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30.07.2010

Meine, deine, unsere Kinder

Vater, Mutter, ihr Sohn, ihre Tochter, sein Sohn, seine Tochter, ihre Tochter, sein Sohn, ihre gemeinsame Tochter. Die Bergers sind inzwischen zu neunt - zumindest, wenn alle da sind. Foto: Stephanie Schuster
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Vater, Mutter, ihr Sohn, ihre Tochter, sein Sohn, seine Tochter, ihre Tochter, sein Sohn, ihre gemeinsame Tochter. Die Bergers sind inzwischen zu neunt - zumindest, wenn alle da sind. Foto: Stephanie Schuster
Bild: Stephanie Schuster

Neu-Ulm/Günzburg Der Uhrzeiger bewegt sich auf halb sieben zu. In der Küche klappern Teller, rücken Stühle, Kinderstimmen plappern durcheinander. "Wer möchte einen Hawaii-Toast?", ruft Mutter Karin Berger* in die Runde. "Und Schinkennudeln sind auch noch da." Tochter Julia rümpft die Nase. "Ist ja gar nichts für mich dabei." Sie ist Vegetarierin - und greift schließlich zum überbackenen Camembert. Vater Stephan Berger schiebt indes dem Nesthäkchen Emma einen Bissen in den Mund.

Eine ganz gewöhnliche Szene aus dem Alltag einer Großfamilie? Nicht ganz. Denn das Abendessen ist im Hause Berger ein festes Ritual. Es ist Treffpunkt für alle Familienmitglieder und zugleich Gelegenheit, um den nächsten Tag zu besprechen: Wer kommt früher von der Schule, wer nimmt die Muffins mit? "Je größer die Familie wird, desto mehr muss geregelt werden", sagt Stephan Berger. Und gewachsen ist die Familie Berger seit der Heirat von Karin und Stephan vor drei Jahren ganz gewaltig: Sie brachte Julia (17) und Vanessa (15) mit in die Ehe, er Jakob (16), Elisa (15) und Lukas (11). Vor zwei Jahren kam das gemeinsame Töchterchen Emma auf die Welt. Nun leben alle unter einem Dach in der Nähe von Günzburg - und was früher einfach eine Stieffamilie war, nennt man heute auf Neudeutsch Patchworkfamilie.

Die Probleme, die die Entscheidung für eine solch neu zusammengewürfelte Familie mit sich bringt, sind hingegen seit jeher dieselben. "Viele hegen den Wunsch, wieder eine normale Familie zu sein", sagt Dr. Markus Wonka, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen in Neu-Ulm.

Doch der scheitert meist an der Realität. Weil die "Blutbande", die eine normale Familie verbinden, fehlten, spielten Rituale wie das gemeinsame Essen bei Patchworkfamilien eine umso größere Rolle. "Normalerweise fällt man nicht aus einer Familie heraus, wenn man mal nicht zum Essen erscheint. Hier könnte es hingegen zum Problem werden, weil dadurch gleich die Familie als solche infrage gestellt wird."

Meine, deine, unsere Kinder

Bei den Bergers stellt das Projekt Patchwork schon lange niemand mehr infrage. Doch das war nicht immer so. "Wir waren zwei verschiedene Familien, das war oft auch für uns als Partner eine Zerreißprobe", sagt Stephan Berger. Die einen sind Frühaufsteher, die anderen sitzen gerne bis in die Puppen zusammen. Karins Töchter sind temperamentvoll, sagen sofort, was ihnen nicht passt. Stephans Kinder sind eher ruhig. "Wenn die beiden laut wurden, war das für uns schon eine Krise", erzählen Elisa und Jakob. "Aber für die war das ganz normal." Und sogar der Fernseher barg Konfliktpotenzial: Karin, die zuvor mit ihren drei Kindern in München lebte - wo ihr ältester Sohn auch jetzt noch wohnt -, ist ohne Fernseher aufgewachsen. "Und als ich hierherkam, lief den ganzen Nachmittag die Glotze." Gerade in solchen Situationen sei man hin- und hergerissen zwischen den Ansprüchen des Partners und denen der eigenen Kinder, sagt Stephan Berger. "Das erfordert viel Toleranz." Nicht nur von den Erwachsenen, sondern auch von den Kindern. Jakob und Lukas etwa hatten ihren Papa früher ganz für sich allein, am Nachmittag waren sie allein zu Hause und konnten tun und lassen, was sie wollten. "Und jetzt mach ich hier meinen Stiefel", sagt Karin Berger schmunzelnd. "Das war für die beiden vor allem am Anfang sehr schwierig." Auch mit der Ruhe war es vorbei: Vanessa spielt Schlagzeug, sie und ihre Schwester hören gerne Musik. Inzwischen haben sich die Jungs daran gewöhnt - ebenso an die Tatsache, dass im Bad auf einmal so viele Fläschchen und Tuben herumstehen. Elisa, die nur zwei Tage die Woche bei den Bergers verbringt und sonst bei ihrer Mutter wohnt, und ihre beiden Stiefschwestern sind mittlerweile richtig gute Freundinnen geworden.

