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Gebietsreform

31.01.2020

50 Jahre Jettingen-Scheppach: Eine Gemeinde oder zwei Orte?

Die Ortsschilder von Jettingen und Scheppach in der seit 50 Jahren bestehenden gemeinsamen Marktgemeinde Jettingen-Scheppach gibt es noch heute.
Bild: Bernhard Weizenegger (Fotos und Montage)

Plus Diesen Samstag wird der Zusammenschluss gefeiert. Von dem war vor 50 Jahren nicht jeder begeistert. Und heute? Gibt es ihn, den Jettingen-Scheppacher?

Für die beiden war es vor 26 Jahren eine Liebesheirat. Für ihre Freunde war es Verrat. Dass Michael Weng, bis dahin fest verwurzelt in Jettingen, nach der Hochzeit mit seiner Frau Ruth Höfner-Weng seiner Heimat untreu wurde und ins benachbarte Scheppach zog, wurde ihm schwer angekreidet. „Als Jettinger durfte man nicht nach Scheppach ziehen“, sagt Höfner-Weng. Als „Zugezogene“ habe sie das Ganze sehr entspannt gesehen und schon damals darüber gelacht. Sie konnte die Rivalität zwischen den Ortsteilen nicht nachvollziehen. Die war immer noch spürbar, obwohl seit der Zusammenlegung der zwei Gemeinden, die 1970 als erste ihrer Art in Bayern erfolgt war, schon viele Jahre ins Land gegangen waren. Heuer jährt sich die Gemeindehochzeit zum 50. Mal. Grund genug, das Jubiläum am heutigen Samstag mit einem großen Festakt hochleben zu lassen. Doch wie stehen die Bürger eigentlich zu ihrer Marktgemeinde Jettingen-Scheppach? Sind die Orte sich nicht nur räumlich, sondern auch emotional nähergekommen?

Früher waren Raufereien bei den Fußballspielen an der Tagesordnung

Geboren wurde er zwar nicht in Scheppach, sondern im Sudetenland. Aber wer wie Hans Grimme nach seiner Zwangsaussiedlung seit 1946 hier lebt, der darf sich seiner Ansicht nach durchaus als reingewachsener Einheimischer fühlen. „I bin a Scheppacher“, sagt er klipp und klar. Dass zu Scheppach seit 50 Jahren auch Jettingen gehört und im Ortsnamen an erster Stelle verankert ist, ist ihm durchaus bewusst. An den Zusammenschluss der beiden habe er keine Erinnerung, aber er habe nichts dagegen gehabt.

Jeder Ortsteil hat weiter sein Ortsschild.
Bild: Bernhard Weizenegger

Früher seien bei Fußballspielen zwischen der Jettinger und Scheppacher Mannschaft Raufereien an der Tagesordnung gewesen, eine derartige Rivalität gebe es schon länger nicht mehr. Und dass man als Scheppacher nicht auf Veranstaltungen in die Nachbargemeinde geht, sei auch überholt. Doch obwohl die Gemeinden sich zuletzt vor allem räumlich immer näher gekommen sind und kurz hinter dem einen Ortsschildende schon das nächste Ortsschild auftaucht, ist Grimme überzeugt, dass die Bahnlinie „uns immer noch trennt“. Von einer Grenze will er nicht sprechen. Aber vielleicht sei das ein Problem der älteren Generation.

50 Jahre Jettingen-Scheppach: Eine Gemeinde oder zwei Orte?

Die Meinungen gehen auseinander

Oder doch der jüngeren? Die Frau, die gerade beim Scheppacher Bäcker Brot eingekauft hat, ist erst 39, aber auch fest im Ort verwurzelt. Weil sie nicht gerade schmeichelhafte Worte wählt, möchte sie ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Sie findet schon, dass die Jettinger und Scheppacher zusammengehören, eine jeweils eigenständige Verwaltung hätte man nie durchhalten können. Aber ihrer Meinung nach seien die Bewohner der beiden Ortsteile „nicht so begeistert voneinander“. Das sei ihren unterschiedlichen Wesen geschuldet, die Jettinger hielten sich für etwas Besseres, die Scheppacher seien „vielleicht etwas baueriger“.

Monika Böck, die ein paar Minuten später das Geschäft betritt, um eine Hand voll Körnersemmeln mitzunehmen, hält von solchen Ansichten wenig. Als eine erst vor neun Jahren von Burgau nach Jettingen Zugezogene könne sie sich vielleicht nicht so hineindenken. Aber „man kann nur den Kopf schütteln, wer es so negativ sieht“, findet sie. Von der Zusammenlegung der Gemeinden hätten doch alle nur profitiert, die Kommune sei seitdem „wahnsinnig gewachsen“.

Der Autobahnanschluss und das Gewerbe bringen die Entwicklung von Jettingen-Scheppach voran.
Bild: Bernhard Weizenegger

Vom "Goggelesrupfer" und den "Merchde"

Markus Kinzer ist eigentlich ein Jettinger. Zumindest ein halber, denn seine Mutter wurde hier geboren und lebte lange dort. Weil er selbst aber in Niederbayern aufgewachsen ist, tat er sich beim Umzug in die neue, alte Heimat im Jugendalter schwer. „Mit meinem Dialekt hat mich keiner akzeptiert“, blickt er zurück, während er an der Theke im Jettinger Café Fritz an einem Bier nippt. Irgendwie seien Jettinger und Scheppacher ein ganz eigenes Volk. Warum? Er zuckt mit den Schultern, so genau weiß er das auch nicht. Als Fremder Anschluss zu finden, sei nicht so einfach.

