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Günzburg

15.08.2019

Eine „tickende Zeitbombe“ sitzt jetzt in U-Haft

Obwohl der 19-Jährige am Mittwoch nicht verurteilt worden ist, ist er am selben Tag in die Justizvollzugsanstalt Kempten gekommen. Eine mehrmonatige Jugendstrafe hat er bereits verbüßt. Ein Sachverständiger soll feststellen, ob der Mann schuldfähig ist. Dann wird die Hauptverhandlung gegen ihn fortgesetzt.
Bild: Matthias Becker (Symbolbild)

Plus Noch ist kein Urteil gegen einen 19-Jährigen ergangen. Dennoch kam er vom Gerichtssaal direkt ins Gefängnis. Gegen ihn wird auch wegen eines Vorfalls auf dem Günzburger Volksfest ermittelt.

Der Angeklagte leerte seine Hosentaschen. Ein Geldbeutel und ein Smartphone kamen unter anderem zum Vorschein. Die Gegenstände, die er abgeben musste, legte er nicht sorgfältig auf den Tisch vor ihm. Es sah fast so aus, als wollte er sie wegwerfen, weil ihm keine Chance gelassen wurde, sie zu behalten.

Vor ihm im Saal 2.1 des Günzburger Amtsgerichts stand ein Polizeibeamter, der die Utensilien des 19-Jährigen einsammelte. „Sehen Sie“, sagte der Vorsitzende Richter Walter Henle, „genau das ist, was der Polizist vorher mit Respektlosigkeit gegenüber der Polizei gemeint hat.“ Henle hatte zuvor erklärt, dass der 19-Jährige vorläufig festgenommen sei. Der Haftbefehl musste noch ausgestellt werden.

Der Polizist kennt den jungen Mann schon seit Jahren

Der Beamte war der einzige Zeuge am Mittwochnachmittag bei der Hauptverhandlung vor dem Jugendschöffengericht. Er kennt den jungen Mann aus einem Stadtteil von Günzburg schon seit einigen Jahren – und erwischte ihn einmal, als er im September 2018 Amphetamin – in der Szene besser als „Speed“ bekannt – im Bereich des Bahnhofs Ichenhausen in einem Tütchen mit sich führte. Damals versteckte der junge Mann vor der Kontrolle die synthetische Droge und bestritt, mit der Sache etwas zu tun zu haben. Ein Gutachten des Landeskriminalamts kam zu einem anderen Ergebnis und ordnete DNA-Spuren auf der Verpackung dem Angeklagten zu. Vor Gericht räumte er den Sachverhalt nun ein.

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Die zweite justizrelevante Begegnung zwischen dem Polizisten und dem Günzburger war Ende März 2019. Diesmal hatte der 19-Jährige in der Nähe der Nornheimer Straße eine Schreckschusswaffe bei sich. Die darf er aber in der Öffentlichkeit nur mit einem Kleinen Waffenschein führen, was ihm – so räumte er selbst ein – bewusst ist. Diesen Schein besitzt er nicht. Hausfriedensbruch und ein Diebstahl in einem Ulmer Rewe-Markt (Warenwert unter vier Euro) waren weitere Delikte, für die er sich verantworten musste.

Gegen ihn wird auch wegen eines Vorfalls auf dem Volksfest ermittelt

Alles zusammengenommen mag sich das nicht dramatisch anhören. Doch für Henle ist es genau das. Denn der großgewachsene „Heranwachsende“, wie Juristen Personen nennen, die bereits volljährig, aber noch nicht 21 Jahre alt sind, hatte schon öfters Kontakt mit der Polizei – in dieser Woche letztmals. Gegen ihn wird ermittelt, weil er am Montagabend auf dem Volksfest einem Mädchen 20 Euro gewaltsam entrissen haben soll und anschließend mit seinen Kumpels einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst hatte. Dabei wurden Beamte, wie berichtet, mit übelsten Ausdrücken belegt und bespuckt. Das Ziel von Günzburgs Polizeichef Stefan Müller ist es, wie er gegenüber unserer Zeitung sagte, ebenso sorgfältig wie schnell zu ermitteln, damit „salopp gesagt die Strafe auf dem Fuß folgen kann“.

Mit dem Vorfall vom Montag hatte das Verfahren am Mittwoch aber nichts zu tun. Dass der junge Mann aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, konnte der Richter nicht erkennen. Der Angeklagte hat bereits eine achtmonatige Jugendhaft hinter sich, nachdem andere Maßnahmen nicht gefruchtet hatten und „schädliche Neigungen“ festgestellt worden waren.