Julia und Vanessa mussten dafür ebenfalls ein großes Opfer bringen: Für den Umzug zu Mamas "Neuem" ließen sie ihre Freunde zurück, mussten die Schule wechseln. Und dann auch noch von München aufs Land. "Das war der totale Rückschritt", sagt Vanessa und verdreht die Augen. Wieder Anschluss zu finden, war zudem schwerer als gedacht. "Ich hätte es mir leichter vorgestellt, weil die Mädchen sehr offen sind", erzählt Karin Berger.

Trotzdem findet Julia den Schritt mittlerweile gut. "Im Nachhinein war es super für mich." Früher war sie das Sandwichkind. "Da war sie immer ein bisschen außen vor", kommentiert ihre Mutter. In der neuen Familie ist Julia nun die Älteste. Doch der Rollenwechsel, den die neue Familienkonstellation mit sich bringt, fiel nicht allen leicht. Die Ältesten waren auf einmal nicht mehr die ältesten, die jüngsten nicht mehr die jüngsten. "Die Kinder schlüpfen in komplett neue Rollen, die sie erst einmal ausfüllen müssen", sagt Markus Wonka.

Und als dann noch die kleine Emma dazukam, änderte sich bei den Bergers wieder alles. "Für mich war es am Anfang schwierig, sie als richtige Schwester anzusehen", sagt Vanessa über die Zeit damals. Doch der kleine Wirbelwind eroberte die Herzen der großen Geschwister im Sturm. Mittlerweile ist Emma das Bindeglied, das die beiden Familien zusammenführt. Dass sie niemals zu 100 Prozent eine Familie werden können, ist den Bergers trotzdem klar. "Ich wollte für Jakob und Lukas eine richtige Mama sein, aber das habe ich nach einem Jahr aufgegeben", sagt Karin Berger. Die emotionale Bindung sei einfach nicht so stark wie zu ihren leiblichen Kindern. Und wird es auch nie werden, sagt Markus Wonka. Denn eine Stiefmutter oder ein Stiefvater sei immer nur ein "eingeweihter Außenseiter", so nennt er das im Fachjargon. "Das müssen die Eltern akzeptieren."

Den Bergers scheint das inzwischen gelungen zu sein. Ihre früheren Erwartungen bezeichnet Karin Berger mittlerweile als naiv. "Wir sind eben halb Familie und halb WG." In dem großen Haus hat deshalb jeder sein eigenes Reich, in das er sich zurückziehen kann. "Das haben wir zum Glück in einem Patchwork-Ratgeber gelesen: Schaut, dass genug Platz da ist, dass jeder seinen Rückzugsraum hat", erzählen die Eltern.

Dass die Kinder den Kontakt zu ihren leiblichen Elternteilen nicht verlieren, ist den Bergers ebenfalls sehr wichtig. "Das hier ist unser großes Glück geworden, aber der Zerbruch ist einfach da, den kann man nicht weghexen", sagt Karin Berger. Der wird sich noch bei den Enkelkindern bemerkbar machen. "Auch dann wird sich noch die Frage stellen, wen man öfter besucht." Die Unterscheidung deine/meine Kinder wird es immer geben. Zumindest ein bisschen.

Am Küchentisch beim Abendbrot, wenn der eine noch Nudeln will und der andere Tee, wenn die Mädchen die Jungs triezen, ist davon nichts zu spüren. Für den Außenstehenden ist es irgendwie doch eine ganz normale Großfamilie. Und insgeheim sind auch die Bergers stolz auf das, was sie geschafft haben. Schließlich haben sie ihr Projekt unter erschwerten Bedingungen gestartet. "In einer Phase, wo sich die Kinder langsam abnabeln, eine Familie zusammenführen zu wollen, war schon gewagt", sagt Stephan Berger. Mit kleinen Kindern wäre vieles einfacher gewesen, das weiß auch Markus Wonka. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

*Alle Namen der Familie geändert.

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