Weiteres dicht. Was in den Sommerferien sein wird? Wer weiß das schon?

Hätte Heike Hoffmann das geahnt, wäre sie sicherlich mit einem bis oben vollgepackten Kofferraum aus den Faschingsferien zurückgekehrt, die sie in der Po-Ebene verbracht hatte. Olivenöl vor allem und Wein hätte sie eingeladen. Die 57-Jährige kennt den Gardasee seit Studentenzeiten, verbrachte viele Urlaube am See und klapperte damals schon – mit dem Wein-Führer im Auto – die Winzer ab. So entstanden erst Kontakte und schließlich auch Geschäftsbeziehungen. Hoffmann betreibt in Pitzeshofen, einem Ortsteil von Dießen (Landkreis Landsberg), einen Internetversandhandel mit Spezialitäten vom Gardasee. Was sie an dieser Gegend fasziniert? „Ich glaube, ein Teil meiner Seele wohnt am Gardasee“, sagt sie. Dieser Blick von oben auf den See, das sei einfach „wunderschön“.

Irgendwann ist die gebürtige Augsburgerin, die lange Jahre in Niedersonthofen im Allgäu gewohnt hat, dann zur Rezeptesammlerin geworden. In ihrem Buch „Genuss am Gardasee“ stellt sie regionale Produzenten und authentische Rezepte vor. Rosentorte mit Mascarpone-Creme etwa oder Tortelli mit Kürbisfüllung. Wen wundert’s: Wurstel con Krauti und Deutsh Kaffee sind nicht dabei, obwohl sie doch irgendwie auch zum Gardasee (oder vielleicht zu ganz Italien?) gehören. „Die Zeiten sind längst vorbei“, sagt Heike Hoffmann. Sie ist überzeugt: In Italien hätten die Deutschen auch das Genießen gelernt, dolce vita eben. Spaghetti sind längst fester Bestandteil in der deutschen Alltagsküche. Und irgendwann wollten die Italiener eben auch ihre eigenen Gerichte kochen und das Kraut in der Dose lassen.

Der See ruht so still. Anita Seichter-Benedetti kann es vom Balkon ihres Hauses in Padenghe sehen. Kein Boot ist auf dem Wasser, kein Segelboot, kein Surfbrett... Nicht einmal die Fischer dürfen hinausfahren. Die kleinen weißen Schaumkrönchen tanzen ganz allein auf den Wellen. „Und das um diese Jahreszeit“, sagt die 48-jährige gebürtige Kemptenerin. Seit 20 Jahren lebt sie am Gardasee. Auch ihr Fischerboot Luna, mit dem sie am Wochenende so gern aufs Wasser fährt, um die Ruhe zu genießen, liegt seit März vertäut im alten Hafen von Desenzano. „Wir durften wegen der Ausgangssperre nicht aufs Wasser“, sagt die blonde Frau, die ihre Haare gerne zu einen sportlichen Pferdeschwanz zusammenbindet. Seit Montag sind die strengen Regelungen etwas gelockert. Jetzt darf man wenigstens wieder Spazieren gehen.

Anita Seichter lebt seit 20 Jahren am Gardasee. Die 48-Jährige freut sich darauf, dass sie endlich wieder mit dem Rad ins Grüne kann. Seit Montag sind die Ausgangsbeschränkungen in Italien aufgehoben.
Bild: Familie Seichter

Bilder wie die aus Bergamo gab es am Gardasee nicht

Der 50 Kilometer lange Gardasee erstreckt sich über Trentino, das Veneto und die Lombardei. Ausgerechnet die Lombardei, jene Region Italiens, in der es mit Abstand die meisten Corona-Infizierten und Todesfälle wegen des Virus gab. Bilder wie aus Bergamo, die ganz Europa erschütterten, kenne sie auch nur aus dem Fernsehen. Das Leben habe sich dennoch verändert, der See seine Fröhlichkeit verloren. Man sehe niemanden mehr lachen. „Alle tragen Maske, erledigen nur schnell, was sie zu erledigen haben und verschwinden dann wieder in ihren Häusern“, erzählt Anita Seichter am Telefon von den Tagen während der Ausgangssperre. Ihren kleinen Kaffeeladen in Padenghe habe sie zwar geöffnet, aber es komme kaum jemand. „Und wenn, dann freue ich mich so sehr“, weil sie dann mal wieder ganz normal mit jemanden reden könne. Acht lange Wochen waren die Parks zu und die Promenaden abgesperrt. Seit Montag darf man in Italien endlich wieder Spazieren gehen. Die Restaurants jedoch bleiben bis auf Weiteres geschlossen. Die Cafés dürfen nun wenigstens einen Espresso to go verkaufen. Die Lockerungen sind ein lang ersehnter Lichtblick nicht nur am Gardasee und doch sei die Stimmung bei den Leuten „total geknickt“, sagt Anita Seichter. Die Straßen sind leer und in den Gassen der alten Fischerorte ist es unvorstellbar still. Manchmal höre man ein wenig Musik aus einem geöffneten Küchenfenster.

