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Kreis Günzburg

17.02.2018

Die letzten Geheimnisse des Fliegerhorstes

Hans-Jörg Weick war 25 Jahre lang als Fluglotse auf dem Leipheimer Fliegerhorst tätig. Der Tower war sein Arbeitsplatz. Der Leipheimer hat ein umfangreiches Archiv zum Fliegerhorst aufgebaut.
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Hans-Jörg Weick war 25 Jahre lang als Fluglotse auf dem Leipheimer Fliegerhorst tätig. Der Tower war sein Arbeitsplatz. Der Leipheimer hat ein umfangreiches Archiv zum Fliegerhorst aufgebaut.
Bild: Bernhard Weizenegger

Am Bundeswehr-Standort in Leipheim gab es einen falschen amerikanischen Colonel und einen sehr aktiven Heiratsmarkt. Ein ehemaliger Offizier erinnert sich. Serie, zweite Folge.  

Vor zehn Jahren endete in Leipheim eine Ära: Am 31. Dezember 2008 zog die Bundeswehr aus der Güssenstadt ab. 1936 wurde der Fliegerhorst in Leipheim gebaut, bereits 1994 wurde der Flugbetrieb eingestellt, 2008 war dann endgültig Schluss. Wir haben uns auf Spurensuche begeben, was vom Fliegerhorst übrig geblieben ist und wie sich Leipheim mit dem Abzug der Bundeswehr verändert hat.

Die Erinnerungen von Hans-Jörg Weick liegen ordentlich sortiert auf der Eckbank. Mehrere Ordner sind es, die gefüllt sind mit alten Zeitungsberichten, Fotos, ja sogar mit unveröffentlichten Buch-Manuskripten. Von 1965 bis 1989 war Hans-Jörg Weick am Fliegerhorst in Leipheim stationiert. Er war der leitende Flugsicherungsoffizier, oder wie er selbst sagt „Fluglotse am Tower“ und dazu der Presse- und Sportwart. Immer wieder blättert er in der Chronik der Stadt Leipheim und in seinen Ordnern. Immer wieder huscht ein Lächeln über seine Lippen und immer wieder kommt der Satz: „Das ist auch noch eine nette Geschichte.“ 24 Jahre war der Lebensmittelpunkt von Hans-Jörg Weick der Leipheimer Fliegerhorst. „Die Erinnerungen bleiben“, sagt er. Nicht alle sind positiv, doch dazu später mehr.

Bestens integriert

Zunächst schwärmt Weick, der der erste Offizier im Stadtrat war, wie gut sich die Bundeswehrangehörigen in das gesellschaftliche Leben von Leipheim integriert hatten. „Für viele war der Fliegerhorst eine Heimat. Viele kamen als junge Soldaten hierher und sind bis heute in Leipheim geblieben.“ Sie wurden Mitglieder in den Vereinen, sie haben sich sozial engagiert und etliche Auszeichnungen in die Güssenstadt geholt. „Die Soldaten haben Leben in die Stadt gebracht“, bringt Weick es auf den Punkt. „Ich war selbst überrascht, was damals alles los war. Das ist unglaublich.“ Die Glanzzeit seien die Jahre zwischen 1965 und 1985 gewesen – großer Höhepunkt das Jahr 1980. Damals hat die Stadt Leipheim ihr 650-jähriges Bestehen gefeiert. Die Soldaten waren mittendrin. 1980 fand im Rahmen des Städtejubiläums auch ein Großflugtag auf dem Fliegerhorst statt – der einzige in diesem Jahr in Deutschland. Mehr als 2000 Soldaten und Zivilangestellte arbeiteten auf dem Fliegerhorstgelände. Der Militärstandort war eine kleine Stadt in der Stadt. Allerdings blieben die Soldaten nicht hinter ihren Mauern. Der Treffpunkt schlechthin war das ehemalige Café Nied. „Das war die Kontaktbörse von Leipheim“, sagt Hans-Jörg Weick mit einem Schmunzeln. Etliche Ehepaare haben sich dort kennen und lieben gelernt. Einmal hat Hans-Jörg Weick sogar selbst Amor gespielt. Das war aber nicht im Café Nied, sondern bei einem der traditionellen Winterbälle, die im Casino stattfanden. Die Bälle waren die gesellschaftlichen Höhepunkte im Landkreis. „Wer nicht eingeladen war, hat das damals als Strafe empfunden“, erinnert sich Weick. Für eine dieser Ballnächte suchte er noch einen Tischherren für eine Besucherin. Die war mit ihren Eltern gekommen und hatte selbst keine Begleitung dabei. Lange musste er einen jungen Offizier überreden, den Tischherren zu spielen. Heute ist der Mann ihm dankbar: Die unbekannte Tischnachbarin wurde zu seiner Ehefrau.

