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Landkreis Günzburg

28.12.2020

BWF Group: Stefan Offermann zieht sich zurück

Er wirkt aufgeräumt, ja zufrieden über das Erreichte und über seine Entscheidung, künftig in der BWF Group nicht mehr das Tagesgeschäft verantworten zu müssen: Stefan Offermann hört mit dem Jahreswechsel faktisch auf und überlässt die Führungsaufgaben im Familienunternehmen der fünften Generation.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Mit dem Rückzug des 63 Jahre alten Seniorchefs wird zugleich der Generationswechsel an der Führungsspitze eines der bedeutendsten Unternehmen im Landkreis Günzburg vollzogen.

Seinen Geschäftspartnern und Freunden hat er vor Weihnachten Post geschickt und auf eine entscheidende Veränderung in der BWF Group zum Jahreswechsel hingewiesen: Stefan Offermann, jahrzehntelang prägende Figur des international agierenden Familienunternehmens, zieht sich auf eigenen Wunsch zurück. Zwar vertritt er noch bis September 2021 die Firma nach außen. Denn erst mit Vollendung seines 30. Lebensjahres kann Sohn Maximilian die Rolle des geschäftsführenden, persönlich haftenden Gesellschafters einnehmen – das sehen die Firmenbestimmungen so vor.

Aus dem operativen Geschäft zieht sich der Unternehmenslenker aber zurück. Das steht fest. Wenn man überhaupt noch ein Hintertürchen erkennen will, ist es jene Bemerkung, dass er mit Rat und Tat zur Seite stehe, wenn seine Expertise benötigt werde. Und wenn er nicht gefragt wird, „könnte das ein gutes Zeichen sein“, schreibt Offermann nicht ohne Selbstironie.

Mit sich im Reinen

Auch in einem Gespräch mit unserer Zeitung kurz vor Weihnachten am Stammsitz der BWF Group (BWF stand früher für Bayerische Wollfilzfabriken) in Offingen wird deutlich, dass der scheidende Seniorchef bereit ist, loszulassen. Er vermittelt den Eindruck, mit sich im Reinen zu ein, wirkt gelöst und erleichtert. Erleichtert deshalb, weil sein Sohn sich in die Aufgabe, die Nachfolge gut vorbereitet anzutreten, richtig reingekniet hat. „Mein Interesse ist mit den Jahren stark gewachsen“, sagt Max Offermann. Seine beiden Schwestern gehen ebenfalls gerne mit Menschen um – aber nicht als Führungskräfte einer Firma. Sie bringen Schülerinnen und Schülern etwas bei. „Sie haben natürlich über all die Jahre mitbekommen, wie groß die Verantwortung in einem solchen Unternehmen ist und dass Schwierigkeiten nicht ausbleiben“, sagt Stefan Offermann.

Vor der Entscheidung der Töchter hat er Respekt, über den Mut eines Sohnes freut er sich. Denn damit ist gewährleistet, dass das mittelständische Familienunternehmen in fünfter Generation weitergeführt wird. Mit Philipp von Waldenfels hat der erste Teil des Generationswechsels bereits 2016 begonnen, der die Stelle von Wolfgang Schmid einnahm. Jetzt wird die Stabübergabe vollendet.

Ein Bürotausch - und viel Symbolik

Die Belegschaft hat davon bereits erfahren. „Ein bisschen symbolisch“ sei vor einigen Wochen der Bürotausch zwischen Vater und Sohn gewesen. Stefan Offermann zog ins kleine, der Nachfolger ins große Büro um. Und die Führungsmannschaft hat der 63-Jährige gebeten, von ihm künftig keine Anweisungen mehr anzunehmen. Das war nicht nur scherzhaft gemeint. Für Offermann wäre es nach eigenem Bekunden ein Gräuel, als alter Herr durch die Produktionshallen zu laufen und die Beschäftigen darauf hinzuweisen, was sie alles besser machen könnten.