Vielleicht würde jemand, der von der Corona-Pandemie und ihren Folgen nichts wüsste, geradezu ins Schwärmen geraten: Denn auf einmal wirken die alten Orte am See wieder authentisch, wie sie einmal waren, bevor sie von Touristen überrannt wurden. Auch der Gardasee ächzte zuletzt unter der Last der Besuchermassen. Vor allem seit die Russen und die Chinesen den Gebirgssee für sich entdeckten. Lazise, Malcesine und Sirmione ganz im Süden waren zuletzt leidgeprüft und mussten Konsequenzen ziehen. Der Spiaggia Jamaica auf der schmalen Halbinsel von Sirmione gilt als der schönste am Gardasee – und als so was von „instagramable“. 1,36 Millionen Übernachtungen zählte der 8000-Einwohner-Ort, dessen Altstadt in einer beeindruckenden Scaligerburg mit Ringmauer liegt. Überfüllung garantiert. Zumal nur eine einzige Brücke in die Stadt führt. Und dann sind da ja auch noch die Tagesausflügler. Die Touristen wurden zwar nicht angefeindet, wie etwa auf Mallorca oder in Barcelona, doch das einstige Fischerörtchen sperrte den Autoverkehr aus und ließ selbst Radler nur zu Fuß hinein. Umweltschützer schimpften über Flächenfraß, künstlich aufgeschüttete Strände und ein überfordertes Abwassersystem.

Und jetzt? Reisen ist zuletzt in Verruf geraten: Overtourism, Flugscham und nun Brandhelfer der weltweiten Verbreitung des Coronavirus. Wird es jemals wieder so werden, wie es war? Anita Seichter hofft es sehr. „Der Tourismus muss zurückkommen an den See“, sagt sie. „Wir brauchen ihn so dringend“. Auch sie lebt mit ihrem Kaffeelädchen davon, dass Touristen einkaufen und ihren selbstgerösteten Kaffee mit nach Hause nehmen. Die Kaffeerösterei ist eine Institution am See, seit 1939 ein Familienbetrieb. Das Kaffeerösten hat sie von ihrem Schwiegervater gelernt. Auch einige Hotels und Restaurants beliefert sie normalerweise. Viele Bars und Restaurants am Gardasee hätten allerdings nur im Sommer in der Hochsaison geöffnet. Wenn für diese Gastronomen die Einnahmen für das ganze Jahr wegbrächen, wäre das nichts anderes als eine „Katastrophe“. Schon jetzt gebe es deutlich mehr Arbeitslose und Insolvenzen. Anita Seichter hofft auf die Politiker. „Man kann den Austausch der Bevölkerung doch nicht auf Dauer verbieten“, sagt sie. Da würde man ja ansonsten das „Vertrauen in das offene Europa verlieren“.

Das Wasser des Gardasees ist so klar, dass man selbst im Hafen den Grund sehen kann

Diesem offenen Europa hat sie ihr Lebensglück zu verdanken: Beim Skifahren, damals in der Schweiz, hat sie ihren Mann kennengelernt. Und nun kann sie nicht einmal einfach ins Allgäu zu ihren Eltern fahren, wenn es ihr danach sei oder sie krank würden. „Ich empfinde das, als sehr belastend.“

Der See ruht so still. So ungewöhnlich still. Der Gardasee erholt sich. Das sehe man mit bloßem Auge, sagt Anita Seichter. An der Segelschule von Desenzano sei das Wasser nach vielen Jahren wieder so klar, dass man sogar den Grund sehen könne. Das ist so ungewöhnlich, dass es im Ort für Gesprächsstoff sorge. Anitas Mann ist 58 Jahre alt und in Desenzano geboren. Auch er könne sich nicht daran erinnern, jemals am Hafen den Grund gesehen zu haben. Dass es dem See sichtbar besser gehe, sei für viele das einzig Positive, dass sie der Krisensituation abgewinnen können. Am Montag hat sich Anita Seichter einen lang gehegten Wunsch erfüllt – die erste kleine Radtour ins Grüne. Das Eis am See muss noch warten.

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