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Das Wort zu Corona (22)

13.06.2020

Lintner: „Leben in einer ländlichen Heimat ist ein Privileg“

Peter Lintner glaubt an den Silberstreif am Horizont.
Bild: Lintner

Peter Lintner war 31 Jahre lang bei der IHK. Hier spricht der ehemalige stellvertretende Hauptgeschäftsführer über mächtige Einschnitte und Chancen.

Bekannte und weniger bekannte Menschen aus dem Landkreis Günzburg geben an dieser Stelle jeden Mittwoch und Samstag ihr ganz persönliches Statement in Corona-Zeiten ab. Heute: Peter Lintner, ehemaliger stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben.

Das Leben im Ruhestand neu zu organisieren ist für mich eine Herausforderung. Pläneschmieden ist angesagt, sich weiter nützlich machen, endlich ausgiebig seinen Leidenschaften nachgehen, Freiheit genießen. Über Jahre entwickeln wir entsprechende Wunschvorstellungen, und dann? Dann wird die Welt durch einen heimtückischen Virus in wenigen Monaten so verändert, dass uns bewusst wird, wie wenig souverän wir letztlich handeln.

Der Einschnitt war mächtig. Treffen in meinen wissenschaftlichen und politischen Arbeitsgruppen sind auf unbestimmte Zeit vertagt, an Reisen ist nicht zu denken, Besorgungsfahrten werden streng dosiert und nur selten in einer Grauzone auf dem Motorrad erledigt. Die Trennung von Enkeln, Verwandten und Freunden trifft meine Familie hart. Gerade aber der Verzicht auf die kleinen Freuden des Zusammenlebens, hat uns den Wert einer intakten Gemeinschaft vor Augen geführt: kein Wirtshausdiskurs über die lokalen Ergebnisse der Kommunalwahl, kein gemeinsames Musizieren und, leider, auch keine lustigen Schafkopfrunden.

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Man führt jetzt herrliche Dialoge

Aber kein Anlass zur Klage. Es geht uns gut und unsere Mitmenschen haben ein bewundernswertes Maß an Disziplin und Engagement in dieser herausfordernden Zeit bewiesen. Im Gegenteil, der zeitweilige Verlust gemeinschaftlicher Aktivitäten öffnet auch die Chance im Kleinen Großartiges zu entdecken. So kommt endlich das Fahrrad wieder aus unserer Garage, kilometerweit werden die Westlichen Wälder zu Fuß durchstreift und die Kaulquappen am Torflehrpfad bekommen Besuch. Man führt herrliche Dialoge – in gebührendem Abstand mit Mundschutz – in der Bäckerwarteschlange, und das Nachbarschaftsschwätzle am Zaun erlangt eine neue Qualität. Bei all dem wird spürbar, dass das Leben in unserer ländlichen Heimat in einer solch angespannten Lage ein echtes Privileg ist. Immer drängender, auch in der angebrochenen Phase der Lockerungen, wird nun aber die Frage, wie es weitergeht.

Ein Blick nach vorne wird getrübt durch eine diffuse Informationslage im Schlagschatten von sozialen Medien, die sich vorwiegend an Sensationsmeldungen orientieren. Angereichert wird die so entstehende Unsicherheit durch ein Dickicht kaum zu überblickender und auch widersprüchlicher Expertenmeinungen. In dieser Situation ruht meine Hoffnung auf medizinischen Erfolgen und auf der innovativen Kraft unserer mittelständischen Wirtschaft. Sie hat ihre Qualitäten in konstruktiver Zusammenarbeit von Unternehmern und Beschäftigten in der jüngeren Vergangenheit bewiesen. Aber dem Damoklesschwert eines beträchtlichen wirtschaftlichen Rückschlags werden wir nicht entkommen.

Es mehren sich die Spuren deutlicher Bruchlinien

Der Bewahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts kommt in dieser Situation eine besondere Bedeutung zu. Es mehren sich für mich die Spuren deutlicher Bruchlinien, nicht nur wegen der Welle von Verschwörungstheorien, die ich als Dokument der Hilflosigkeit in einer komplizierten Welt ansehe. Ein bedenkliches Zeichen ist auch die immer penetrantere Suche nach Schuldigen. So gerät auch bei meinen Freunden und Bekannten in Schweden, mit denen ich gerade jetzt sehr interessante Gespräche führen kann, die stets bewundernswerte gesellschaftliche Geschlossenheit unter dem Druck von fast 5000 an Covid-19 Verstorbenen ins Wanken.

Unser Fundament hat an Stabilität verloren und der gerade in meiner Generation sehr verankerte Gedanke an ein vereintes Europa verblasst vor dem Hintergrund wachsender nationaler Egoismen. Dem gilt es entgegenzusteuern. Mit unseren sicher bescheidenen Mitteln können und sollten wir auch in unserer Region für eine intakte Gemeinschaft arbeiten und werben. Die große Hilfsbereitschaft in unserem Umfeld macht mich zuversichtlich.

Es gibt ihn, den Silberstreif am Horizont, und wir werden auch wieder Schafkopf spielen.

Zur Person Peter Lintner aus Jettingen ist 67 Jahre alt und hat an der LMU München Wirtschafsgeographie studiert und promoviert. Ab 1988 war er bei der IHK Schwaben. Lintner leitete den Geschäftsbereich Standortpolitik und war ab 2005 stellvertretender Hauptgeschäftsführer. Seit September 2018 befindet er sich im Ruhestand.

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