Die ältere Dame hat stets herzhaft gelacht, wenn ein junger Soldat an der Tür klingelte 

Gerne erinnert sich Hans-Jörg Weick auch an die Streiche, die den jungen Soldaten gespielt worden sind. Diese wurden alle zu dem Gebäude geschickt, in dem heute das Museum Blaue Ente untergebracht ist – damals war es noch ein Wohnhaus. „Da ist was los, da müsst ihr unbedingt hin, da trifft sich ganz Leipheim“, wurde den jungen Soldaten versichert. Geöffnet hat ihnen allerdings eine ältere Dame. „Die hat immer herzhaft gelacht, wenn wieder so ein junger Mann vor ihrer Tür stand“, berichtet Hans-Jörg Weick und lacht.

Anfang der 1970er-Jahre haben Offiziere eine neue Tradition ins Leben gerufen. „ Sie haben alle zwei Wochen zu einem Kegelabend eingeladen.“ Neben den Soldaten kamen auch Stadträte und Unternehmer. Zuerst traf man sich im Casino, später im Gasthaus Post. Der Fliegerhorst wurde vor zehn Jahren geschlossen, die Kegelabende finden noch immer statt.

Der schwäbische Hauptmann von Köpenick

Über die Stadtgrenzen hinaus wurde Leipheim im Jahr 1998 bekannt. Ein gewisser „Professor Michael R. Scott“ sorgte als schwäbischer Hauptmann von Köpenick für Aufsehen. Der ehemalige Polizeibeamte gab sich als oberster Nato-Richter mit Dienstsitz in Brüssel aus. „Die Uniform hatte er in Amerika gekauft, er hatte sich immer an der Autobahnraststätte umgezogen“, erinnert sich Hans-Jörg Weick. Vier Jahre lang ging das Doppelleben des Mannes gut. Dann flog er auf. Er wollte sich selbst befördern, da sind einige hellhörig geworden. „Er hat das sehr gut gemacht, aber manchmal war ich schon skeptisch, weil er so übertrieben hat“, sagt Weick. Der falsche Colonel hatte sogar ein eigenes Dienstzimmer auf dem Fliegerhorst-Gelände sowie ein Dienstfahrzeug samt Chauffeur. „Ganz Deutschland hat damals darüber berichtet“, erinnert sich Weick. „Sogar das Fernsehen war da.“ Doch auch richtige politische Prominenz war regelmäßig in Leipheim zu Gast. Weick blättert in seinen Unterlagen und zeigt Fotos von etlichen Bundeskanzlern, die zu Besuch waren. Er zeigt Bilder von Helmut Kohl, Willy Brandt und Helmut Schmidt, die am Rollfeld aus den Fliegern steigen. Auf vielen ist im Hintergrund auch Hans-Jörg Weick zu sehen. Andere zeigen ihn beim Galaabend mit einem Sektglas in der Hand. „An diesem Abend bin ich befördert worden. Während des Balls um 12 Uhr nachts“, erinnert er sich. Auch an einen besonderen Helikopterflug denkt er noch gerne zurück. Zu sehen ist Weick verkleidet als Nikolaus. Per Helikopter wurde er in seinem roten Mantel und dem weißen Bart aufs Militärgelände geflogen – im Sack hatte er Geschenke für die Soldatenkinder.

Hans-Jörg Weick hat viele schöne Erinnerungen an seinen Fliegerhorst. Und einige wenige negative. Der Abriss des Towers, seinem alten Arbeitsplatz, im Jahr 2016 schmerzt ihn noch immer. Auch dass der Fliegerhorst nach dem Abzug der Bundeswehr-Flieger nicht zivil genutzt worden ist, versteht er bis heute nicht.

„Das hätte der Region sehr gutgetan“, sagt er. So sei „viel Geld kaputt“ gemacht worden.

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