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Landkreis Günzburg

04.11.2019

Kinobetreiber Wolfgang Christ erlebte den Mauerfall in Berlin

Tag der Grenzöffnung
6 Bilder
Wolfgang Christ hat den Tag der Grenzöffnung am 10. November 1989 selbst in Berlin erlebt. Geschichte DDR BRD Soldaten Grenzsoldaten Mauer Mauerfall
Bild: Wolfgang Christ

Plus Vor 30 Jahren beeindruckten TV-Bilder Wolfgang Christ und einen Freund so sehr, dass sie nach Berlin fuhren. Es war die Reise ihres Lebens.

Es gibt Daten, die im Hirn eine Ewigkeitsgarantie haben – als ob sie eingebrannt wären. Die Nacht der Mondlandung vom 20. auf den 21. Juli 1969 sollen beispielsweise bis zu 600 Millionen Menschen vor dem Fernseher verbracht haben. Der 11. September 2001 ist so ein Datum, als entführte Flugzeuge in New York in das World Trade Center gesteuert wurden.

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Der 9. November ist ein Schicksalsdatum der Deutschen. Das Jahr 1989 ist positiv besetzt. Denn da kamen an jenem 9. November die Menschen des geteilten Deutschlands wieder zusammen. Keine Mauer konnte sie mehr aufhalten.

Bilder, die einen staunen ließen

Wolfgang Christ, der Kinos in Günzburg und Krumbach betreibt, wird diesen Tag vor nun 30 Jahren nie wieder vergessen. Er begnügte sich nicht damit, über die Bilder zu staunen, die in den Nachrichtensendungen liefen. Er und sein Freund Andreas Klee haben damals nach einem schweißtreibenden Abend im Thannhauser Sportstudio Impuls noch ein kühles Getränk zu sich genommen – und eben Unglaubliches im TV gesehen. „Es war ein Donnerstag“, erzählt Christ. „Im Fernsehen lief die Schabowski-Meldung.“

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SED-Politbüromitglied Günter Schabowski hatte – ohne es wirklich zu wissen – in einer Pressekonferenz auf Nachfrage eines Journalisten gesagt, dass DDR-Bürger künftig problemlos ins Ausland reisen könnten. Die Regelung gelte, wie er auf Nachfrage eines Journalisten sagte, unverzüglich. Er hatte durch eine Kommunikationspanne das größte Versehen in der DDR-Geschichte ausgelöst und eine Lawine ins Rollen gebracht. Erste Fernsehteams hatten sich an den Grenzübergängen und in der Nähe des Brandenburger Tors postiert.

Ein spontaner Entschluss: Wir fahren nach Berlin

Das sahen Christ und Klee – und schnell war ihr Entschluss gefasst: „Um 21.30 Uhr waren wir an diesem 9. November auf dem Weg nach Berlin.“ Der deutsch-deutsche Grenzübergang in Hof wirkte auf den 27-jährigen Christ gespenstisch. Hier war noch niemand von der Aufbruchstimmung in Berlin erfasst, von irgendwelchen Reiseerleichterungen war nichts zu sehen und zu spüren. Über die Transitroute ging es nach West-Berlin. In der Morgendämmerung erreichte das Duo aus dem Landkreis Günzburg die Stadt.

Der erste Weg führte ans Brandenburger Tor. Und da standen am 10. November nicht mehr West-Berliner auf der Mauer, wie es in den Nachrichtensendungen gezeigt worden war. Den „antiimperialistischen Schutzwall“ der DDR hatten inzwischen Soldaten besetzt.

Handfeuerwaffen unter der Kleidung

Christ kann sich an ein grenzüberschreitendes Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Bundesbürgern auf der Westseite der Mauer und den Soldaten auf der Mauerkrone erinnern. Ob sie Schießbefehl hätten, wollte einer wissen. „Nein“, lautete die Antwort. Sichtbar hatten die Polizisten auch nichts bei sich. Unter der Kleidung aber haben sie Handfeuerwaffen getragen, sagt Christ.

Soldaten sicherten am 10. November 1989 die Mauer vor dem Brandenburger Tor und das Tor selbst. Wolfgang Christ hat vor 30 Jahren vor Ort miterlebt, wie die Mauer, die Ost- und West-Berlin teilte, durchlässig wurde.
Bild: Wolfgang Christ

Auch die West-Berliner Polizei versuchte, die Menschen davon abzuhalten, auf die Mauer zu klettern. Sperrgitter waren – wie bei einem Konzert – aufgebaut, um die Menschen auf Abstand zu halten; „damit nichts eskaliert“. Der Geschäftsmann sagt im Rückblick: „Damals waren wir uns der Tragweite der Ereignisse nicht bewusst. Noch war uns nicht klar, auf welcher Reise wir uns tatsächlich befanden.“

"Leichte Volksfeststimmung" auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor

Mit der Räumung des Platzes wurde gedroht und mit dem Einsatz von Wasserwerfern. „Dazu kam es aber nie. Die West-Berliner Polizei hat gemerkt, dass es keine Chance gab, die Menschen dazu zu bewegen, den Platz zu verlassen.“ Christ bemerkte nichts von einer aggressiven oder bedrohlichen Situation. Er spürte vielmehr eine „leichte Volksfeststimmung“.

Als durchsickerte, dass an den Grenzübergängen die Schlagbäume hochgehen sollten, suchten die beiden einen der Übergänge auf, „um zu sehen, was da passiert“. Die Freunde kletterten auf einen Zaun und erkannten von dieser Warte aus, was auf der anderen Seite der Grenze geschah. Sie blickten auf Menschentrauben und eine nicht enden wollende Schlange von Trabbis. Sie sahen den ZDF-Chefreporter Alexander Niemetz, wie er wartete; wartete wie sie auf etwas, das in greifbarer zeitlicher Nähe lag.

Christ: Ich bekomme vom Erzählen noch heute Gänsehaut

Eineinhalb Stunden später war es so weit: Grenzpolizisten öffneten kommentarlos den Schlagbaum. „Wenn ich davon erzähle, bekomme ich heute noch Gänsehaut“, sagt Wolfgang Christ. Menschen, die sich nie zuvor gesehen hatten, lagen sich in den Armen. Freude, Tränen, Jubelgeschrei. „Das war mit Sicherheit eines der beeindruckendsten Erlebnisse meines bisherigen Lebens. In dem Augenblick war uns bewusst: Da ist etwas Großartiges passiert, das nicht mehr umkehrbar ist.“

Am 11. November ging es nach wenigen Stunden Schlaf im Auto auf einem Parkplatz vor Berlin nach Hause. Dort angekommen haben Christ und Klee „zwei Tage fast durchgeschlafen“. Erschöpft waren sie. Und glücklich, dort gewesen zu sein, wo Geschichte geschrieben wurde.

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