Er machte weiter, "als wäre nichts geschehen"

Aber auch nach dieser Erfahrung machte der 19-Jährige weiter, „als wäre nichts geschehen“, so Henle. Nur wenige Wochen später ging es mit den Straftaten los, die nun vor dem Amtsgericht verhandelt worden sind. Zusätzlich stehe noch eine „Sache in Neu-Ulm“ aus, ergänzte der Richter. Und wenn nach den polizeilichen Ermittlungen die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt und diese zugelassen wird, dann dürfte der Volksfest-Vorfall auch Gegenstand eines Prozesses werden, sofern der Fall nicht dieser Verhandlung hinzugefügt wird. Nach jetzigem Stand spricht nichts dagegen, dass dies alles vor Gericht aufgerollt und entsprechend sanktioniert wird.

Er erließ Haftbefehl wegen Fluchtgefahr: Richter Walter Henle.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Dass sich alles mit einer milden Strafe „zum Guten“ wenden kann, wie der Angeklagte meinte, glaubt der Vorsitzende Richter offensichtlich nicht mehr. Er sprach von dem jungen, arbeitssuchenden Mann vielmehr und auch im Zusammenhang mit den noch nicht zur Verhandlung stehenden Vorkommnissen auf dem Volksfest als „tickender Zeitbombe“.

Polizist: Die Eltern haben ihren Sohn "verloren"

Der Polizist im Zeugenstand formulierte, dass seiner Ansicht nach die Eltern ihren Sohn „verloren“ hätten. Die Mutter des 19-Jährigen durfte auf der Seite des Angeklagten mit entsprechendem Abstand zu deren Sohn und seinem Verteidiger Markus Neumann Platz nehmen.

Stolz seien seine Eltern sicherlich nicht, was er alles getan habe, räumte der junge Mann auf Nachfrage des Richters kleinlaut ein. Der entgegnete: „Wenn Sie sich mal Ihre Mutter ansehen, dann werden Sie erkennen, dass sie nicht nur nicht stolz, sondern verzweifelt ist.“ Die vergrub ihren Kopf zwischen ihren Händen, die Ellenbogen auf den Tisch vor ihr gestützt. Die häusliche Situation sei „nicht gut“, antwortete sie auf eine entsprechende Frage des Richters. Ihr Mann wolle den Sohn nach allem, was vorgefallen sei, nicht mehr im Haus haben. „Ich halte die Fahne noch oben.“

Ein psychiatrischer Gutachter soll sich den Mann ansehen

Wie groß und welcher Art die Suchtabhängigkeit des Angeklagten ist, wurde auf Antrag des Verteidigers unter Ausschluss der Öffentlichkeit erörtert. Der Angeklagte hatte, als die Prozessbesucher noch zugelassen waren, seine Situation relativiert, indem er lediglich von einer Nikotinsucht gesprochen hatte. Die Mutter erwähnte, dass ihr Sohn wegen ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) bereits in der Grundschule behandelt worden sei. In der 7. Klasse habe er sich dann geweigert, weiter Medikamente einzunehmen.

Verteidiger Neumann stellte den Antrag, von einem psychiatrischen Gutachter überprüfen zu lassen, ob sein Mandant vermindert schuldfähig oder gar schuldunfähig ist. Genau dies wird nun geschehen. Das Amtsgericht bestellte den Ärztlichen Direktor des Bezirkskrankenhauses Memmingen, Dr. Andreas Küthmann, als Gutachter.

Nach gut 30 Minuten wurde der Haftbefehl dem Mann eröffnet

Als zunächst noch freier Mann verließ der 19-Jährige den Verhandlungssaal aber nicht. Das Jugendschöffengericht folgte dem Haftbefehlsantrag von Staatsanwältin Katharina Kling, die ihn mit Fluchtgefahr begründete, und sprach die vorläufige Festnahme aus. Der Haftbefehl war dann nach etwa 30 Minuten formuliert und unterschrieben und wurde dem Angeklagten eröffnet.

Solange musste der Mann in eine Zelle nur wenige Meter von Gerichtssaal entfernt. Dann wurde er in die Justizvollzugsanstalt Kempten verlegt. Sobald das Gutachten vorliegt, kann die Hauptverhandlung fortgesetzt werden.

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