Dass Jettinger und Scheppacher durchaus miteinander können, dafür sind Günther Brenner und seine Frau Claudia ein gutes Beispiel. Sie ist Jettingerin – also ein „Goggelesrupfer“, wie sie humorvoll genannt werden. Angeblich schmückten früher die Feuerwehrleute ihre Helme mit Federn. Er ist gebürtiger Scheppacher, gehört somit auf die Seite der „Merchde“. Die einen umschreiben damit die Bürger, die mager gewesen seien, für die anderen ist es ein Ausdruck für Wochentag.

Günther Brenner: Jettinger, Kämmerer, VfR-Vorsitzender

Die beiden Brenners finden, dass ihnen nichts Besseres hätte passieren können. Gleiches sagt Claudia Brenner aber auch über die Gemeindehochzeit. „Für die beiden Kommunen hätte es nicht besser laufen können. Eine gemeinsame Verwaltung ist doch optimal.“ Sie sagt es aus Überzeugung, nicht nur, weil ihr Mann 1979 in die Verwaltung nach Jettingen wechselte und somit auch den Wohnort änderte. Günther Brenner, der kurz danach Kämmerer wurde, lernte die „neue Heimat“ lieben und vor allem den größten Verein des Markts Jettingen-Scheppach, den VfR, dessen Vorsitzender er später wurde. Er fühle sich als Jettinger, aber er erinnert sich zurück, dass es früher regelrecht verpönt gewesen sei, den Ortsteil zu wechseln. Die Konkurrenz vor allem auch auf den Sportplätzen sei groß gewesen. Gewisse Differenzen gebe es heute auch immer noch, „aber das Zusammenwachsen der Gemeinden, die Zusammenarbeit der Vereine ist gediehen“.

Blick auf die Ortsmitte von Jettingen mit dem Rathausanbau unten, Kirche und Seniorenheim oben.
Bild: Bernhard Weizenegger

Das kann Bürgermeister Hans Reichhart nur unterschreiben. Seit der „Fusionierung“ der Gemeinden sei man in vielen Bereichen zusammengewachsen, auf sportlicher, musikalischer und kirchlicher Ebene genauso wie auf politischer. Für ihn sei das ganze ein Erfolgsmodell. Als er vor 42 Jahren in die Kommunalpolitik eingestiegen sei, habe ein sehr starkes Ortsteildenken vorgeherrscht. „Inzwischen hat jeder im Rat den Blick für das Gesamte“, sagt Reichhart.

Der Bürgermeister ist ein Verfechter der Ortsteile

Nichtsdestotrotz sei er gleichzeitig ein großer Verfechter der Ortsteile. Das sei ja auch der Hintergrund der Gebietsreform gewesen, die ab 1972 zuerst auf freiwilliger Basis durchgeführt und 1978 mit Zwangseingemeindungen abgeschlossen wurde. Es sollte eine starke Verwaltung geschaffen und den Ortsteilen trotzdem die Selbstständigkeit gelassen werden. Jettingen und Scheppach hatten 1970 den Anfang gemacht, in den darauffolgenden Jahren schlossen sich die Gemeinden Schöneberg (1972), Ried (1976) und Freihalten (1978) dem neugebildeten Markt an. „Wo man etwas gemeinsam erreichen kann, macht man es auch“, ist Reichhart überzeugt. „Das macht uns aus, da bin ich stolz drauf.“

Zwei Ortsschilder, aber ein Markt. Seit 50 Jahren gehören Jettingen und Scheppach zusammen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Einen sogenannten Jettingen-Scheppacher werde man vergeblich suchen. Er selbst wurde in Jettingen geboren, wuchs in Scheppach auf und heiratete zurück nach Jettingen. Er ziehe da keine Trennlinie, nur beim Sport, da brenne sein Herz allein für den SV Scheppach. Seinem Heimatverein würde er nie den Rücken kehren. Keine Frage, dass er auch Ehrenvorsitzender ist.

Ein Seitenhieb auf dem Maibaum

Kleine Sticheleien hier und da gehören für ihn dazu. Dass beispielsweise die Scheppacher Feuerwehr im vergangenen Jahr den Gockel auf dem Maibaum als Seitenhieb in Richtung Nachbarn so platziert hat, dass er nach Jettingen blickt, habe er gar nicht bemerkt. Aber er muss so herzlich darüber lachen, dass er sogar die lauten Bohrmaschinen der Handwerker, die gerade im Rathaus auf Hochtouren laufen, für einen kurzen Moment übertönt. „So etwas muss man mit Humor nehmen. Das macht das Zusammenleben doch interessant.“

Termin Jettingen-Scheppach feiert an diesem Samstag 50 Jahre Marktgemeinde. Um 16 Uhr beginnt der Festakt in der Turn- und Festhalle.

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