Vielmehr möchte er sich stärker mit dem beschäftigen, was ihm Freude bereitet: Dazu gehört Golf spielen, sich mit der jüngeren Firmengeschichte intensiv zu befassen – mit dem Ziel, ein Buch darüber zu schreiben; und reisen. Im Laufe des Berufslebens war Stefan Offermann 73 Mal in China, um den umsatzstärksten Produktionsstandort der Gruppe persönlich begleiten und richtige strategische Entscheidungen treffen zu können. Mit Freizeitvergnügen hatte das nichts zu tun. Was er hauptsächlich sah, waren Hallen, Hotels, Büros und Flughäfen. „Nur in den vergangenen Jahren habe ich mir erstmals etwas mehr Zeit genommen und noch einen Tag dran gehängt“, sagt er.

Diszipliniert, zuverlässig, bodenständig

Der ganze Termindruck, die Orientierung an Meetings, Videokonferenzen, Telefongespräche mit Übersee und entsprechender Zeitverschiebung („Das konnte schon nervig sein“) fällt künftig weg. Bislang war es für Stefan Offermann keine Frage, sein Leben nach den Bedürfnissen der Firma auszurichten. Disziplin und Zuverlässigkeit gehörten und gehören zu den Maximen für ihn. Und das Wissen um die eigenen Wurzeln ist für ihn essenziell. In der persönlichen Begegnung wird schnell klar, dass hier ein Unternehmer Bodenständigkeit nicht nur vorgibt, sondern vorlebt.

Er erinnert sich daran, wie eine chinesische Managerin ihm einmal bedeutete, in den BWF-Produkten sehe sie ein großes Wachstumspotenzial, man könne viel und schnell Geld machen. Stefan Offermann weiß um diese Möglichkeit. „Wir generieren im Augenblick einen Jahresumsatz von ungefähr 300 Millionen Euro. Das könnte auch eine Milliarde sein.“ Aber auf den Weg an die Börse, zu einem ungezügelten, nicht mehr beherrschbaren Wachstum möchte sich er als Vertreter der vierten BWF-Generation nicht begeben. Diejenigen, die nach ihm kommen, sehen das genauso.

Trotz Corona: "Wir verdienen genug"

„Wir verdienen genug“, sagt der scheidende Seniorchef. Das CoronaJahr 2020 habe daran nicht nachhaltig etwas zum Negativen verändert. Bevor Offermann 1984 als geschäftsführender Gesellschafter der BWF Offermann, Waldenfels und Co. KG eingestiegen ist, betrug der Umsatz rund 31 Millionen Euro. Vergangenes Jahr lag er beinahe um den Faktor zehn höher. Für heuer wird mit zwischen 255 und 260 Millionen Euro gerechnet. Die Zahl der Beschäftigten in den 14 internationalen Produktionsstandorten in China, Indien, Italien, Österreich, Russland, Türkei, den USA und Deutschland ist fast ausnahmslos gestiegen – von 525 Personen im Jahr 1983 auf aktuell 1782.

An dem eingeschlagenen Kurs will Max Offermann nichts ändern – weil er findet, dass die Mischung aus Tradition und Innovation, die bisher schon gepflegt worden ist, ein Wegweiser in die Zukunft ist. Die Tradition findet sich beispielsweise in der Unternehmenskultur wieder, die als ein Ziel ausweist, Mitarbeiter zu fordern und zu fördern. Und vor allem: Kennen müsse man sich, der familiäre Charakter dürfe nicht verloren gehen. „Das ist Teil der BWF-DNA“, betont der 29-jährige Max Offermann, der 2018 in die Geschäftsleitung eingetreten ist. Innovativ wolle man besonders bei der Verbesserung bestehender und der Entwicklung neuer Produkte sein.

Das erste Kind des Sohnes, der dritte Enkel des Großvaters

Privat macht der Sohn den Vater noch mit etwas ganz anderem glücklich: Voraussichtlich in der zweiten Februarhälfte wird Stefan Offermann zum dritten Mal Großvater. Weniger Konferenzen, mehr die Enkelkinder herzen – wer kann dazu schon Nein sagen?

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